Zeitung Heute : Ein beinahe vergessener Retter

Israel erklärt einen Araber zum „Gerechten unter den Völkern“ – dank der Arbeit des Amerikaners Robert Satloff. Er war fast zu spät

Christoph Marschall[Washington]

Dieser Prophet gilt wenig im fremden Land, obwohl er eine „durch und durch gute Botschaft ohne dunkle Flecken“ zu verkünden hat. Vor wenigen Tagen ist Robert Satloff von einer Reise durch den Nahen Osten zurückgekehrt. „Viele wollen die Geschichte einfach nicht hören“ – als wären muslimischen Arabern Helden dieser Art peinlich.

Nun darf man vielleicht sagen, dass Satloff nicht gerade wie ein Prophet auftritt. Er trägt zwar einen Vollbart, aber einen sorgsam gestutzten. Er ist auch nicht von furchteinflößender Statur, eher einen halben Kopf kürzer als Mittelmaß. Und wenn er spricht, hebt der 45-Jährige nicht einmal die Stimme, um die anrührenden Details seiner Botschaft zu unterstreichen. Die Geschichten von Arabern, die Juden vor den Nazis retteten, erzählt er nüchtern, als sei er Zweifel gewohnt und wolle ihnen durch eine quasi naturwissenschaftliche Beweisführung von vornherein begegnen. Er ist kurz vor seinem Ziel. In wenigen Tagen wird die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem in Israel wohl zum ersten Mal einen Araber zu einem „Gerechten unter den Völkern“ erklären – gestützt auf die Nachforschungen des Historikers und Nahost-Spezialisten Robert Satloff.

Der hat die Geschichte des tunesischen Grundbesitzers und Geschäftsmannes Khaled Abdelwahhab, der 24 Juden in den Jahren 1942 und 1943 vor den Nazis verbarg, gerade noch rechtzeitig dem Vergessen entrissen. Für die Anerkennung als Judenretter verlangt Jad Vaschem mindestens ein persönliches Zeugnis. Die Überlebende Anny Boukris hat es 60 Jahre später buchstäblich auf ihrem Sterbebett in Kalifornien diktiert. Erst daraufhin konnte Satloff in Tunesien weitere Zeugen auftreiben.

Ein Besuch im einflussreichen Washington Institut für Nahostpolitik ganz oben in einem zehnstöckigen Büroblock der L-Street, ziemlich nahe am Viertel der Lobbyisten in der US-Hauptstadt. Die Fotos von Bill Clintons und Condoleezza Rices Auftritten hängen im Flur so geschickt, dass der Blick beiläufig darauf fallen muss und es doch nicht penetrant wirkt. Man könnte auf die Idee kommen, dass der Herr Direktor sich auf eine wirksame Inszenierung versteht, er sich dabei aber nicht erwischen lassen will. In Satloffs lichtdurchflutetem Arbeitszimmer sind Andenken aus der arabischen Welt dezent, aber sichtbar platziert. An der Wand rechts über dem Schreibtisch hängen zwei weiße Kinderstrickpullover hinter Glas, mit einem blauen W, dem Emblem des Instituts, und den Namen Benjamin und William, die das Gespräch über kurz oder lang auf die zwei Söhne lenken.

Die Familie, genauer: Ehefrau Jennie, eine Kanadierin, die bei der Weltbank arbeitet, gab Satloff einen Anstoß, sich auf die Suche nach arabischen Judenrettern zu machen. Sie übernahm im April 2002 eine neue Aufgabe in Rabat, Marokko, die ganze Familie zog mit – und „so kreuzten sich unsere Berufswege erstmals nach elf Jahren Ehe“. Die Idee für seine Forschung sei ihm aber nicht auf der Suche nach einem Arbeitsprojekt für die Zeit in Nordafrika gekommen, betont Satloff, sondern schon ein halbes Jahr zuvor, als er von Jennies Versetzung noch nichts wusste.

Als am 11. September 2001 zwei Flugzeuge ins World Trade Center rasten, begann Satloff über die Ursachen des arabischen Terrorismus nachzudenken. Wieder und wieder sei er bei seiner Beschäftigung damit auf das gespaltene Verhältnis vieler Muslime zum Holocaust gestoßen. Radikale Islamisten leugnen den Völkermord, nennen ihn eine Erfindung der Juden, einen Vorwand, der die Gründung Israels rechtfertigen sollte. Viele nennen die Geburt Israels die „naqba“, die Katastrophe, weshalb viele deren Vorgeschichte nicht wahrhaben wollen.

Wenn er beweisen könne, dass auch Araber Juden vor der Vernichtung gerettet haben, dachte sich Satloff, würde das den Holocaustleugnern ihr Geschäft erschweren – und, vielleicht, allmählich die Einstellung der Muslime zu Israel verändern.

Es musste solche Geschichten geben, das war für den Historiker klar. Unter den mehr als 21 300 von Jad Vaschem anerkannten „Gerechten“ sind bosnische und türkische Muslime. Die Armeen des Dritten Reiches und ihrer Verbündeten hatten in Nordafrika auch arabische Staaten erobert, in denen seit 2000 Jahren Juden lebten: Marokko etwa, Algerien, Tunesien, Libyen. Und die Truppen brachten die meisten Instrumente der Judenverfolgung mit: Rassengesetze, den gelben Stern, Arbeits- und Straflager – Satloff nennt es „Buchenwald in der Sahara“. Allerdings: Es gab dort keine Vernichtungslager. In Nordafrika fiel ein Prozent der Juden der Verfolgung zum Opfer, in Europa waren es 50 Prozent.

Also postierte Satloff Suchaufrufe im Internet, auch auf der Seite „harissa.com“, die der Kommunikation der aus Tunesien stammenden Juden dient. Im November 2002 erhielt er „eine bewegende E-Mail von einer 71-jährigen Frau aus Los Angeles: Anny Boukris“. Als Kind habe sie in der tunesischen Küstenstadt Mahdia gelebt. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht sei das Anwesen der wohlhabenden Kaufmannsfamilie beschlagnahmt worden, die Familie habe binnen einer Stunde das Haus verlassen und in eine Olivenölfabrik ziehen müssen.

Auch dort wurde eines Abends an die Tür gehämmert, diesmal waren es keine Soldaten, sondern Khaled Abdelwahhab, ein 32 Jahre alter Freund der Familie und begüterter Kaufmann, der in Westeuropa studiert hatte und nun mit den Besatzern einträgliche Geschäfte machte. Bei einem Gelage habe ihm ein Offizier erzählt, dass er ein Auge auf Anny Boukris’ Mutter Odette geworfen habe und sich mit ihr vergnügen wolle. Die ganze Großfamilie müsse sofort verschwinden. Abdelwahhab brachte die 24 Juden auf sein Anwesen in Tlelsa, 20 Kilometer außerhalb von Mahdia und versteckte sie dort.

Es war eine Geschichte von der Art, die Satloff suchte. Aber war seine Kronzeugin, damals erst elf Jahre alt, glaubwürdig? Ein weiteres Problem: Sie lebte nun in den USA, er aber in Nordafrika. Satloff beauftragte eine Spezialistin für die Geschichte Holocaust-Überlebender, Anny Boukris zu interviewen. Acht Wochen nachdem er die 83 Seiten Transkript erhalten hatte, starb Boukris.

Den Retter selbst konnte Satloff nicht persönlich befragen, Khaled Abdelwahhab war 1997 mit 86 Jahren gestorben. Aber Satloff fand im Mai 2004 das Haus der Boukris’ in Mahdia, die Olivenölfabrik, das Anwesen bei Tlelsa – und Zeugen. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, als er von den „kleinen alten Muslim-Ladies mit vielen Falten“ erzählt, bei denen er sich erkundigte, ob sie sich an eine Familie Boukris erinnern. „Als Historiker muss ich Suggestivfragen vermeiden, etwa: Wie war das mit der Rettung der Boukris’?“ Die kleinen alten Ladies erinnerten sich sehr gut. Sie wussten zwar nichts von Vergewaltigungsabsichten eines Offiziers, bestätigten aber die Rettung der Familie. Eine Handvoll solcher Geschichten hat Satloff in Nordafrika gesammelt und in seinem kürzlich erschienenen Buch „Among the Righteous. Lost Stories from the Holocaust’s Long Reach into Arab Lands“ erzählt.

Auf seiner Suche traf Satloff aber auch auf Abwehr und Verleugnung, am prägnantesten in der Familie des Ex-Bürgermeisters von Tunis, Si Ali Sakkat. Als damals die Front immer näher an dessen Landhaus rückte, klopften eines Tages 60 Juden an die Tür. Sie waren aus einem nahen Arbeitslager geflohen. Si Ali Sakkat versteckte sie, bis Hitlers Armee aus dem Land getrieben war. Doch in der Familie, erfuhr Satloff von den Enkeln, sei die umgekehrte Saga erzählt worden: Der Großvater habe deutsche Soldaten vor der Kriegsgefangenschaft bewahrt.

Die mittlere Generation sei das Problem, sagt der Nahostspezialist: Die sei in den 60er Jahren vom arabischen, antijüdischen Nationalismus infiziert worden und gebe nun in der Politik den Ton an. Satloff glaubt, dass er auch einem „arabischen Wallenberg“ auf der Spur ist: einem ägyptischen Diplomaten, der viele Juden mit Visa rettete, so wie der berühmte Schwede mehr als Hunderttausend ungarische Juden vor dem Tod bewahrte. „Doch die Beamten in Kairo wollten mir kein bisschen helfen.“

Es ist ein immer gleiches Muster, auf das Satloff trifft, ob bei seinen Vorträgen jetzt in Ägypten oder zuvor bei der Arabischen Liga. Was denn neu sei an der These? Araber hätten Juden in der Geschichte stets geschützt, das sei bekannt, auch dass es keine Pogrome und systematischen Diskriminierungen wie in Europa gab. „Wir haben nicht mit der Feindschaft angefangen“, das sei eine Abwehr. Die andere: Wenn wir schon über Völkermord reden, warum über den Jahrzehnte zurückliegenden Holocaust und nicht über den aktuellen Genozid an den Palästinensern? Da spannen sich Satloffs Muskeln an, sein Gesicht bekommt einen harten Ausdruck.

Er hat zwei Argumentationslinien. Eine werbende: „Wenn wir neuen Genozid verhindern wollen, zum Beispiel in Darfur, müssen wir über die Lehren aus der Geschichte reden.“ Und eine prinzipielle: „Ich erkläre ihnen den Unterschied zwischen einer kriegerischen Auseinandersetzung und einem Völkermord.“ Der Holocaust ist für ihn ein unvergleichbarer Einschnitt. Kühl reagiert er auf die Frage, ob jüdisch-arabische Begegnungen unter dem Motto „Erzählt euch eure Biografien“ zur Versöhnung beitragen können: Holocaust-Überlebende oder deren Kinder erzählen Palästinensern von ihrem Schicksal – und die umgekehrt den Juden vom Leben im Flüchtlingslager? Nein, da will Satloff kategorisch unterscheiden. Es sei geradezu ein Grundfehler, dass die westliche Diplomatie kneife und der Wahrnehmung der Araber nicht entgegentrete, sie seien das Opfer der Geschichte.

Auch in Israel lösen seine Forschungsergebnisse Erstaunen aus. „Der Holocaust gilt dort als europäisches Erzählmuster, aus Europa kamen die Überlebenden, die Israel aufbauten“, sagt Satloff. Nordafrika kennt man als Herkunftsort, von wo jüngere Einwanderergenerationen kamen, auf der Flucht vor Diskriminierung. Als Ort der Judenrettung sind Länder wie Marokko und Tunesien nicht präsent im politischen Bewusstsein. „Im Gegensatz zu vielen Arabern reagieren die Israelis aber positiv, sie kennen den Kontext.“

Immerhin, es bewegt sich etwas in der arabischen Welt. Ägypten unterstützt heute die UN-Resolution gegen die Leugnung des Holocaust. Vor zwei Jahren war Kairo noch dagegen, den 27. Januar als UN-Gedenktag zu begehen. Mit seiner Arbeit, sagt Satloff, habe das aber wohl nichts zu tun. Vielmehr sei die wachsende Furcht vor dem Iran der Hauptgrund. „Seit Präsident Ahmadinedschad den Holocaust leugnet, hat diese Haltung bei vielen Arabern einen schlechten Ruf.“

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