Zeitung Heute : Ein Autor trifft seine Generation

Benjamin Lebert

Vielleicht liegt es an diesem wunderschönen Vorfrühlingsnachmittag, an dem ich Janna treffe: dass sie mir wie ein Sonnengeschöpf erscheint. Strahlend, leuchtend, hell. Ein Mädchen mit schulterlangen, blonden Haaren, Augen, die grün und blau funkeln. Wir sitzen vor einem Café in Charlottenburg. Man hat das Gefühl, die Leute auf der Straße fangen jeden Moment zu pfeifen an. So schön ist die Welt. Janna trägt eine schwarze, dünne Reißverschlussjacke und eine braune Hose. An den Ohrläppchen baumeln silberne Ringe. Zwischen ihren Beinen steht ein großer Wanderrucksack auf dem Boden. Nachher fährt sie mit dem Zug nach Frankfurt an der Oder, wo sie studiert. BWL - was sonst. Fast jeder, habe ich manchmal das Gefühl, studiert BWL. Die Europauniversität in Frankfurt an der Oder ist Janna von der ZVS als Studienort zugewiesen worden. Es ist die Universität mit dem höchsten Ausländeranteil unter allen deutschen Universitäten. Ein Drittel Japaner, Amerikaner, Afrikaner. Die größte Gruppe sind Polen.

Ursprünglich wollte sie pendeln. Ist jeden Tag zwei Stunden von Berlin nach Frankfurt und wieder zurückgefahren. "Auf die Dauer war das einfach zu stressig", sagt Janna. "Obwohl wir im Zug eine richtige Clique waren. Mit einem Mädchen, das ich da kennen gelernt habe, bin ich dann in Frankfurt zusammengezogen. Wir haben eine richtig tolle Wohnung. Drei Zimmer in einem Altbau. Die Miete ist nicht teuer." Sie sieht mich durch ihre Brille an. Kleine, eckige Gläser, ein dünnes grünlich-blaues Gestell, das zu ihren Augen passt. Sie redet schnell. Es ist, als wären die Worte in ihrem Kopf noch nicht ausformuliert, da sind sie schon ausgesprochen. Ein schneller, freudiger Redefluss.

Janna bezeichnet sich als Familienmensch. "Ich kann nicht verstehen, wieso manche in meinem Alter so bescheuert über ihre Familien reden. Meine gefällt mir sehr gut. Ich fahre jedes Wochenende mit dem erstmöglichen Zug nach Hause." Ihre Eltern trennten sich, als sie vier Jahre alt war. Sie blieb zusammen mit ihrer älteren Schwester bei der Mutter. Die Eltern verstehen sich immer noch gut, die Mutter lebt mit einem Mann zusammen, der für Janna ein zweiter Papa geworden ist. Aus ihrer Schulzeit hat sie einen Freund, Florian. "Das mit Frankfurt ist natürlich nicht ideal. Ich merke, dass wir uns schon voneinander entfernen. In Frankfurt findet man wenig Kontakt zu den Kommilitonen." Sie hat sich das schön vorgestellt: die vielen verschiedenen Kulturen. Aber es zeigte sich, dass alle innerhalb ihrer Sprachgruppen bleiben. Das Studium selbst? "Ach ja. Ich habe beobachtet, dass viele, die das studieren, fest an ihre Karriere denken." Nach einem kurzen Zögern: "Stell dir vor, wir hatten unlängst so einen Managerkurs, da sagte der Dozent: Wenn man anderen beruflich was Gutes tut, tut man sich selber nichts Gutes. Und das haben alle um mich herum eifrig in ihre Hefte geschrieben." Ich frage sie, ob sie für sich im Leben eine Aufgabe sieht. Sie lacht. "Aufgabe, das klingt so schulmäßig. Nach Hausaufgaben. Und darauf habe ich keinen Bock."

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