Zeitung Heute : Ein Bild der Gewalt

Hannes Heine[Fabian Leber] Frank Jansen[Fabian Leber] Peter

Auf das Privatauto von „Bild“- Chefredakteur Kai Diekmann haben Unbekannte in der Nacht zum Dienstag einen Brandanschlag verübt. Auch in der Nacht zum Mittwoch haben Unbekannte in Berlin wieder zwei Autos in Brand gesteckt. Warum gelingt es der Polizei nicht, die Kette von Anschlägen in Hamburg und Berlin aufzuklären?


Das Ziel, die Methode, die kriminelle Intelligenz – alles scheint zu passen, um den in der Nacht zum Dienstag verübten Brandanschlag auf das Auto von „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann der militanten Linken zuzuschreiben. Ein Bekennerschreiben lag den Behörden am Dienstag noch nicht vor. Doch das Boulevardblatt aus dem Springer-Verlag ist für die Szene seit den Zeiten der Studentenrevolte in den 60er Jahren ein klassisches Feindbild.

Auch die mutmaßliche Planung und der Ablauf der Tat deuten auf die linksextreme Szene hin. Diekmanns Wagen wurde attackiert, als er ungeschützt vor dem Privathaus des „Bild“-Chefredakteurs im Hamburger Stadtteil Harvestehude stand. Und der Brandsatz zündete in der Nacht – also zu einer Zeit, zu der es eher unwahrscheinlich ist, dass unbeteiligte Passanten verletzt werden könnten. Das passt in die Strategie militanter Linker, die ohne einen Schaden für „kleine Leute“ gezielt „Symbolfiguren“ des Kapitalismus treffen wollen.

„Zum G-8-Gipfel hin sind die Intervalle zwischen den Anschlägen kürzer geworden“, sagt der Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes, Heino Vahldieck. Dies könnte bedeuten, dass die militante Kampagne nach dem Treffen der Staats- und Regierungschefs in Heiligendamm abebbt. Aber auch das Gegenteil ist denkbar – und zwar dann, wenn es bei den Protesten rund um den G-8-Gipfel zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei kommen sollte. „Wenn es einen Märtyrer gibt, wie in Genua, sind Resonanztaten zu erwarten“, sagt Vahldieck.

Der Verfassungsschutz vermutet, dass für die Anschlagsserie in Hamburg eine kleine Gruppe konspirativ agierender Linksextremisten verantwortlich ist. Auffallend sei, dass die Taten in der autonomen Szene kaum diskutiert würden. Es gebe weder Manöverkritik noch erkennbare Freude, sagt Vahldieck. Die Stille sei ein Indiz für die Abschottung der Attentäter. Darauf deuten auch Aussagen aus der linksradikalen Szene Berlins hin. „Die Mobilisierung auf der Straße ist wichtiger“, heißt es dort. Ein führender Vertreter der Szene meint, für die politische Arbeit vor Ort spielten die Anschläge keine Rolle. Sie seien aber doch ein „berechtigter Teil der Kampagne gegen den G-8-Gipfel“. Inzwischen dürften auch Kleingruppen in Berlin und Hamburg mit Anschlägen beschäftigt sein, die bisher nicht zu solchen Mitteln gegriffen haben. Da vermieden wird, Personen anzugreifen, könnten sich die Täter eines Mindestmaßes an Sympathie sicher sein, heißt es in linken Diskussionsforen: „Ein Auto lebt nicht.“

In Sicherheitskreisen wird vermutet, dass die militanten Linken außerdem eine staatliche Aktion wie die Großrazzia der Bundesanwaltschaft vor zwei Wochen erwartet hatten und daher Racheaktionen möglich sind. Einen solchen Zusammenhang schließt auch die Bundesanwaltschaft nicht aus. Die Behörde gibt sich sehr bedeckt, was die Ermittlungsergebnisse der Razzien betrifft. Nach Angaben eines Sprechers werden die beschlagnahmten Unterlagen und PC-Festplatten immer noch ausgewertet. Von einem konkreten Fahndungserfolg ist keine Rede.

Nach dem Anschlag in Hamburg gehen die Sicherheitsbehörden daher auch von einer erhöhten Gefährdung für andere Führungspersonen des Springer-Verlags aus – unter anderem Mehrheitsaktionärin Friede Springer und Vorstandschef Mathias Döpfner. Beide wohnen in Potsdam. Dort heißt es in Sicherheitskreisen, die Wohnhäuser von Springer und Döpfner würden ab sofort verstärkt gesichert. So seien zusätzliche Streifenfahrten und der Einsatz von Zivilpolizisten geplant. „Da läuft jetzt das übliche Programm aus auffälligen und unauffälligen Sicherungsmaßnahmen“, sagt ein Beamter.

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