Zeitung Heute : Ein Bild der Ohnmacht

Selten sind die Bilder brutaler und schockierender gewesen. Aber die verstümmelten Leichen in Falludscha werden im Fernsehen nicht gezeigt. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Die Amerikaner wollen ihre Landsleute nicht demoralisieren. Die Deutschen hadern mit dem Pressekodex.

Malte Lehming[Washington]

„Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt und Brutalität.“

Aus dem Kodex des Deutschen Presserates, Ziffer 11.

IRAKER ERMORDEN AUSLÄNDER

Was genau passiert ist, weiß zu dieser Zeit noch keiner. Die CNN-Moderatorin spricht von „absolut brutalen Bildern“. Im Hintergrund ist ein brennendes Auto zu sehen, aufgeregte Iraker laufen herum. Es ist früh am Morgen in Amerika. Die Uhren werden hier erst am kommenden Wochenende auf Sommerzeit gestellt. Nach und nach treffen mehr Informationen ein. In Falludscha, etwa fünfzig Kilometer westlich von Bagdad, sind offenbar zwei Jeeps beschossen worden, mindestens vier Menschen starben. Die Identität der Opfer ist zunächst unklar. Später geben die US-Behörden bekannt, dass drei von ihnen zivile amerikanische Aufbauhelfer gewesen seien – Mitarbeiter einer Firma, die im Auftrag der US-Verwaltung im Irak tätig ist.

Erschüttert indes ist die Moderatorin wegen der Bilder, die nicht gezeigt werden, aber vorhanden sind. Auf Videos ist festgehalten worden, was die Angreifer mit ihren Opfern machten. Auf einen Körper wird mit einer Metallstange geschlagen, andere werden an einen Wagen gebunden und durch die Straße geschleift, umringt von einer jubelnden Menge. Zwei verkohlte Leichen baumeln später von einer alten Brücke, „wie geschlachtete Schafe“, sagt ein Einwohner. Das alles verüben nicht etwa einige Extremisten, sondern die Bewohner der Stadt beteiligen sich an den Grausamkeiten. Es sind die Taten ganz gewöhnlicher Menschen.

Wieder werden Erinnerungen wach. In den Hinterköpfen vieler Amerikaner sind ähnliche Szenen aus der somalischen Hauptstadt Mogadischu gespeichert. Seit Monaten läuft in den Kinos der Film „Black Hawk Down“ von „Gladiator“-Regisseur Ridley Scott, der fast die gleiche Geschichte erzählt. Sie spielt im Herbst 1993. Ein US-Sonderkommando soll in einer Blitzaktion in Mogadischu die Anführer einer somalischen Miliz festnehmen. Eine Stunde haben die Soldaten Zeit. Das Unternehmen wird zum Fiasko, durch Verrat, Fehleinschätzungen und Pannen. Statt einen Coup zu landen, müssen sich die Soldaten mit den Guerillas eine 14-stündige Straßenschlacht liefern. Am Ende sind 18 US-Soldaten und Hunderte von Somalis tot. Weltweit liefen damals TV-Bilder, auf denen zwei teilweise entblößte Leichen von GIs durch die Straßen geschleift werden, begleitet von jubelnden Einheimischen. Die Amerikaner sind schockiert. Seit dem Vietnamkrieg haben sie solche Brutalität nicht mehr erlebt. Wenig später zieht die Supermacht ihre Truppen aus Somalia ab.

Kündigt sich diesmal, nach Falludscha, eine ähnliche Entwicklung an? Das ist unwahrscheinlich. Erstens werden die Bilder aus der Hochburg des irakischen Widerstands in den USA voraussichtlich nicht gezeigt. Jede Woche sterben im Irak amerikanische Soldaten. Ebenfalls am Mittwoch, unweit von Falludscha, wurden fünf US-Soldaten durch die Explosion eines Sprengsatzes unter ihrem Fahrzeug getötet. Es war der folgenreichste Anschlag seit Januar. Doch Bilder all dieser Menschen sieht der Amerikaner allenfalls als Fotografien auf den regelmäßig erscheinden Nachrufseiten in den überregionalen Zeitungen. Die Leichen indes sind nicht zu sehen, aus Pietätsgründen – heißt es zur Begründung. Vor allem aber würden die Bilder die Bevölkerung demoralisieren. Selbst „Bodybags“ werden nicht gezeigt. Damit entfällt jene emotionale Wucht, die Kriegsbilder auslösen können. Würden diese Bilder ausgestrahlt, könnte sich die Stimmung der Amerikaner gegen George W. Bush wenden.

Zweitens sind die Grausamkeiten von Falludscha, so makaber es klingt, weder überraschend noch ein Einzelfall. Die tödlichste Katastrophe ereignete sich dort Anfang November 2003, als ein US-Hubschrauber von einer Rakete getroffen wurde und abstürzte. Damals starben zwölf GIs, mehr als zwanzig wurden verletzt. Und bereits damals feierten die Bewohner der Stadt. Stolz flanierten sie mit rauchenden Trümmerresten des Hubschraubers durch die Straßen. Und auf eine Wand war groß der Slogan gemalt worden: „Falludscha wird immer der Friedhof der Amerikaner sein.“ Ein ähnliches Schild war auch jetzt wieder zu sehen.

Überrascht wiederum sind die Verantwortlichen im Pentagon schon deswegen nicht, weil sie seit geraumer Zeit mit Entführungen und Grausamkeiten nach dem Vorbild von Mogadischu rechnen. Vor knapp drei Wochen erst warnte ein amerikanischer Militär in der „New York Times“ vor einer Entwicklung wie in Somalia. „Die Terroristen wollen einen unserer Soldaten entführen“, sagte er. Um das zu erreichen, würden auch Tricks angewandt. Angreifer könnten sich als irakische Polizisten tarnen. Deshalb seien die US-Soldaten angewiesen worden, sich im Irak niemals allein zu bewegen. Mitte Januar war ein Brief des untergetauchten Islamisten Abu Mussab al Sarkawi an Al Qaida entdeckt worden. Darin schildert er, wie und warum US-Soldaten entführt werden müssten.

Drittens schließlich gibt es zur fortgesetzten amerikanischen Besetzung des Irak keine vernünftige Alternative. Einen Rückzug, wie einst aus Somalia, fordert nicht einmal die Opposition. Somalia war in den USA als eine Art Luxuskrieg, geführt allein aus humanitären Gründen, wahrgenommen worden. Der Irakkrieg dagegen gilt immer noch, trotz der fehlenden Massenvernichtungswaffen, als ein Feldzug, der aus Gründen der nationalen Sicherheit notwendig war. Ein Abzug der Truppen nach einem Anschlag, darin sind sich alle Experten einig, wär das Törichste, was die Regierung tun kann. Der Preis für das Durchhalten ist das Ertragen unsäglicher Grausamkeiten.

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