Zeitung Heute : Ein Autor trifft seine Generation: Jens ist eine Sondergröße

Benjamin Lebert

An der Currywurst-Bude 104. Wilmersdorfer Straße. "Du willst also wissen, wie es ist, fett zu sein?", fragt Jens. Seine Stimme ist hoch. Belegt. Bevor er weiter redet, trägt er das weiße Papierschälchen mit den zwei Würsten zu einem der beiden Stehtische. Stellt es dort ab. Seine Hände fallen mir auf. Große, gepflegte, rosarote Patschhände. Mit kurz geschnittenen Fingernägeln. Jens ist ungefähr 1,90 Meter groß und hat hellbraune, sehr kurze Haare. Er besitzt ein bleiches, platt gedrücktes Gesicht mit vorstehendem Kinn. Die Farbe seiner Augen ist ein verschwimmendes Blau. "Wenn man 135 Kilo wiegt." Er lacht und schiebt ein Stück Currywurst in den Mund. "Und dabei habe ich schon mehr gewogen. In den Sommerferien habe ich in einem Kurheim an der Ostsee 15 Kilo abgenommen. Seitdem ich denken kann, muss ich einmal im Jahr in so ein Kurheim. Schon als ich geboren wurde, habe ich zehn Pfund und zweihundert Gramm gewogen. Meine Eltern und meine Schwester waren in diesen Ferien in Australien." Und schon wieder lacht er.

Er lacht überhaupt viel. Aber ich habe das Gefühl, das Lachen ist ein Schleier. Er muss immer der fröhliche Dicke sein. Er trägt eine hellbraune, offene Lederjacke, ein rotblau kariertes Hemd über der hellen Jeans. Die Jeans hat weit geschnittene Beine. Sondergröße.

Ich frage mich, wie es für einen 17-Jährigen sein muss, immer in der Umkleidekabine eines Jeansladens Sondergrößen anzuprobieren. "Also, fett sein ist einfach so: Du wirst überall ausgelacht, die Mädchen interessieren sich nicht für dich. Und dein Vater sagt, dass du 100 Mark kriegst für jedes verlorene Pfund. Mit anderen Worten: Es ist super." Jens geht auf eine Wirtschaftsschule. Sein Vater ist Steuerberater, und er soll später einmal die Kanzlei übernehmen. In der Schule geht es ihm gut. Lauter vorzügliche Noten. Das ist nicht sein Problem.

Freundin? "In so was wie mich verliebt sich kein Mädchen". Schweigen. Es ist, als würden sich seine Augen kurz mit Traurigkeit füllen. Aber dann lächelt er wieder. "Das ist mir eh egal. Etwas zu essen ist mir lieber." Und dann macht er sich an die zweite Wurst auf seinem Schälchen.

Freizeit? "Ich gehe gern ins Kino. Jede Woche viermal. Am liebsten historische Filme. Außerdem habe ich eine Psychotherapie angefangen. Aber ich habe wieder aufgehört. Weil der Typ gesagt hat, ich soll in einen Tanzkurs oder in eine Bewegungsschule gehen. Rhythmische Gymnastik? Ich bin doch nicht bescheuert!" Er interessiert sich für Politik. Geht zu Wahlveranstaltungen. Aus Überzeugung ist er eher rechts. Mit den Grünen hat er nichts zu tun. Er möchte eigentlich gern Politik studieren. Aber der Vater wird dagegen sein. Das Papierschälchen ist leer. "Du kannst alles schreiben, was ich jetzt gesagt habe. Aber fotografieren lasse ich mich nicht. Ich hasse Fotos. Und lasse mich nie fotografieren. Auch nicht privat. Macht doch ein Foto von einer Currywurst!"

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