Zeitung Heute : Ein Bild von einer Frau

Forscher wollen ein neues Bild von Leonardo da Vinci entdeckt haben, und die Frau im Louvre sei auch nicht Mona Lisa, sagt ein Experte. Was ist los mit den Werken des großen Italieners?

Christina Tilmann
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Die Neue. „Bella Principessa“ soll von Leonardo da Vinci sein. Foto: dpaLUMIERE_TECHNOLOGY

Ein Fingerabdruck soll das Beweismittel sein. Ein Fingerabdruck am linken oberen Rand der Zeichnung, der übereinstimmt mit einem Leonardo-da-VinciBild aus dem Vatikan. Reicht das, um das zweifellos zauberhafte Porträt eines jungen Mädchens als eigenhändiges Werk des großen italienischen Meisters anzuerkennen, wie die britische Fachzeitschrift „Antiques Trade Gazette“ vermeldet?

Lange genug galt die „Bella Principessa“ als deutsches Werk des 19. Jahrhunderts. Nun haben Röntgenuntersuchungen herausgefunden, dass die Zeichnung tatsächlich im Zeitraum von 1440 und 1650 entstanden ist. Das würde die Lebzeit von Leonardo (1452–1519) einschließen. Der Leonardo-Forscher Martin Kemp, der gerade an einem weiteren Buch über den Meister sitzt, vermutet darin ein Porträt der Bianca Sforza, der Tochter des Herzogs von Mailand.

Das ist nur der eine Aufreger, der den Meister der italienischen Renaissance diese Woche in die Schlagzeilen bringt. Gleichzeitig äußert der italienische Historiker Roberto Zapperi in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“, dass die rätselhafte Schöne im Pariser Louvre, die die Fantasie der Menschheit bewegt wie sonst nur Nofretete, wahrscheinlich nicht jene Kaufmannsgattin Lisa del Giocondo aus Florenz sein könne, als die das als „Mona Lisa“ oder „La Gioconda“ gekannte Werk jahrhundertelang verehrt wurde. Der Auftraggeber des Bildes, Giuliano de’ Medici, ein Sohn Lorenzos des Mächtigen, habe diese Lisa gar nicht gekannt. Stattdessen hätte er sehr wohl Grund gehabt, eine gewisse Pacifica Brandani verewigen zu lassen, die ihm einen unehelichen Sohn geboren hat.

Nun steht Quelle gegen Quelle. Dieser Giuliano de’ Medici, der nach dem Tod Lorenzos aus Florenz vertrieben wurde und nach Urbino ins Exil ging, wird erwähnt in einem Bericht des Kardinals Luigi d’Aragona, der den greisen Leonardo in Frankreich besuchte. Die Mona- Lisa-These wiederum stammt aus den Lebensbeschreibungen von Vasari, die lange Zeit als Bibel der Kunstgeschichte galten. Dieser hatte anschaulich beschrieben, wie Mona Lisa Leonardo Modell sitzt und von diesem dabei unterhalten werden muss, damit sie sich nicht langweilt. Das sei indes eine literarische Fiktion, ganz im Sinn der Renaissance-Künstlerliteratur, sagt Zapperi.

Fiktion steht gegen Fiktion. Auch Zapperi, der ausgesprochen gut lesbare Bücher über Goethe und die Familien der Farnese und Aldobrandini geschrieben hat und akribisches Quellenstudium immer mit spektakulären Thesen zu verbinden weiß, hat eine herzbewegende Geschichte zu bieten. Der uneheliche Sohn Giulianos, der spätere Kardinal Ippolito de’Medici, den seine Mutter in einer Kirche in Urbino ausgesetzt hatte und der in einem Findelhaus aufwuchs, sei zwar von seinem Vater an den Hof nach Rom geholt worden. Er habe aber solche Sehnsucht nach der Mutter gehabt, dass der Vater Leonardo beauftragt habe, ein Bild der Pacifica Brandani zu malen, das den Kleinen trösten solle. Leonardo indes, der die Dame gar nicht kannte und habe nur ein Idealbildnis malen können und es, da der Auftraggeber Guiliano schon 1516 starb, später mit nach Frankreich genommen. Und der traurige kleine Junge Ippolito habe erst als erwachsener Kardinal erfahren, wer seine Mutter war – das vermeintliche Bild Leonardos von ihr habe er aber nie gesehen.

Rätsel, Krimis, Spekulationen: Das geheimnisvolle Frauenbild im Louvre, das entgegen seinem Namen Gioconda – „Die Liebenswerte“ – überhaupt nicht liebenswürdig, sondern eher herb, streng und verhalten dem Besucher entgegenblickt, beschäftigt die Fantasie seit Jahrhunderten. Das ungleich liebenswürdigere neu entdeckte Bild der Bianca Sforza, wenn es sie denn tatsächlich ist, dürfte indes eher für den Markt interessant sein. 1998 war es für 19 000 Dollar bei Christie’s in New York versteigert worden, als „Deutsch, frühes 19. Jahrhundert“. 2007 erwarb es der Kanadier Peter Silverman im Auftrag eines Schweizer Sammlers für 21 000 Dollar, ebenfalls als „19. Jahrhundert“. Der Schweizer habe versprochen, ihm „Mittag- und Abendessen und Kaviar für den Rest meines Lebens zu spendieren“, falls das Gemälde jemals verkauft werde, erzählt Silverman. Sollte es sich tatsächlich um einen Leonardo halten, wird der Wert der Zeichnung auf hundert Millionen Euro geschätzt.

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