Zeitung Heute : Ein Bayer über Berlin

Der Modefabrikant Willy Bogner entkleidet übermorgen das Brandenburger Tor

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Von Eva Meschede, München

Wenn der Wind zu stark ist, könnte es passieren. Er würde abgetrieben, der Sieben-Meter-Heliumball, unsteuerbar. Im Berliner Himmel flöge ein weißer Riesenluftballon an dem in einem weißen Overall der Münchner Willy Bogner hängt. Noch sitzt er im Büro seiner Sportmodefirma und spreizt jetzt lässig Daumen und kleinen Finger zum Handy-Symbol gen Ohr: „Dann benachrichtige ich die Flugsicherung, hallo, ich bin hier am Fernsehturm.“ Der Abenteurer Bogner lächelt versonnen, der Gedanke macht Spaß. „Vielleicht fliege ich auch in die Kuppel des Reichstags.“ Aber nein, eine solche Panne gefalle ihm selbstverständlich nicht, die feierliche Inszenierung muss klappen. Immerhin agiert Bogner bei „einem historischen Moment“, darf „eines der geschichtsträchtigsten Symbole Deutschlands“ nach langer Restaurationszeit enthüllen. „Auf dem schönsten Platz Berlins“, schwärmt der Münchner, der seine Aufgabe als „besondere Ehre“ empfindet.

Also kein Abenteuer, alles soll nach Plan laufen: So trägt dann das Brandenburger Tor am Tag der Deutschen Einheit ein edles weißes Outfit mit dem „weltweit größten“ Reißverschluss – 21 Meter – aus dem Hause Bogner, der Ballon mit dem Chef der Modefirma wird mit Seilen an das Tor herangezogen.

Bogner enthüllt erst die Quadriga vom Ballon aus, steigt dann auf das Bauwerk und entkleidet in einem Abseilakt das Tor. „So“, Bogner demonstriert an seinem Kragen wie ein Reißverschluss aufgeht, dabei ist das silberne „B“, Markenzeichen des Sportmode-Unternehmens, am Zipper des dunkelblauen Shirts nicht zu übersehen. Er trage überwiegend Sachen aus eigener Produktion. Zum Einkleiden steigt er praktischer Weise ein paar Stufen hinab, in den Showroom seines Bürohauses im Stadtteil Berg am Laim. „Ich muss fast nie einkaufen gehen“, sagt Bogner, grinst und zieht den Reißverschluss am Kragen wieder zu.

Diesen ruhigen 60-jährigen Mann mit dem wie vom Wind gegerbten Gesicht, den freundlichen blauen Augen und den immer etwas wirren grauen Haaren könnte man sich auch als Bergführer auf der Zugspitze vorstellen oder als Oberlehrer einer Skischule in Reit im Winkl, dabei ist er nicht nur Modemacher, sondern auch Hollywood-Actionfilmer.

Als Skifahrer gewinnt er 1960 das berüchtigte Lauberhornabfahrtsrennen, fährt bei den Olympischen Spielen mit, damals schon im Skidress aus der Sportmodefirma seines Vaters. Willy Bogner Senior, der „Dior der Skimode“, zog schon 1936 die olympischen Wintersportler an, Mutter Maria kannte man als „Königin der Keilhose“.

Neben dem Skifahren studiert Sohn Bogner Betriebswirtschaft und Bekleidungstechnik mit dem Plan, ins Unternehmen der Eltern einzusteigen, doch bevor er dies 1972 fulltime tut, gönnt er sich ein paar Jahre für sein Hobby: das Filmen. So rast Bogner etwa 1968 für Claude Lelouchs Olympia-Streifen filmend auf Skiern den besten Sportlern der Welt hinterher. Später dreht er härteste Actionszenen in James-Bond-Thrillern und macht mit einem halsbrecherischen Stunt von sich reden, als er mit der Kamera vor dem Bauch auf Skiern „in tödlicher Mission“ einen Eiskanal in Cortina d’Ampezzo hinabrast. 1986 wird sein Film „Feuer und Eis“ ein internationaler Erfolg, derzeit läuft sein „Ski to the Max“ als erster deutscher Imax-Film, bei dem Bogner alles selbst gemacht hat: Regie, Kamera, Dehbuch und Produktion.

Das Filmemachen erwies sich als beste Werbung für die Firma in München, nur einmal war es zuviel. Gegen den 1990 angelaufenen Streifen „Feuer, Eis und Dynamit“ klagte eine Firma, die Werbung für Kinos vermittelt, weil Produkte und Markenn überdeutlich gezeigt wurden. Der Bundesgerichtshof entschied, dass der Film im Vorspann als gesponsort bezeichnet werden muss, lehnte aber eine Schadensersatzforderung ab. Bogner gilt deshalb auch als der Wegbereiter des so genannten Product-Placement im Kinofilm.

Zusammen mit seiner brasilianischen Ehefrau Sônia, mit der er zwei Adoptivkinder im Teenageralter hat und die für die Damenlinie zuständig ist, hat er das Unternehmen der Eltern modernisiert, vertreibt heute Mode weltweit in 30 Ländern, machte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 140 Millionen Euro. Es gibt mittlerweile von Bogner Kosmetik, Brillen, Schuhe, Schmuck und neuerdings auch eine Uhren-Kollektion.

Berichte, ein geplanter Börsengang sei an der flauen Konjunktur gescheitert, dementiert der Familienunternehmer mit einem kurzen Satz: „Wir wollten nie verkaufen.“ Und hält wenig später unten im Showroom strahlend seinen letzten großen Erfolg in der Hand: „Da ist ja noch eine“, sagt er, freut sich und zieht eine der Skijacken der deutschen Mannschaft für die Olympischen Spiele von Salt Lake City vom Kleiderständer: orangeweiße Anoraks mit Plüschpelzkragen. Das ist wohl das größte Talent des bayerischen Tausendsassas: Kunst, Sport, Mode und Werbung aufs Feinste zu verstricken. So trifft es sich gut, dass am Tag nach der Enthüllung des Brandenburger Tors das neue Bogner-Haus in Berlin mit einer Party offiziell eröffnet wird. Und im gleichen Monat feiern die Bogners das 70. Firmen-Jubiläum.

Beim großen Festakt am Münchner Flughafen wird wahrscheinlich sein Freund, der Bond-Darsteller Roger Moore, mitfeiern, „dem habe ich ja das Skifahren beigebracht“, sagt der Sportler. Man muss eben die richtigen Leute kennen. Und das erklärt dann auch, wie es kommt, dass ausgerechnet ein Münchner das Berliner Wahrzeichen enthüllt. Da saß vor Monaten Willy Bogner zufällig mit Stephan Reichenberger, Chef der Berliner Agentur Schwanstein Entertainment, zusammen. Reichenberger hat früher in München Fernsehen gemacht, unter anderem die Sendung „Leo’s“, auch er hat gute Drähte zu den richtigen Leuten. „Hättest Du nicht eine Idee für die Enthüllung des Brandenburger Tors?“ Bogner hatte eine und passte perfekt ins Berliner Konzept. Vor allem weil er, wie im Bond-Film, den Enthüllungs-Akt mit subjektiver Kamera aufnehmen wird. Vorausgesetzt der Wind spielt mit. Denn bläst der allzu heftig, wird Bogner nicht mit dem Ballon fahren dürfen, sondern an einem Kran auf das Tor gezogen. Das erzählt er nicht gerne, und man sieht ihm an, dass diese Vorstellung überhaupt keinen Spaß macht.

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