Zeitung Heute : Ein Autor trifft seine Generation

Benjamin Lebert

Anikas Lieblingswort ist krass. Es ist krass kalt draußen. Die Zitronenscheibe in ihrem Spezi ist krass gesund. Es ist krass schwierig, die Tochter eines Mathematiklehrers zu sein, wenn man nicht gut in Mathe ist. Ihr Freund ist krass lieb. Am Telefon hatte sie eine rauchige Stimme. Sie raucht Gauloises während unseres Gesprächs im Café, vier Stück genau. Und sie spricht mit leicht französischem Akzent, obwohl sie Berlinerin ist. Sie wäre gerne Französin, sagt sie. Trägt zur Zeit den französisch-romantischen Stil, der seit dem Film Moulin Rouge schwer angesagt ist. Oder vielmehr: krass. Spitzenunterhemd, das den Busen fast frei lässt. Eine schwarze Strickjacke darüber, Rüschenrock. Neben ihrer Nase klebt ein kleines, kreuzförmiges Schönheitspflaster. Sie ist klein, zierlich, hat braunes, dickes, wild bewegtes Haar. Das klassische Wort, das einem zu ihr einfällt, ist: süß.

Anika ist in Berlin geboren. Wohnt mit ihren Eltern in Wilmersdorf. Einzige Tochter. Sie geht in die zehnte Klasse Gymnasium. Was sie werden will, weiß sie: Schauspielerin, Drehbuchautorin oder Tänzerin. Wahrscheinlich hat sie einiges Talent. Allein mit den hochgezogenen Augenbrauen kann sie eine ganze Skala von Gefühlen ausdrücken. Man hat das Gefühl, sie spielt mit ihrem ganzen Körper. Die Beine zieht sie mal hoch, mal schlägt sie sie übereinander, mal sitzt sie im Schneidersitz auf ihrem Stuhl. Sie bewegt sich ständig. Ihre Fingernägel sind rot lackiert. Dass der Lack abblättert, ist Absicht. "Frauen, die ihre Nägel total ordentlich lackieren, finde ich etwas komisch. Besonders knallrot", sagt sie und lutscht die Zitronenscheibe aus.

Anikas Freund heißt Hannes. Er geht in dieselbe Klasse. Sie kennen sich ewig, zusammen sind sie seit eineinhalb Jahren: "Alle sagen, weil wir uns schon so lange kennen, geht das wieder auseinander. Aber ich möchte das nicht. Er ist mein großes Glück. Manchmal, wenn wir verabredet sind, ich auf ihn warte und er dann kommt, fällt mir auf, wie schön er ist."

An den Wochenenden gehen sie zusammen tanzen, meistens in Prenzlauer Berg. Anika darf bis ein Uhr wegbleiben. Manchmal übernachtet sie auch bei ihm. Seine Eltern sind nicht so streng. Unlängst war sie mit ihm auf einem Jahrmarkt, da hat er ihr Zuckerwatte gekauft, die erste Zuckerwatte ihres Lebens.

Anika hat oft Angst, dass sie etwas versäumt, dass sie nicht genug Zeit hat. "Woher soll man wissen, wie viel Zeit man hat? Es ist eine furchtbare Vorstellung, dass man stirbt und man hat nicht genug erlebt. Man hat die Zeit nicht genützt." Wie stellt sie sich das vor - die Zeit nutzen? "In See stechen, irgendwie. Es muss ja kein Schiff sein. Es müsste nur was zu entdecken geben. Bloß nicht jeden Tag das Gleiche machen: morgens aufstehen, Zähne putzen, zur Arbeit gehen, abends nach Hause kommen, Zähne putzen, ins Bett gehen." Als wir das Café verlassen, ist es dunkel geworden. Es regnet. Sie wickelt sich einen grünen Schal um den Kopf. "Au revoir", sagt sie und hüpft über die Straße.

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