Zeitung Heute : Ein Autor trifft seine Generation: Grischa mag nicht tanzen

Benjamin Lebert

Zum ersten Mal sehe ich ihn in einer Disko. Er fällt mir auf, weil er nicht so ausgelassen wie die anderen durch die Gegend hüpft, Wangen küsst, grölt. Technomusik, Shakira, Charts. Juckt ihn nicht. Er steht da und schaut mit abwesendem Blick auf die Tanzenden, in sich versunken, traurig. Ich würde gern wissen, warum er da ist. Wir kommen ins Gespräch. Er heißt Grischa und ist mit seiner Abiturklasse da. Um zu feiern, dass sie die wichtigsten Klausuren hinter sich haben. Grischa geht in die Rudolf-Steiner-Schule. Tanzen ist nicht sein Ding.

Wir gehen raus. An hereindrängenden Neuen vorbei, kichernde Mädchen mit Piccolos in der Hand, schon angetrunken. Jungs, die sich gegenseitig heftig auf den Rücken schlagen. Sie haben gegelte, hergerichtete Haare, hennarot, wasserstoffblond, orange. "Alle sagen," sagt Grischa, "ich sollte mich auch so aufstylen. Das würde mir angeblich gut stehen..." Er zuckt die Achseln. "Ich bin, glaube ich, nicht der Typ dazu. Ich mag das nicht für mich. Es ist mir egal, ob meine Frisur langweilig ist oder nicht." Draußen ist es saukalt. Wir hätten unsere Jacken holen sollen. Wir stehen da und frieren. Wippen hin und her. Grischa ist ungefähr 1,80 Meter groß und sportlich. Seine kurzen, braunen Haare sind nach hinten gekämmt. Er hat eine weiße Hose an und einen braunen Pullover. Grischa ist in Berlin geboren. Das fast normale Schicksal: Als er vier Jahre alt war, haben sich seine Eltern getrennt. Mit seiner kleineren Schwester Katinka blieb er bei der Mutter. Der Vater zog aus, blieb aber in Berlin. Jeden Donnerstag und am Wochenende traf ihn Grischa. Er mochte seinen Vater. Als er vor anderthalb Jahren starb, war es ein schwerer Schlag. Grischas Gesicht verschließt sich, wenn er darüber sprechen soll. Er wechselt schnell das Thema.

In den letzten Sommerferien war er in England in einem Camp, in dem Familien mit ihren eigenen Kindern und mit Behinderten zusammenleben. Sie arbeiten landwirtschaftlich. Ernähren sich selbst, verkaufen, was sie produzieren. Grischa war von diesem Konzept fasziniert. Er weiß jetzt, was er werden will: Ergo-Therapeut. Ergotherapie ist eine Beschäftigungstherapie mit Behinderten. Von seiner Mutter kennt er das bereits. Sie hat eine Praxis in Kreuzberg, die er übernehmen will. Das ist seine Vorstellung. Er sieht darin seine Bestimmung. "In dem Camp habe ich eine ganz neue Sichtweise gewonnen. Als ich hinkam, dachte ich, ich müsste vielleicht den behinderten Menschen helfen. Aber es war umgekehrt. Sie haben mir wahnsinnig viel beigebracht. Da war zum Beispiel ein schwerer Spastiker. Aber niemand konnte so gut und geschickt wie er den Mist aus dem Stall auf einen ordentlichen Haufen schaufeln. Wenn ich das machte, fiel das immer wieder auseinander." Er lacht. Vor seinem Mund entsteht in der Kälte eine weiße Fahne. Sonst noch was, was in seinem Leben wichtig ist? Kampfsport, Taekwondo. Er macht das ein paar Mal jede Woche. Surfen. Die Familie hat ein kleines Ferienhaus in Griechenland am Meer. Es fängt ein bisschen an zu schneien. Wir gehen wieder hinein. In die Wärme. In den Krach.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben