Zeitung Heute : Ein Autor trifft seine Generation

Benjamin Lebert

Ein Chinese in Berlin: Wir sitzen zusammen in einem Café, eine Fanta vor ihm, ein Spezi vor mir. Seine Klamotten sind alle aus blauem Jeansstoff. Hose, Jacke, darunter ein weißes Hemd. Er wirkt auffällig dezent mit seiner Brille, seinen kurzen, vorne nach oben gegelten Haaren. Die sind nicht schwarz wie normalerweise chinesische Haare, sondern kupferblond gefärbt. Warum? Weil ihm das ewige Schwarz auf die Nerven geht.

Er hat kleine Hände, die das große Fantaglas umfassen. Wenn er nachdenkt, streicht er langsam mit dem kleinen Finger über die Lippen. Wai Keangs Eltern kamen vor fast 30 Jahren von Hongkong nach West-Berlin, "weil sie dachten, in Deutschland verdient man besser". Der Vater arbeitete als Koch in einem Chinarestaurant. Wai Keangs Bruder wurde in Berlin geboren. Nach drei Jahren wechselten sie nach London. Dort kam die Schwester zur Welt. 1980 zog die Familie wieder nach Berlin. Hier war dann der Geburtsort von Wai Keang. Bis heute leben die Keangs in Charlottenburg.

Ein Chinese in Berlin: Ich frage ihn, ob Deutschland seine Heimat ist. Kleiner Finger über der Lippe. "Eigentlich schon, weil ich hier aufgewachsen bin und meine Einstellung doch eher europäisch ist. Abwechslungsreicher, nicht so konservativ. In Hongkong stehen die traditionellen Dinge im Vordergrund. Zum Beispiel wäre es in Hongkong unmöglich, die Eltern beim Vornamen zu nennen, und auch die älteren Geschwister. Man sagt Mutter, Vater, Große Schwester, Großer Bruder."

Er geht in die dreizehnte Klasse der Schiller-Oberschule, macht gerade sein Abitur. Drei Jahre lang ging er zusätzlich nachmittags in eine chinesische Schule. "Von da sind auch die meisten meiner Bekannten." Er spricht gut Deutsch, wenn ihn auch die Grammatik wahnsinnig macht. Chinesisch findet er schöner. Einfach so als Sprache. Chinesisch spricht er mit seinen Eltern. Mit seinen Geschwistern spricht er Deutsch. Ungefähr alle drei Jahre verbringt er die großen Ferien in Hongkong. "Und ich fühle mich fremd dort. Das Motto Time is money gilt dort alles. Man merkt das sofort, wenn man nur auf die Straße geht. Das ist hier nicht so. Die Leute hier betrachten Zeit auch als etwas, das man verschwenden kann. Ob das gut ist, weiß ich nicht. Aber es ist auf alle Fälle angenehmer."

Wai Keang lächelt höflich. Er ist überhaupt ein höflicher Typ. Wirkt sehr bescheiden. Wenn er lächelt, senkt er den Blick. Die Menschen sind alle so unterschiedlich, sage ich. Aber gibt es bei ihm etwas, das ihn noch mehr von den anderen unterscheidet als seine Herkunft? Stille. "Ja. Mein Herzfehler. Den ich von Geburt an habe. Ich muss einen Schrittmacher tragen. Ich muss sehr behutsam leben." Er hat keine Freundin. Was bedeutet ihm Liebe vor allem? "Unterstützung", antwortet er.

Der Autor hat den Bestseller "Crazy" geschrieben.

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