Zeitung Heute : Ein Autor trifft seine Generation: Joschi und der Regenwald

Benjamin Lebert

Münchner Fußgängerzone: Gedränge, Hektik, Gequetsche vor den Kaufhauseingängen. Irgendwie passt Joschi nicht hierher mit seiner ruhigen Art zu gehen. Es ist, als ginge er nicht über Asphalt, sondern über Erde. Barfuß. Seine Hände stecken in den Taschen des schwarzen Anoraks. Es ist vier Uhr nachmittags, es schneit. Um vier Uhr nachmittags ist es am ruhigsten in einem Steakhouse. Wir dürfen Platz nehmen, obwohl wir nichts essen wollen. Joschi bestellt einen Milchkaffee.

Er hat ein blasses Gesicht, hängende Wangen, die langen braunen Haare sind hinten zu einem Pferdeschwanz gebunden. Er trägt eine runde Brille mit dünnem Rand. Womit soll er anfangen zu erzählen? Mit seinem Abitur am Gymnasium in Tutzing am Starnberger See? Seinem Zivildienst in der Gedenkstätte Dachau? Oder mit Guatemala? Wir entscheiden uns für Guatemala.

Im Sommer 1999, nach seinem Abi, hat er mit einer alternativen Gruppe in einem Work Camp einen Bauernhof in der Nähe von Lyon und einen in der Nähe von Lissabon renoviert und ökologisch umgebaut. Dabei hat er gemerkt, dass das sein Ding ist: Erde, Natur, körperliche Arbeit. Freiheit.

Nach seinem Zivildienst machte Joschi im Internet ein ökologisches Projekt in Guatemala ausfindig. Vier Deutsche von einer Regenwald-Schutzorganisation, die schon drüben waren, suchten einen fünften Mann. Anfang September 2000 flog er hinüber. Zuerst musste er an einer Schule in Honduras einen Monat lang Spanisch lernen. Dann traf er sich mit den anderen vier. Mit Holz, Werkzeug, einem Lehmofen machten sie sich auf den Weg in den Regenwald. Sechs Stunden im Jeep, zwei Stunden im Kanu.

Projekt Leguan: Auf einem Areal im Regenwald, das die Gruppe gekauft hatte, wohnen drei Bauernfamilien in verstreuten Lehmhäusern. Treiben ärmlichen Ackerbau ohne Vieh. An diesem Ort sollten nun Leguane gezüchtet werden. "Ganz schön kompliziert", sagt Joschi mit seiner kratzigen Stimme. "Käfig bauen, Leguane fangen, einsperren, bis sie ihre Eier gelegt haben. Dann dürfen sie wieder raus." Die Eier werden auf den Lehmofen gelegt, bis die Jungen schlüpfen. Ließe man die Jungen jetzt he-raus, würden die meisten umkommen.

Das Projekt soll bewirken, dass es wieder mehr Leguane gibt. Für die Bewohner bedeutet es, dass sie mit der Jagd und dem Verkauf der Tiere Geld verdienen können, ohne die Bestände weiter zu verringern. "Es ist fei gar net so einfach, Leguane zu fangen", sagt Joschi.

Er blieb bis zum Frühjahr 2001 in Guatemala. Wieder in Deutschland, schrieb er sich für das Biologiestudium in Regensburg ein. "Manchmal spüre ich noch heute dieses Gefühl. Dieses ganz intensive Gefühl zu leben, das ich damals spürte, als ich auf einem Kanu saß und den Fluss Patuca hinunterfuhr. Rechts und links an den Flussufern liefen die Hunde des Kanufahrers. Er rief ihnen auf Spanisch zu, sie sollen schneller laufen. Und das taten die Hunde dann auch. Und ich dachte, das ist das Leben..."

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