Zeitung Heute : Ein Beispiel für Afrika

Prinz Asserate über die äthiopische Seele

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Prinz Asserate, was ist für Sie typisch äthiopisch?

Das Äthiopische ist ein sehr komplexer Begriff. Äthiopien steht für eine Symbiose zwischen Afrika und dem Mittleren Osten. Darauf basiert unsere Geschichte. Ob es die Königin von Saba nun gab oder nicht, vor etwa 1000 Jahren vor Christus fand eine Völkerwanderung von jenseits des Roten Meeres in dieses ostafrikanische Gebiet statt. Die Menschen haben sich mit der lokalen Bevölkerung gemischt, und was herausgekommen ist, sind wir Äthiopier. Das ist das typisch Äthiopische, das in dem wunderbaren Wort Abessinien viel besser zum Ausdruck kommt. Es leitet sich ab aus dem Arabischen Wort Habesch und heißt „Land der gemischten Rassen“.

Wie würden Sie die äthiopische Seele beschreiben?

Das ist ein gewagtes Unternehmen, aber vielleicht kann man sagen, dass sie auf jeden Fall auf dem Spirituellen beruht, ganz gleich, ob es um Christen oder Muslime geht. Wir sind vielleicht neben Indien und Tibet eines der spirituellsten Völker der Welt. Die Kirchen und die Moscheen sind immer voll, und die meisten Menschen sind jünger als 25 Jahre.

Welche Rolle spielt die Religion im täglichen Leben?

Ich kenne kaum ein Land, das so im Alltag mit der Religion verwoben ist. Ein Äthiopier, zum Beispiel ein Christ, wird bei 365 Tagen im Jahr in seinem täglichen Leben etwa 200 Fastentage befolgen, nicht nur Priester und Mönche, sondern auch junge Menschen.

Wie erklären Sie sich den Zuspruch der Jugendlichen?

Das Phänomen kann mit der Geschichte der letzten 30 Jahre zusammenhängen. Die Armut ist so eklatant, dass sie keinen Ausweg mehr finden und bei der Kirche Zuflucht suchen. Sie haben alles Weltliche versucht und kehren in ihrer Hoffnungslosigkeit zur Spiritualität zurück.

Leben Christen und Muslime nebeneinander oder miteinander?

Miteinander. Äthiopien ist eines der ältesten christlichen Länder der Welt und besitzt die älteste muslimische Gemeinde außerhalb Mekkas und Medinas. Schon im 7. Jahrhundert hat Äthiopien die ersten muslimischen Flüchtlinge aufgenommen. Äthiopien wurde dafür vom Propheten gesegnet und im Koran vom Heiligen Krieg ausgenommen. Die Nachfolger haben sich leider nicht immer daran gehalten, aber seit dem 16.Jahrhundert leben wir wie Bruder und Schwester miteinander. Die Kulturen haben sich gegenseitig sehr beeinflusst. Äthiopien könnte ein gutes Beispiel dafür sein, wie die drei Religionen Christentum, Judentum und Islam friedlich miteinander leben. Das können wir gar nicht oft genug sagen. Es geht, es ist keine Illusion. Hier kann man den christlich-islamischen Dialog studieren.

Äthiopien ist eine Bundesrepublik. Haben die vielen Völker eine nationale Identität oder geht die Stammesidentität vor?

Wenn es überhaupt ein Land in Afrika mit einem gewachsenen nationalen Gefühl gibt, dann ist es Äthiopien. Das ist in 3000 Jahren gewachsen. Die Ethnien haben sich immer gemischt, es gibt daher eine äthiopische und eine ethnische Identität. Wir brauchen Vielfalt in der Einheit und umgekehrt.

Hat die Öffnung zum Westen einen Einfluss auf die Kultur gehabt?

Kaiser Menelik II. hatte schon vor 100 Jahren die Öffnung nach Westen betrieben. Es ist interessant, dass der englische Schriftsteller Evelyn Waugh dagegen wetterte und uns vorwarf, wir würden den Westen imitieren. Wir müssen natürlich aufpassen. Wir müssen die Ideen der Demokratie mit unseren Konzepten zusammenbringen. Wir brauchen einen großen Krug mit Ideen, aus denen wir das herausfiltern, was für uns gut ist. Das ist das Privileg eines Landes der Dritten Welt, dass es auch japanische, chinesische und westliche Ideen in diesen Krug packen kann.

Zum 100. Jahrestag der deutsch-äthiopischen Beziehungen wird am 7. März das Goethe Institut neu eröffnet. Was bedeutet das für Ihr Land?

Das deutsche Kulturinstitut hat immer eine großartige Rolle gespielt. Ich habe als Schüler den „Faust“ auf Amharisch gesehen. Ich bin zutiefst dankbar, dass auch die Werke des ersten modernen Malers Äthiopiens, Gebrekristos Desta, dort in einer Dauerausstellung gezeigt werden. Das ist für die Bevölkerung sehr wichtig. Er hat übrigens in Deutschland studiert.

Was wünschen Sie sich für die nächsten 100 Jahre?

Ich wünsche mir, dass die Einheit Äthiopiens bewahrt wird, dass der Vielvölkerstaat versteht, dass wir aufeinander angewiesen sind. Wir können stolz über die Verschiedenheit in Äthiopien sein. Das kann ein Beispiel für ganz Afrika sein.

Das Gespräch führte Rolf Brockschmidt

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