Zeitung Heute : „Ein Begräbnis in Gaza ist nicht unwahrscheinlich“

-

Trotz des Widerstands seiner Frau Suha will die Palästinenserführung Arafat besuchen. Wie ist die Situation derzeit zu bewerten, Frau Freitag?

Israel und Ägypten sollen sich ja darauf verständigt haben, für den Fall, dass Palästinenserpräsident Jassir Arafat offiziell für tot erklärt wird, eine Trauerfeier in Kairo abzuhalten und ihn anschließend im Gazastreifen zu bestatten. Das hielte ich für nicht unwahrscheinlich. Ich bin sicher, dass die Ägypter kooperativ sind, wenn es darum geht, einen Übergang zu schaffen. Und eine Trauerfeier in Kairo wäre einleuchtend, weil dort die Sicherheitslage erheblich besser und einfacher zu kontrollieren ist als in Gaza.

Macht diese Nachricht es auch wahrscheinlicher, dass Israel und die Palästinenser ihren Streit über den möglichen Begräbnisort beigelegt haben?

Nein. Das Hin und Her um die Reise der palästinensischen Führung nach Paris wirkt auf mich eher so, als könnten die selbst auch nicht richtig abschätzen, wie es Arafat wirklich geht. Vielleicht will man sich mit einem Besuch einfach Gewissheit verschaffen. Vielleicht ist es aber auch der Versuch, sich vor Ort als Nachfolger in Position zu bringen, sich eine Art Segen zu holen – vorausgesetzt, bei Arafats Erkrankung handele es sich um ein reversibles Koma und er könnte tatsächlich nochmal wach werden.

Ist das, was wir jetzt erleben, die Ruhe vor dem Sturm – oder gibt es eine Chance auf einen friedlichen Machttransfer?

Möglich wäre, dass eine kollektive Führung entsteht. Denn wenn jetzt die umstrittene, aber charismatische Führungsfigur Arafat wegfällt, wäre denkbar, dass die Palästinenser besondere Sorge haben, dass die Israelis eine mögliche Spaltung für sich ausnutzen würden. Ein Schulterschluss aller Kräfte wird aber nur klappen, wenn Fraktionen wie die Hamas und auch Figuren, die als weniger korrupt gelten als beispielsweise Ahmed Kurei, mehr Macht erhalten als bisher.

Sind Meldungen, wonach Israel damit rechnet, dass am Dienstag die Geräte abgeschaltet werden, mehr als Spekulation?

Ich glaube, im Augenblick ist das Kaffeesatzleserei. Ich bin mir wirklich nicht sicher, dass die Franzosen gerade den Israelis privilegierte Informationen über den Gesundheitszustand Arafats zuspielen würden.

Ulrike Freitag ist Leiterin des Zentrums Moderner Orient am Institut für Islamwissenschaft der FU Berlin.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!