Zeitung Heute : Ein Baby mit dem Gen gegen Frost

Warum die Dänen Tannen klonen

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Herr Find, Sie verändern das Erbgut von Weihnachtsbäumen. Warum tun Sie das?

Weil 40 Prozent der Bäume, die die Hersteller aufziehen, nicht verkauft werden können. Sie haben Fehler. Die Äste sind nicht symmetrisch verteilt oder die Abstände zwischen ihnen sind zu groß. Nur zehn Prozent aller Bäume wachsen erstklassig. Die Hersteller möchten einfach mehr schöne Tannen. Sie gehören ja immerhin zu den wichtigsten Exportgütern der dänischen Landwirtschaft.

Wie klont man Weihnachtsbäume also?

Wir arbeiten hier an der Nordmanntanne, dem Hauptexportprodukt. Wir öffnen das Saatkorn eines schönen Baumes und entnehmen ganz, ganz junges Pflanzenmaterial, einen Zellklumpen, sozusagen. Jeder Zellklumpen enthält viele tausend Embyronen, so nennen wir unsere Babys. Wenn sie noch ganz klein sind, bringen wir in einer Petrischale fünf- bis zehntausend „Bäume“ unter. Diese Zellen regen wir dann an, sich ungeschlechtlich, also ohne Partner, zu vermehren: sich zu teilen, Kopien von sich zu schaffen. Normalerweise nimmt man beim Klonen einen schönen Vater und eine schöne Mutter und hält nach schönen Kindern Ausschau, das dauert aber furchtbar lange. Eigentlich hilft das Klonen also nur, die Aufzucht zu beschleunigen. Nach vier Monaten kann man schon Minibäume erkennen.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie das geschafft haben?

Mehr als zehn Jahre. Früher kamen immer nur Zweige heraus.

Weihnachtsbäume und Klonen – klingt irgendwie hässlich zusammen. Sollte man gerade zu Weihnachten nicht auch ein Herz für krüppelige Kiefern haben?

Wir klonen ja nicht nur für eine schönere Form. Es wäre auch gut, die Bäume wären frostresistenter; gerade die Nordmanntanne ist gegen Nachtfrost sehr empfindlich. Oder weniger schnell entflammbar, da möchten wir den Wassergehalt erhöhen. Oder wehrhafter gegen Insekten, dann könnte man Pestizide sparen. Deshalb wollen wir dem Erbgut unserer Babys auch ein Gen des Schneeglöckchens beigeben. Das Schneeglöckchen ist sehr kämpferisch gegenüber Insekten.

Wann wird man die ersten Klone also kaufen können?

Wir haben gerade die Feldversuche gestartet. Unsere ersten Bäumchen müssen jetzt erst einmal vier, fünf Jahre wachsen.

Fragen: Christine-Felice Röhrs

Jens Find, 43 , ist Biologe und leitet das Labor im Botanischen Garten der Universität Kopenhagen. Seit 1990 arbeitet er daran, Tannenbäume zu perfektionieren. Jetzt klappt’s.

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