Zeitung Heute : Ein Beruf für Geduldige

Bernd Hettlage

Logopädie ist ein begehrter Beruf: Bis zu 20 Interessenten wetteifern an den Berufsschulen um einen Ausbildungsplatz. Gleichzeitig ist es ein anspruchsvoller Beruf. "Es ist ein Sammelfach aus Linguistik, Psychologie und Neurologie", erklärt Lukas Rosenthal, Geschäftsführer des Deutschen Bundesverbands für Logopädie e.V. (dbl), und legt Wert auf den Hinweis: "Vernetztes Denken ist nötig." Schon die dreijährige Ausbildung sei ein "Brockhausstudium".

Dennoch wächst die Branche rapide. Im Jahr 1990 hatte der dbl, bei dem laut Rosenthal über 85 Prozent der deutschen Logopäden organisiert sind, noch 2200 Mitglieder. Heute sind es 8000, über 90 Prozent davon sind Frauen. Die Zahl der staatlichen und privaten Fachschulen ist in fünf Jahren von 50 auf 74 gestiegen.

Logopäden sind Sprachheilkundler, sie therapieren sprech- und sprachgestörte Menschen. Dazu gehören Schlaganfallpatienten und Krebskranke, denen der Kehlkopf entfernt wurde. Zunehmend schicken Kinderärzte auch verhaltensauffällige Kinder in die logopädischen Praxen. Deren Aggressivität rührt oft daher, dass sie nicht artikulieren können, was sie wollen oder was sie bedrückt. Der Logopäde wird da schnell zum Psychologen, hört den Ängsten des Krebskranken zu oder versucht, dem vernachlässigten Kind fünf Minuten Konzentration abzuringen. Wer sich für den Beruf interessiert, sollte also in jedem Fall "Spaß an der Arbeit mit Menschen haben, den Wunsch zu helfen und zu motivieren", sagt Katrin Schiffel, Mitarbeiterin im zentralen Informationsdienst von "Die Schule - IFBE medizinische GmbH". Weil Erfolge nicht immer gleich zu sehen sind und "die Schicksale, mit denen man konfrontiert ist, um so härter sein können", seien "Geduld und psychische Stabilität" wichtige Voraussetzungen.

"Die Schule", eine von drei Fachschulen für Logopäden in Berlin, ist eine private Einrichtung und hat ihren Hauptsitz in Köln. In der Berliner Dependance kommen auf die 23 Plätze pro Ausbildungsjahrgang bis zu 400 Bewerber. Das Mindestalter ist 18 Jahre, verlangt wird ein Haupt- oder Realschulabschluss mit abgeschlossener Berufsausbildung oder das Abitur. Gewünscht wird auch ein mindestens dreimonatiges sozialpädagogisches Praktikum. Laut dbl haben inzwischen 80 bis 90 Prozent der Bewerber, die einen Ausbildungsplatz ergattern, die Hochschulreife. Auch Umschulungen sind möglich, dann finanziert das Arbeitsamt die Ausbildung. Die ist nämlich nicht billig. "Die Schule" kostet beispielsweise 760 Euro im Monat.

Die zweite private Ausbildungsstätte in Berlin, der Verein "Internationaler Bund, Medizinische Akademie" verlangt monatlich 730 Euro. Kostenlos ist die Ausbildung nur an den zwölf staatlichen deutschen Schulen, mit einer Ausnahme: Die Staatlich anerkannte Lehranstalt für Logopäden am Uniklinikum Benjamin Franklin fordert seit einem Jahr 300 Euro im Monat. Pro Jahr beginnt ein Kurs mit 14 Plätzen, für die sich etwa 250 Interessenten bewerben.

Ob staatlich oder privat: Zwei Praktika während der Ausbildung, eins mit acht und eins mit zwölf Wochen Dauer, sind Pflicht. Dazu kommen insgesamt 1740 Stunden theoretischer Unterricht. Schule ist von Montag bis Freitag - und zwar ganztags. Wer einmal einen Platz hat, hält die Ausbildung in der Regel durch und schafft auch die staatliche Prüfung.

Danach einen Arbeitsplatz zu finden, ist nicht schwer. Katrin Schiffel hält die Jobchancen für "sehr gut", Angela Koch sieht die Arbeitschancen zumindest in Berlin eher "wechselnd". Wegen der Sparzwänge sei es schwierig, in Krankenhäusern einen Arbeitsplatz zu bekommen. In privaten Praxen dagegen sei es "ganz gut", dort gebe es aber oft nur Teilzeitstellen. Da reiche das Anfangsgehalt dann kaum noch zum Leben. Das liegt bei etwa 1100 Euro netto im Monat - für eine Vollzeitstelle.

Wer mehr verdienen will, muss sich selbstständig machen. Laut dbl sind rund 50 Prozent der Logopäden in der eigenen Praxis tätig. Zulassungsbeschränkungen gibt es keine und in ländlichen Gebieten ist nach wie vor Bedarf. Trotzdem: Kenntnisse in Linguistik, Psychologie, Neurologie, dazu hohe soziale Kompetenz, psychische Stabilität - und das alles für 1100 Euro Anfangsgehalt im Monat: Warum ist dieser Beruf so begehrt? "Man kann die Erfolge sehen", sagt Katrin Schiffel und versucht zu erklären: "Wenn ein Kind nach einem Unfall wieder schlucken und sprechen lernt ..." Sie zögert, als traue sie dem Pathos des Satzes selbst nicht ganz: "Wissen Sie, das Lachen eines solchen Kindes kann man mit nichts aufwiegen."

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