Zeitung Heute : Ein Autor trifft seine Generation: Judith feiert sich selbst

Benjamin Lebert

Vor dem letzten Donnerstag", sagt sie, "war alles total okay. Seither ist alles scheiße." Wir sitzen im Café, Judith hat sich ein großes Spezi bestellt. Sie hat einen weißen Rollkragenpullover an, in den Ohren kleine, weiße Perlen, an den Füßen schwarze Reebok-Schuhe. Die Fingernägel hat sie knallblau lackiert. Was war an dem Donnerstag? Sie sieht mich durch ihre ovalen Brillengläser an."Am Donnerstag bin ich mit Alkohol am Steuer erwischt worden. Führerschein weg. Ich war mit zwei Freundinnen bei einer Theateraufführung in unserer Schule und dann noch in einer Kneipe in der Warschauer Straße. Die hatten an diesem Tag Happy Hour. Cocktails kosteten die Hälfte. Bei der Heimfahrt kamen wir in eine Mausefalle. Eigentlich wollte der Polizist nur kontrollieren, ob ich einen Verbandskasten im Auto habe. Und ich hatte keine Ahnung, wo der ist. Das ist nämlich das Auto von meinem Vater gewesen. Ich hab bescheuert rumgesucht. Ja, und dann musste ich blasen. 1,2 Promille. Meine Freundinnen sind ausgestiegen und nach Hause gegangen. Und ich musste aufs Polizeirevier. Bluttest und noch so ein paar Reaktionsprüfungen. Führe deinen rechten Zeigefinger mit geschlossenen Augen zur Nase. Bis vier Uhr war ich da. Der einzige Nette war der Typ, der mir das Blut abgenommen hat. Als ich rausgekommen bin, habe ich geheult. Schein weg. Und das Vertrauen meines Vaters auch. Wieder."

Judith wohnt mit ihrem Vater und seiner Freundin in Friedenau. Ihre Mutter ist vor sieben Jahren gestorben. Bis dahin war sie eine gute Schülerin. "Danach habe ich viel scheiße gebaut." War schlecht in der Schule, hat geschwänzt, ist von zu Hause abgehauen. "In letzter Zeit habe ich mich aber wieder gebessert. Meine Noten sind wieder gut, sehr gut sogar." Sie macht gerade das Abitur auf dem Paul Natorp-Gymnasium. Sie schafft es, sagt sie. "Und mein Vater vertraut mir. Deswegen leiht er mir ja auch sein Auto. Und ich selbst bin der, der alles verbockt hat. Das ist das Schlimmste."

Judith wirkt tough, vorlaut, kumpelhaft. Ihre Freundinnen bezeichnet sie als Mädels, die Jungs, die sie kennt, als Kumpel. Hat sie einen festen Kumpel? "Nö. Seit den Klausuren nicht mehr. Aber ich haue jetzt ganz schön rein. Ich kann machen, was ich will." Zum Beispiel in Clubs gehen. Rocket, 90 Grad. "Ich liebe das. Den Auftrieb dort. Leute sehen, tanzen, alles flimmert vor deinen Augen. Du hast Spaß. Und am nächsten Morgen kannst du mit deinen Mädels drüber labern. Im Club wird gefeiert." Was? "Wir feiern uns. Wir feiern einfach, dass wir leben, da sind. Seitdem ich so ausgehe, habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass ich einer Generation angehöre." Sie hat schulterlange braune Haare mit blonden Strähnen, zu einem kleinen Pferdeschwanz zusammen gebunden. Manchmal redet sie auch ganz unvermittelt sehr ernst. Sie nimmt einen Schluck Spezi, zögert, sagt: "Unser Leben ist nicht zu wichtig. So kann man es ja auch sehen. Irgendwie glaube ich, dass es nicht so dramatisch ist, nicht zu leben. Viele leben ja schon nicht, während sie leben."

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