Zeitung Heute : Ein Berner in Wien

Testbericht aus der Hauptstadt des Nachbarn: Unser Autor freut sich über unhöfliche Pensionäre und verliert bei Kaiserwetter alle Hemmungen.

Michael Angele

Ich sitze im Gastgarten eines Gasthauses in der Nähe des Praters. Das Gasthaus heißt „Hansy“, es ist mehr als 80 Jahre alt und wirbt mit dem Spruch „Wo die Wiener Küche noch Bestand hat“. Hier draußen scheint heute die Sonne, das Schnitzel vom Kalb schmeckt fabelhaft, und ich bin umgeben von Pensionisten im vielleicht letzten Sommer ihres Lebens.

Auf meinem kleinen Stadtplan suche ich nach der Seidengasse und dem Literaturhaus, kann aber beides nicht finden. Einer der Pensionisten liest eine Künstlerbiografie, der muss das doch wissen.

Ich spreche ihn an.

Erst tut er so, als existiere ich gar nicht, endlich schaut er mich doch an. Literaturhaus? „Weiß I doch net“, grummelt er mit glasigem Blick und Weltekel in den Mundwinkeln. Und ich bedanke mich freundlich.

Berner sind immer freundlich. Bernern impft man die Freundlichkeit ein. Ganz im Vertrauen: Ich glaube, sie dosieren die Freundlichkeit zu hoch, deshalb freuen wir uns oft über grobe Unfreundlichkeiten. Aber als Berner zieht man auch mit den Liedern von Mani Matter durch die Welt. In einem singt der legendäre Berner Liedermacher von Hemmungen, „Hemmige“, und dass sie ein großes Glück seien für die Menschheit. Man solle sich nur einmal die Männer vorstellen, wenn es anders wäre: „Und käm es hübsches Meiteli daher / Jitz luege mir doch höchstens uf die Bei / Weil mir Hemmige hei.“

Und wer in Wien unterwegs ist, in der U-Bahn, der Straßenbahn, zu Fuß, dessen Wege kreuzen unzählige schöne junge Frauen; schwarzhaarig, glutäugig, goldbehangen. Würden sie nicht ständig in ihre Handys sprechen und ihre Kleider wie überall auf der Welt bei H & M kaufen, würde man meinen, sie sind direkt aus einem sagenhaften Zauberreich aufgetaucht.

Die Donaumonarchie also. Hat einem kleinen Land eine Millionenstadt hinterlassen, so etwas kennen wir in der Schweiz nicht. Wäre die Geschichte ein wenig anders verlaufen, hätten wir noch Vorarlberg dazu, aber das würde unsere Hauptstadt auch nicht größer machen. Nun gehört Vorarlberg zu Österreich, aber es macht Österreich auch nicht unbedingt größer. Dagegen Wien. Was an Wiens Größe besonders gefällt: Sie ist wohl geordnet, durch Bezirke, Zeilen und Ringstraßen, von denen eine Gürtel heißt.

Meine Kollegin Verena Mayer, eine Wienerin, die ihrerseits heute Bern besucht, hat mir empfohlen, mich vor die neue Stadtbibliothek zu setzen, die über diesem Gürtel thront. Nirgends wirke Wien urbaner. Da rauscht unten der Verkehr, überall verwittern Jugendstilfassaden, am Horizont erheben sich die Hochhäuser vom Wiener Berg. Hochhäuser sehe ich auch von meinem Hotelfenster aus, ich bin direkt gegenüber der Donaucity einquartiert, einem neuen Stadtteil, der noch bis 2012 weiter wachsen soll. Und zwar auf der Fläche, die 1991 fast mal Expo-Gelände geworden wäre.

In der Nähe des Südbahnhofs befindet sich der Viktor-Adler-Markt. Märkte, so mein Eindruck, schaffen in Wien öffentliches Leben, hier begegnen sich Pensionisten, Studenten, Hausfrauen, Geschäftsfrauen, Österreicher, Balkanesen, halten einen Schwatz oder sind in heiterer Gleichgültigkeit verbunden. Und am Naschmarkt im 4. Bezirk sitzt vor den alten Buden das Szenevolk. Das gibt es natürlich auch, vermutlich nennt man es hier aber anders, hat einen dieser Ausdrücke wie Gastgarten, Trafik, Melange, Einspänner, oder jenes „technische Gebrechen“, das die U-Bahn gestern kurz zum Stehen gebracht hat.

Wien wird regelmäßig zur drittlebenswertesten Stadt der Welt gekürt (nach Genf und Zürich), und vermutlich habe auch ich mich in die Stadt verliebt. Der Frühsommer. Die Luft. Das Kaiserwetter über dem Schloss Schönbrunn. Im Schlosshof kam ich mit ein paar Knirpsen ins Gespräch, sie gehörten zu einer Schulklasse aus einem Vorort von Neapel. Auch sie sind begeistert von Wien. Was ihnen am besten gefällt? „The arts“, sagt ein Junge.

„The arts“, natürlich.

Am Abend zuvor ein Konzert im Museum Lichtenstein. Es wurden Werke aus dem Barock gespielt, ein bekannter Burgschauspieler las begleitend einen literarischen Bericht aus jener Zeit, vom Inzest am Hof war die Rede und anderem. Angelika Möser hatte mich eingeladen, die Generalsekretärin der Jeunesse Österreich, die ein junges Publikum für klassische Musik gewinnen will.  Vor dem Konzert hatten wir uns im Café Prückel im 1. Bezirk getroffen. Das Prückel wurde 1903 eröffnet und sieht aus, als wäre 1953 die Zeit stehen geblieben. In einer Ecke spielten alte Damen Karten, bestimmt seit Ewigkeiten. Und doch sind Veränderungen spürbar: Angelika Möser bemerkte eine neue, ungewohnte Freundlichkeit der Bedienung. Es habe Schulungen in der Stadt gegeben, sagte sie, jetzt vor der EM, für Polizisten und andere Beamte.

Zur EM musste auch noch der sogenannte „Wurstelprater“ behübscht werden, nun sieht man neben dem Riesenrad überall Buden mit goldenen Schnörkeln, eine Art Jugendstil-Disneyland. Der Auftrag an den französischen Architekten erfolgte ohne öffentliche Ausschreibung, eine dieser vielen Geschichten mit Beigeschmack, ganz schrecklich, die Stadt leidet, und um etwas Gutes über Bern zu sagen: Unsere Altstadt ist Weltkulturerbe, weil sie echt ist!

Das Bern von Wien befindet sich im Nordwesten der Stadt und heißt Grinzing. Es liegt am Hang und ist so behäbig, beschaulich und gutbürgerlich wie die Hauptstadt der Schweiz. Und was Bern seine Lauben sind, sind Grinzing die Heurigen, beides zieht die Touristen in Massen an. Während der Tramfahrt dorthin huschten Gedenktafeln vorbei: Grillparzer, Beethoven …

In der Sonne am Prater hat der Pensionist seine Künstlerbiografie zugeklappt und das Gasthaus „Hansy“ grußlos verlassen. Von Verena Mayer kommt eine SMS, sie hat die Nase voll von der Berner Altstadt, ich empfehle einen Abstecher zum Museum Paul Klee. Dann bestelle ich einen kleinen Schwarzen und die Rechnung gleich mit, es zieht mich in den 7. Bezirk, ins Literaturhaus, in die Ausstellung zu Joseph Roth.

Joseph Roth, Jude, geboren in Brody am äußersten Rande der Donaumonarchie, hatte von 1913 bis 1920 in Wien gelebt. Später hat er in Paris den Untergang der Donaumonarchie betrauert und sich zu Tode gesoffen. In einer der schönsten Stellen seines Romans „Radetzkymarsch“ stehen die Bürger Wiens am Tor zum Schloss Schönbrunn, der Kaiser liegt im Sterben. Es regnet Bindfäden. Einer fragt die Menge, was der Kaiser gerade macht. „Nichts Neues. Er stirbt!“

Ein wenig stirbt der Kaiser Franz Joseph bis heute, deswegen fährt man doch nach Wien, oder?

Nun aber auf, viel Zeit bleibt nicht, nach der Ausstellung muss ich mich entscheiden: Entweder fahre ich in den 2. Bezirk und schaue mir, wie empfohlen, den neuen „Prenzlauer Berg“ Wiens an: junge Familien, trendige Shops. Oder fahre ich lieber zum Karlsplatz, lasse mich von Walzermusik aus Lautsprechern berieseln und gönne mir im Hotel Sacher eine kleine Torte?

Ach, ich fürchte, ich habe mich längst entschieden.

Wie es der Wienerin Verena Mayer am selben Tag in Michael Angeles Heimatstadt Bern erging, erzählt sie auf Seite S 2

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