Zeitung Heute : Ein Autor trifft seine Generation: Maxie mag zarte Männer

Benjamin Lebert

Süß. Das ist das Wort, das einem als erstes einfällt, wenn man Maxie sieht. Süß, wunderschön, funkelnd. Schwarze Hose, ein quer gestreiftes buntes Oberteil, ein Ausschnitt, der einen umhaut. In dem Ausschnitt baumelt eine silberne Kette mit einem Drachen als Anhänger. Sie lacht: "Ich habe noch einen Drachen. Soll ich ihn dir zeigen?" Sie hebt das Oberteil. Der zweite Drache sitzt in ihrem Bauchnabel. Er ist ebenfalls silbern. Drachen, sagt Maxie, sind großartig. "Ich will mir auch noch einen in den Nacken tätowieren lassen. Süß, oder?"

Sie bestellt ein Ginger Ale. Ihre braunblonden Haare sind zu einem Knoten gesteckt. In den Ohren schaukeln große silberne Kreolen. Maxie geht in die elfte Klasse eines Gymnasiums in Lichtenrade. Sie ist die jüngste Schwester von drei Brüdern. Die sie alle mag. Einer davon hat Politologie studiert und ist dann nach New York gegangen. "Er hat jetzt da was mit der Börse zu tun", sagt sie. Sie hat ihn einmal besucht, findet New York und das, was er macht, ganz toll. "Das kommt für mich auch in Frage, wenn ich das Abitur schaffe." Noch zwei Jahre bis dahin. Diese letzten beiden Jahre will sie die Schule wechseln. Will auf eine Gesamtschule in Kreuzberg gehen. Einfach noch mal eine andere Umgebung haben.

Unser Treffen findet in der Woche des schrecklichen Geschehens in Erfurt statt. Ich frage sie, wie sie das aufgenommen hat. "Der Typ, der das gemacht hat, tut mir Leid. Wäre nur einer in seinem Umfeld gewesen, der sich seiner angenommen hätte, sich für ihn interessiert hätte, dann wäre das wohl nicht passiert." Sie lehnt sich zurück. Eine Weile schweigt sie. Dann sieht sie mich an. "Was mich so nachdenklich macht, ist, dass er sofort aufgegeben hat, als der Lehrer ihn angesehen und mit seinem Namen angesprochen hat. Robert, du?" Ich frage weiter. Kennt sie so jemanden, der alles in sich verschließt? Total einsam ist? "Ja", sagt Maxie. "Es gibt sogar ein paar, bei denen hat man das Gefühl, wenn man sie beobachtet, dass in ihnen heimlich Blitze zucken, die irgendwann explodieren könnten."

Themawechsel: Männer. "Ich hatte Ende letzten Jahres bis Anfang diesen Jahres eine schmerzhafte Trennung." Nach anderthalb Jahren. Jetzt gibt es niemanden mehr. "Ich wäre schon bereit, wenn jemand daher gelaufen käme." Sie mag gern liebe, zarte Männer. Keine mannhaften, muskulösen. "Und sie müssen wunderbar riechen. Männer, die gut riechen, finde ich ganz toll." Sie nimmt einen Schluck von ihrem Ginger Ale. Lächelt mich an. Ich frage sie, auf welchem Planeten im Weltraum sie gerne Urlaub machen würde. Da überlegt sie kurz. "Eigentlich am liebsten auf dem Mond. Aber nicht zu lange. Weil mir die Erde dann schon fehlen würde. Ich würde einfach hinfliegen, ein bisschen rumlaufen und mich wieder auf die Heimreise machen."

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