Zeitung Heute : Ein Autor trifft seine Generation

Benjamin Lebert

Eine Liebesgeschichte: Zwei Kinder aus relativ armen Familien lernen sich bei der Wasserpumpe auf dem Campingplatz in Gatow kennen. Da waren sie beide etwa vierzehn, und in Gatow waren sie jedes Jahr in den Ferien. Weil das Geld für Auslandsreisen fehlte. Daheim ist es am billigsten und am schönsten, fanden beide Eltern. Aus der Begegnung wurde mit den Jahren ein Liebespaar. Er wurde Feuerwehrmann. Und sie wurde seine Braut, "und das sind meine Eltern," sagt Peer und lächelt.

Peer sitzt im Freien vor dem "Schwarzen Café", raucht eine Zigarette nach der anderen und trinkt einen Milchkaffee nach dem anderen. Er ist ein sehr gut aussehender junger Mann, und er weiß das auch. Er ist Schauspieler. Spielt in "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", und einmal hat er auch im "Bullen von Tölz" mitgewirkt. Außerdem moderiert er jeden Samstag um 17 Uhr 45 eine Jugendfußballsendung, "Fujuma", im DSF. Was man halt so macht als junger Schauspieler. Wenn man noch gar nicht so lange weiß, dass man überhaupt Schauspieler werden will.

Als Peer im Leonardo da Vinci-Gymnasium das Abitur machte, wusste er gar nichts. "Wer ich bin, was ich machen soll, keine Ahnung. Ich dachte, ich reise mal so durch die Gegend, nach Frankreich, nach Griechenland, nach Tunesien, nach Afrika... Ich habe jeden Job angenommen, den es gab. Kinderaufpasser, Wasserskilehrer, Eisverkäufer und so weiter. In Aix-en-provence traf ich eine Straßentheatergruppe, unterhielt mich ein bisschen mit denen und konnte mitmachen. Wir schrieben unsere eigenen Theaterstücke und traten überall auf. An der Südküste, die Atlantikküste hinauf, es war ein fantastische Zeit." Er sitzt da, groß und blond, und schnippt die Zigarettenasche in den Aschenbecher. Ich sage: "Du hast ja wirklich tolle blaue Augen." Da grinst er ein bisschen. "Du bist nicht der erste, dem das auffällt." Er schnieft. Er schnieft häufig. Es wirkt wie eine nervöse Angewohnheit. Er wirkt aufgedreht, unruhig, manchmal fast hysterisch. Während wir miteinander sprechen, klingelt zweimal sein Handy. "Ah, Tina..." und "Ah, Liebes..." Er dürfte eine Menge Freundinnen haben. Aber er sagt: "Ich habe keine feste Beziehung. Immer, wenn ich jemanden kennen lerne, habe ich schnell das Gefühl, dass wir irgendwie keinen gemeinsamen Punkt finden." Und dann sagt er: "Ich steuere ohne Mittelpunkt durchs Leben. Eine neue Bekanntschaft wird von mir gleich mit hundert erträumten Eigenschaften ausgestattet. So wird es sein, wenn wir am Strand liegen, so wird es sein, wenn wir uns küssen. Und ich bin dann immer entsetzt, wenn es ganz anders ist. Verstehst du?"

An der Kantstraße sausen die Autos vorüber. Wenn es jemanden gäbe, der alle, wirklich alle Fragen beantworten könnte, aber nur eine einzige beantworten würde - welche würde Peer stellen? Er überlegt ein wenig und sagt dann: "Ich würde ihn fragen, was ich am Ende meines Lebens bereue."

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