Zeitung Heute : Ein Baum im Niemandsland

Der Chef der sächsischen Geiseln ist eine tragische Figur, könnte man denken, doch er gibt nicht auf

Armin Lehmann[Leipzig]

Als die Meldung vom neuen Entführervideo Leipzig erreicht, steht Peter Bienert vor der Nikolaikirche, ein Baum von einem Mann, in der Hand eine Kerze. Es ist Montag, gerade ist das Friedensgebet von Pfarrer Christian Führer zu Ende gegangen, und die fünfte Mahnwache für die deutschen Geiseln im Irak hat begonnen, nur unterbrochen von den Trillerpfeifen der Montagsdemonstranten, die gegen Sozialabbau protestieren. Bienert ist der Chef der beiden entführten Ingenieure René Bräunlich und Thomas Nitzschke und Geschäftsführer der Firma Cryotec. Die Nikolaikirche ist auch für ihn Zuflucht und Trost, aber jetzt muss er wieder Fragen beantworten, Fragen, die er nicht beantworten kann.

„Herr Bienert, Herr Bienert, was sagen Sie zum neuesten Video der Entführer“, ruft ein Radioreporter. Bienert sagt leise: „Ich kenne das Video doch noch gar nicht.“ „Aber es ist doch da, verändert das die Situation?“ Bienert lauter: „Erst muss ich das Video sehen.“ „Schöpfen Sie Hoffnung daraus?“ Bienert brüllt: „Kein Kommentar!“

So geht das jetzt seit Wochen, und sie haben den 62-jährigen Diplom-Ingenieur zu einem Vulkan gemacht, immer in Gefahr, auszubrechen. In die Kirche war Bienert spät gekommen, er ist gebeugt gegangen, von weitem hat er ausgesehen wie ein gebrochener Mann. Aber dann hat er kerzengerade dagesessen, hat Pfarrer Führer nicht aus den Augen gelassen, den Vater der Leipziger Montagsdemonstrationen der Wendezeit, der predigte: „Wir liegen vor dir Gott mit unserem Gebet und vertrauen auf deine Barmherzigkeit.“ Bienert läuft zwar gebeugt, aber das liegt an den hochgezogenen Schultern, der Geschäftsführer ist ein aufrechter Mann, schont sich nicht, er sagt: „Wir kämpfen, solange wir kämpfen können.“ Bienerts Sätze sind voll von diesem Pathos, und wäre die Situation nicht eine auf Leben oder Tod, man würde die Sätze für kitschig halten.

Bienert steht also vor der Nikolaikirche und ist Trostspender und Trostsuchender in einem. Der Imam von Leipzig kommt und sagt, „es gibt nur einen Gott“, Bienert schüttelt ihm die Hand, „schön, dass Sie gekommen sind“, aber da muss Bienert sich schon wieder drehen wie ein verwundeter Bär und die Delegation aus Bennewitz begrüßen, dem Ort, in dem seine Firma, 15 Beschäftigte, steht. Danach wieder eine Drehung, der amtierende Oberbürgermeister Andreas Müller ist gekommen, „schön, dass Sie da sind“, ein Fotograf ruft, „rücken Sie bitte zusammen“, ein Mann drängelt sich vor, nimmt Bienerts Hand, „Sie müssen dem Papst sagen, dass er endlich eingreifen soll.“ Bienert nickt nur und dankt allen, die da sind, vielleicht 200 Menschen.

An Bienerts Seite steht seine engste Mitarbeiterin, die Prokuristin Karin Berndt. In den ersten Tagen, erzählt Berndt, standen die Journalisten wie eine Wand vor ihrer Firma. Das BKA hatte ihnen aufgetragen, keinen Kommentar abzugeben, und so saßen sie da in ihrer Not, überrumpelt, und lernten mit der Situation umzugehen und auch mit den Anschuldigungen, sie seien fahrlässig mit ihren Leuten umgegangen. Sie waren überzeugt, es könne nichts passieren, sie kannten den Irak seit 2000, „die Menschen, das zerschundene Land“, sie haben eine Sauerstoffanlage für ein Krankenhaus in Babylon gebaut, eine Stickstoffanlagen für die Chemieindustrie. Aber es passierte, was „unvorstellbar war“ für Bienert und Berndt.

Die halbe Stunde Andacht ist um, Pfarrer Führer lädt alle zur nächsten Mahnwache ein, „wenn es noch notwendig ist“. Bienert will zehn Minuten in Ruhe ein Bier trinken, aber kaum sitzt er im Restaurant gegenüber der Kirche, kommt das Fernsehen herein, er soll, bitte schön, noch ein Statement abgeben. Er trinkt schnell, er findet jetzt sowieso keine Ruhe, er schickt das Fernsehen wieder raus, „komme gleich nach“, kurz gewährt er Einblick in sein Inneres. Sein Zustand? „Viel Hoffnung, Depression, viel Hoffnung, Depression. Und dazwischen Niemandsland.“

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