Zeitung Heute : Ein Autor trifft seine Generation

Benjamin Lebert

Sie steht vorm Kulturkaufhaus Dussmann in der Friedrichstraße. Als erstes fällt an ihr auf, dass sie gar nichts Kokettes an sich hat. Sie trägt Klamotten, die sich zu beschreiben nicht lohnt - Kleider, einfach Kleider. Das Nächstbeste, das im Schrank hängt. Einen Wollschal um den Hals. Ein ernsthaftes Lächeln, als sie mir die Hand reicht. Es regnet, wie immer in letzter Zeit in Berlin. Sie heißt Madlen, steckt gerade in den letzten Abiturvorbereitungen. Geht mit langen Schritten neben mir her, die Hände in den Taschen.

Wir gehen zur "Nolle". Ich bestelle eine Tomatensuppe, sie möchte nur einen Kirschsaft. Sie ist sehr schmal, etwas blass, hat ihre langen braunen Haare tief im Rücken zum Pferdeschwanz gebunden. Abitur also. Und danach? Biologiestudium. "Von klein auf waren mir Tiere die wichtigsten Wesen in meinem Leben. Wir hatten eine Zeit lang zu Hause Kaninchen. Aber ich interessiere mich nicht so sehr für Haustiere. Mehr für Tiere, draußen in der Natur. Die zu beobachten macht mich glücklich. Sie müssen einfach nur da sein, eine Amsel auf einem Ast, oder eine Erdkröte, die ich im Wald entdecke. Sie sind alle so schön, die Tiere. So frei. So unabhängig. Auf diesem Gebiet will ich mir einen Beruf suchen, Meeresbiologin oder Primatenforscherin vielleicht."

Madlen ist in Strausberg bei Berlin geboren. Dritte Ehe des Vaters, erste der Mutter. Sie hat noch eine jüngere Schwester. Der Vater ist Lehrer, Abteilungsleiter im Bezirksamt für Schule und Sport. Er war auch mal ihr Leichtathletiktrainer. Heute ist ihr der Sport nicht mehr wichtig. Sie interessiert sich für Politik. Trat vor zwei Jahren in die Junge Union ein, wo sie zunächst stürmisch begrüßt wurde. Weil junge Frauen in der Politik selten sind. Aber dann sprach sie ein bisschen zu viel über Tierschutz, insbesondere über das Schicksal der Robben, und verlor damit etwas an Beliebtheit. Ein Junge, Knut hieß er, fragte, was denn da für eine Ökotussi zu ihnen gekommen sei. Knut ist heute ihr Freund. Sie liebt an ihm unter anderem, dass er so tolerant ist. "Für ihn ist okay, was ich mache, mit Tierschutz und so weiter. Es ist nicht sein Spezialgebiet, aber er unterstützt mich. Vor drei Wochen habe ich beschlossen, als Vegetarierin zu leben. Dafür hat er Verständnis, obwohl er selbst Fleisch isst. Bei mir zu Hause ist das etwas anders. Ich hab es ihnen noch nicht gesagt. Aber ich weiß jetzt schon, dass sie sich aufregen. Es ist nicht normal, findet mein Vater. Es ist ungesund und außerdem kommt man dadurch in eine Randgruppe. Randgruppe ist was Schlimmes. Man soll sich möglichst normal verhalten."

Nach dem Abitur macht Madlen ein Praktikum auf einer Robbenstation in Norddeich. Zum Studium will sie von zu Hause weg, nach Bremen. Sie trinkt ihren Kirschsaft und antwortet auf die Frage, welches Tier ihrer Ansicht nach am ehesten mit ihr verwandt ist: "Der Delfin auf jeden Fall." Auch wenn sie sich in letzter Zeit weniger politisch engagiert - Frage: Ihr Tipp zur Bundestagswahl? Da liegt sie rechts. "Stoiber", sagt sie. "weil von dem viel zu erwarten ist, finde ich."

Wer will von Benjamin Lebert interviewt werden?

E-mail an Sonntag@Tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben