Zeitung Heute : Ein Autor trifft seine Generation

Benjamin Lebert

Jemanden wie ihr begegnet man eigentlich in keinem Café. Es passt nicht zu ihr, an einem kleinen, runden

Tisch zu sitzen, mitten unter Leuten, und ein Glas Selters zu bestellen. Jemandem wie ihr, stelle ich mir vor, begegnet man im Wald. In einem tiefen Wald, wenn man vom Weg abgekommen ist. Und da steht sie dann, klein, mit einem fuchsigen Blick, mit einem Gesicht, das hinter den wilden, braunen Haaren fast verschwindet. Daria. Ungewöhnlicher Name, ungewöhnliches Mädchen.

Den Namen hat sie deshalb, weil ihr Vater als Lehrer einmal eine Schülerin hatte, die so hieß. Und ihre Ungewöhnlichkeit? Die hat sie vielleicht von einem Waldgeist... Daria wohnt mit ihrer Familie in einer Vierzimmerwohnung in Tempelhof. Ihre jüngere Schwester ist noch da, der ältere Bruder ist bereits ausgezogen. Mit zur Familie gehören ein Hund, eine Katze, ein Vogel. Ich versuche, mir ihr Zimmer vorzustellen. "Ach was", sagt sie, "ganz normal. Schrank, Bett, Vogelkäfig." Wenn sie spricht, kommen die Worte anfangs schnell, werden dann langsamer, als ginge ihr die Energie aus. Dann atmet sie durch, schöpft neue Kraft, legt wieder los.

Mit ihrer Stimme hatte sie vor einiger Zeit ein echtes Problem. Sie konnte sie nicht ertragen. Sagte lieber nichts. Wenn sie mit ihrem Hund spazieren war, konnte sie ihn vor einem Tümpel nicht zurückrufen. Sie begann mit systematischen Sprechübungen auf Tonband. Jetzt geht es wieder, sagt sie. Daria wiederholt gerade die elfte Klasse des Aska-Gymnasiums, und diesmal schafft sie es. Sie denkt jetzt ans Abitur. Später will sie dann Spanisch studieren und Lehrerin werden. Sie blickt mich an mit ihren ernsten, unverwandten Fuchsaugen. "Bis jetzt will ich das. Aber wer weiß." Sie holt eine blaue Mappe aus ihrer Tasche. "Ich lese dir jetzt was vor." Es ist ihr gleich, dass hundert Leute herumlaufen, Tische rücken, Gläser klappern. Daria liest: Eine Geschichte, die sie geschrieben hat. Sie schreibt immer nachts. "Katzenzeit hier" heißt diese Geschichte. Sie handelt von einem Jungen und einer Katze. Eine merkwürdige Geschichte. Daria verkrampft die Finger ineinander beim Vorlesen. Als sie fertig ist, sagt sie: "Wenn man schon Schriftsteller ist, muss man sich nicht mehr an Regeln halten, Komma und so. Aber wenn man es werden will schon. Man muss die Regeln ja kennen, wenn man sie brechen will."

Sie schiebt die Ärmel ihres karierten Hemds hoch. Ein Holzfällerhemd. Darüber ein Pullunder. Warum fällt mir nur immer der Wald ein? "Kellner, zahlen!" schreit einer am Nebentisch. "Was ist für dich außergewöhnlich?", frage ich sie. Daria antwortet: "Wenn man keine Schau macht. Wenn man nicht ständig etwas macht, damit die anderen es sehen. Sondern, weil man es einfach nur machen will. Es gibt so viele Leute, die eine Schau machen. Und dahinter ist gar nix." Ich wünsche mir von ihr, dass sie mir etwas in meine Hand schreibt. Mit ihrem Kugelschreiber schreibt sie mir hinein: "Hand."

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