Zeitung Heute : Ein Autor trifft seine Generation: Judits Eifersucht auf die Musik

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In der Schule, 10. Klasse, Erich-Hoepner-Gymnasium in Berlin, ist Judit eine O.K.-Schülerin, was heißt: nicht besonders gut, aber auch nicht schlecht. Sie kommt durch, sagt sie und lächelt. Sie lächelt öfter, als sie lacht. Ihre Lippen sind sehr fein und blass. Blasse Lippen in einem fast farblosen Gesicht, in dem das kleine, dunkle Muttermal auf ihrer linken Wange besonders auffällt. Sie hat schulterlanges, braunes Haar, hinten zu einem Pferdeschwanz gebunden, vorne fallen dichte Strähnen über ihre graugrünen Augen. Beim Reden zupft sie an ihren Haaren, zieht sie tiefer ins Gesicht, schiebt sie hinter die Ohren. Sie wirkt zart. Sehr mädchenhaft. Ihre Stimme ist ebenfalls zart und leise. Ich muss sie oft bitten, einen Satz zu wiederholen, weil ich ihn nicht verstanden habe. Auch die Kellnerin fragt zweimal, bevor sie ihre Bestellung - Aprikosennektar - aufnimmt. Irgendwie passt der Aprikosennektar gut zu Judit. Sie trinkt ihn in kleinen Schlucken. Und setzt das Glas vorsichtig auf den Tisch. Sanft und unberührbar kommt sie mir vor, wie sie so dasitzt in ihrer hellblauweiß-karierten Bluse, schmal, hübsch.

Judit ist nicht in Berlin geboren, sondern - ja, wo? Den Ort will sie nicht nennen. Es muss ein schlimmer Ort sein, den sie nicht preisgeben will. "Das ist mir peinlich", sagt sie. Sie war zwei Jahre alt, als die Familie von diesem unsagbaren Platz nach Berlin umzog. Als sie neun Jahre alt war, trennten sich die Eltern. Der jüngere Bruder blieb beim Vater. "Meine Mutter ist Staatsanwältin, ihr neuer Freund ist Richter. Mit ihm leben wir seit sechs Jahren zusammen. Ich verstehe mich mit ihm gut. Mit dem Kai kann ich über alles reden. Auch wenn ich Liebeskummer habe." Was sie aber zur Zeit nicht hat. Ihre Augen glänzen, als sie von Jannis spricht. Jannis ist zwei Jahre älter und geht in die zwölfte Klasse im gleichen Gymnasium. Aber das ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass er in einer Band spielt. Die Band heißt Strandgut. "Saxofon, Gitarre, Klavier spielt er ganz toll", schwärmt sie. "Und er schreibt auch die meisten Songs. Die Band hat richtigen Erfolg, die hat viele Auftritte und Studioaufnahmen."

Manchmal ist sie fast eifersüchtig auf die Musik. Wenn er immer damit zu Gange ist und wenig Zeit hat für sie. "Außerdem fängt bei Jannis bereits das Lernen aufs Abitur an. Wir sehen uns zur Zeit nicht häufig, obwohl er um die Ecke wohnt." Langweilig ist es ihr trotzdem nicht. Sie geht regelmäßig ins Fitness-Center, macht einen Yoga-Kurs, malt Leinwände voll mit Acrylfarben und Asche. Sie liest viel. Anna Karenina von Tolstoi gegenwärtig. Und sie geht immer um neun Uhr ins Bett. Außer am Wochenende. "Was alle Leute komisch finden." In den Händen rollt Judit einen zusammengefalteten Zettel. Ich will wissen, ob ein Gedicht drauf steht. Sie lächelt. "Nein, das ist ein Informationsblatt. Das habe ich von meiner Freundin. Betrifft die Pille. Wenn man unterwegs ist. Soll ich vorlesen?" Sie liest. Ich denke, sie will damit zum Ausdruck bringen, dass sie voll dabei ist. Auch, was das Sexuelle betrifft. Ein zartes Mädchen. Das sich auf eine Reise macht.

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