Zeitung Heute : Ein bewegter Mann

Der Tagesspiegel

Von Barbara Nolte

Rufus Beck kann einen ganzen Saal unterhalten. Er, ganz allein mit seinen sieben verschiedenen Stimmen. Er fiept, brüllt, haucht, knarzt, wenn er im Berliner Ensemble oder im Frankfurter Schauspielhaus „Harry Potter" liest. Er kann aber auch Shakespeare so komisch spielen, dass die Leute trampeln und lachen; jedenfalls taten sie das am Münchner Residenztheater. Er kann Bühnentreppen runterstürzen und Salti schlagen. Um die Aufzählung abzukürzen: Rufus Beck hat ziemlich viele Talente, weswegen es fast zwangsläufig ist, dass eines Tages das Fernsehen auf ihn zukommen musste mit dem Vorschlag: „Lass’ uns was zusammen machen.“ In seinem Fall war es Sat 1. Sie haben extra für ihn eine Serie geschrieben.

Erst wollten sie ihn zu einem Taxifahrer machen, in Heidelberg, wo Rufus Beck mal studiert hat. Aber ist das hübsche Heidelberg nicht ein bisschen zu intakt für wirklich spannende Geschichten? Kommissar in Frankfurt, das hatten sie auch mal überlegt. Sein Revier wäre so ziemlich das Gegenteil von Heidelberg gewesen: das Bahnhofsviertel. Großes Geld und große Probleme drängen sich da auf nur einem Quadratkilometer. Aber dann hat doch Berlin das Rennen gemacht, Deutschlands Krimihauptstadt. Von heute abend an ermittelt hier also noch ein Fernseh-Kommissar, für Sat 1: Rufus Beck („Inspektor Rolle“, 21 Uhr 15).

Ein halbes Jahr haben sie an den ersten drei Folgen gedreht. Danach kamen noch Schnitt und obligatorische PR-Tour. Und es ist schon ein bisschen seltsam, dass Rufus Beck seinen letzten PR-Termin – ein Interview beim Sat 1-Frückstücksfernsehen – ausgerechnet an dem Tag absolviert, an dem der Sat 1-Mehrheitsaktionär Kirch Konkurs anmeldet. Es ist noch früh, halb zehn, Beck steht vor der Sat 1-Zentale in der Nähe des Berliner Gendarmenmarktes. Blauer Anzug, blaues Hemd, Sonnenbrille mit blauen Gläsern. Er kommt gerade vom Interview und will noch einen schnellen Kaffee trinken, bevor er zum Flugzeug Richtung Köln muss. Er erzählt, dass ein Sat 1-Redakteur zur Begrüßung gewitzelt hätte: „Willkommen beim Frühstücksfernsehen, solange es uns noch gibt." Ansonsten ist hier, im Herzen des Kirch-Imperiums, nichts von diesem historischen Tag zu spüren. Den Sat 1-Stars Harald Schmidt und Kaya Yanar, die auf Plakatwänden prangen, ist das Lachen offenbar nicht vergangen. Und im blauen Berliner Himmel fliegt der bunte Sat 1-Ballon.

Rufus Beck hat sich für seinen schnellen Kaffee ins „Café Möring“ gesetzt. Er ist zum ersten Mal hier drin, aber was soll er machen? Die Kneipen, in die er am Gendarmenmarkt sonst geht, sind um diese Uhrzeit noch menschenleer. Beck kennt sich aus in Berlin. Er lebt zwar in München, aber er ist häufig in der Stadt. Zum Arbeiten, sagt er: „Oft von Montag bis Freitag, wie auf Montage.“ In den letzen Jahren spielte er am Berliner Ensemble, in der „Brecht-Akte“ von Tabori und in „Tartuffe“ von Tamas Ascher. Er war bloß Gast, was ihm gut gefiel, denn er will nie wieder in ein Ensemble. 16 Jahre lang hatte er feste Verträge an deutschen Theatern, zuletzt am Münchner Residenztheater. Da müsse man zu oft Rollen spielen, von denen man nicht überzeugt sei, sagt er. Auf Dauer sei das „wie bei der Bundeswehr“. Also hat er gekündigt.

Ein bisschen Kino hat er seitdem gemacht, zum Beispiel „Der bewegte Mann“. „Das ist acht Jahre her, und die Leute sprechen mich immer noch darauf an“, sagt Beck. Er hat in Fernsehfilmen gespielt, auch in ein paar „Tatort“-Folgen. Zuletzt dann die „Harry Potter“-Hörspiele, mit denen er ja so viel Erfolg hatte. Nur auf Serien wollte er sich bisher nie einlassen. Dabei, sagt er, sei die Reihe, „das einzig Interessante“ im Fernsehen: Hier könne das Fernsehen richtige Figuren schaffen. Götz George als Kommissar Schimanski ist so eine Figur. Aber an George wird auch das Problem deutlich, das so eine erfolgreiche Fernsehfigur für einen Schauspieler mit sich bringt. „Sie legt einen fest“, sagt Beck.

Rufus Beck schaut auf die Uhr. Er muss los. Festgelegt, sagt er noch, werde er bei „Inspektor Rolle“ jedenfalls so schnell nicht. Der löst nämlich seine Fälle, indem er sich verkleidet. In der ersten Folge als Hacker. Auch wenn es ein bisschen unplausibel ist, dass so ein unprätentiöser Polizist wie dieser Rolle mit angeklebtem Schnurrbärtchen, Stirnband und selbst gebasteltem Joint zum Ermitteln loszieht – Beck kann so viele Rollen spielen. Und das, wie man spätestens seit den Harry- Potter-Lesungen weiß, tut er ja so gerne.

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