Zeitung Heute : Ein Biotop für Lachse

Die geschichtsträchtige Wasserkraftanlage Rheinfelden zwischen Bodensee und Basel wird durch ein modernes Kraftwerk ersetzt. Sowohl in der Stromproduktion als auch in der Naturverträglichkeit setzt dieses Projekt Maßstäbe

-

Von Gerd Lustig Im Rheinfelden wird in diesen Tagen Wasserkraftgeschichte geschrieben und zwar genau genommen zum zweiten Mal. Seit 1898 ist Rheinfelden, am Hochrhein zwischen Bodensee und Basel gelegen, Standort des ersten großen Wasserkraftwerks in Europa. Das Werk war Keimzelle zur Elektrifizierung und Industrialisierung der deutschschweizerischen Grenzregion. Nun wird die EnBW Energie Baden-Württemberg AG das historische Kraftwerk durch ein modernes Werk ersetzen, das Maßstäbe setzt: sowohl in der Stromproduktion als auch in der Naturverträglichkeit. 277 Millionen Euro wird der Neubau an historischer Stelle kosten. Dazu kommen die Ausgaben für den Bau eines neuen Stauwehrs und für die geplanten Naturschutzmaßnahmen. Insgesamt ist der Neubau das bislang größte Einzelbauvorhaben im Bereich der regenerativen Energien in Deutschland.

Gebaut und betrieben wird das Kraftwerk von der EnBW-Tochter Energiedienst AG (ED) mit Sitz im schweizerischen Laufenburg. Bis der Aufsichtsrat der ED am 1. Juli dieses Jahres den Baubeschluss verkünden konnte, war ein langer Weg zurückzulegen. Neben langjährigen und aufwändigen Planungen galt es die Baugenehmigung und die Betriebskonzession sowohl von den deutschen als auch von den Schweizer Genehmigungsbehörden zu erlangen, inklusive einer mehrjährigen binationalen Umweltverträglichkeitsprüfung. Die höchste Hürde war aber im Bereich der Wirtschaftlichkeit zu nehmen. Die prognostizierten Produktionskosten lagen mit neun Cent pro Kilowattstunde drei Mal so hoch wie die Gestehungskosten in einem konventionellen fossilen Kraftwerk.

Keine Frage: Ein so erzeugter Strom wäre – ohne staatliche Förderung – am Markt kaum zu verkaufen gewesen. ED und EnBW ließen aber nicht locker und blieben am Ball. Den Kraftwerksbetreibern lag weiterhin an der Produktion am „sauberen“ und aus regenerativen Energien erzeugten Strom. In Überzeugungs- und Lobbyarbeit resultierte letztlich zweierlei: Zum einen, dass die Politik im Rahmen des Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) auch die so genannte Große Wasserkraft fördert, also auch jene Kraftwerke jenseits der vorher geltenden fünf Megawatt-Grenze.

Das Gesetz wurde im Jahr 2004 im Bundestag verabschiedet und fördert die Große Wasserkraft immerhin mit 4,9 Cent pro kWh und machte damit den Weg zu einem Neubau am Hochrhein frei. Zwar ist man sich im Unternehmen im Klaren, dass trotz der EEG-Förderung zu Produktionsbeginn des neuen Kraftwerks die Gestehungskosten noch deutlich über dem aktuellen Marktwert von vergleichbarem Strom liegen. ED rechnet jedoch damit, dass sich die Preissituation bis zur Inbetriebnahme im Jahr 2011 und in den darauf folgenden Jahren positiv für das neue Wasserkraftwerk entwickeln wird.

Eines steht aber fest: Mit dieser Investition wird die Wasserkraftleistung am historischen Wasserkraftstandort Rheinfelden von derzeit 26 Megawatt auf mehr als das Vierfache, nämlich 116 Megawatt, erhöht. Die jährliche Stromproduktion wird sich dabei mehr als verdreifachen, von derzeit 190 Millionen Kilowattstunden (kWh) auf 600 Millionen kWh. Das ist so viel, wie alle 1000 kleine Wasserkraftwerke in Baden-Württemberg zusammen oder so viel, wie 300 Windkraftanlagen im Schwarzwald produzieren würden. Das neue Kraftwerk könnte also Strom für zusätzlich etwa 165 000 Haushalte bereitstellen und damit jährlich knapp 600 000 Tonnen Kohlendioxid einsparen – ein wichtiger Beitrag zum Umweltschutz.

Seit März 2003 ist bereits der Bau des neuen Stauwehrs in vollem Gange. Es soll das vor rund 100 Jahren errichtete, inzwischen aber marode alte Stauwehr etwa 130 Meter weiter unterhalb ersetzen. Die Kosten: 65 Millionen Euro. Fertig gestellt sein soll es bis zum Jahr 2007. Direkt im Anschluss wird dann das eigentliche Maschinenhaus in Angriff genommen werden, und zwar aus strömungstechnischen und hydraulischen Gründen am Schweizer Ufer. Das neue Kraftwerk unterscheidet sich deutlich von seinem Vorgänger. Stauwehr und Krafthaus liegen in einer Achse quer zum Rhein. Vier Rohr-Turbinen (bisher 20 Turbinen) erreichen eine Leistung von 116 Megawatt. Sie können die Ausbauwassermenge von rund 1500 Kubikmetern pro Sekunde (derzeit 600 Kubikmeter) verarbeiten. Dazu erfolgt ein zusätzlicher Aufstau im Oberwasser vor dem Stauwehr um 1,40 Meter und eine Austiefung im Unterwasser um 50 Zentimeter, so dass letztlich eine Netto-Fallhöhe von etwa neun Metern resultiert.

Das neue Kraftwerk wird aber auch in Sachen Naturschutz eine Vorreiterrolle einnehmen. Die bisherige Fischtreppe wird durch ein etwa 800 Meter langes, naturnahes Umgehungsgewässer ersetzt. Dieses weist in seiner Dimension den Charakter eines kleinen Gebirgsflusses auf. Stromschnellen, Rinnen und Kiesinseln wechseln sich dabei strukturreich ab. Von dem neuen Lebensraum profitieren vor allem Tierarten, die auf schnelle Strömungen und kiesigen Untergrund, zum Beispiel als Laichplatz angewiesen sind. Nicht zuletzt soll der künstliche Fischpass als Laichgewässer für den Lachs fungieren. Darüber hinaus zeichnet er sich durch eine besondere technische Ausführung der Lockströmung aus. Die flussaufwärts wandernden Fische finden den Eingang zum Fischpass dank dieser Lockströmung.

Ergänzt wird das revolutionäre Umgehungsgewässer durch eine so genannte Vertical Slot-Fischtreppe am Krafthaus, die ebenfalls lachsgängig ist. Schon jetzt können die Fische an der neuen Staumauer das Hindernis über einen neuen naturnahen Fischpass besser überwinden. Das Besondere an dem Fischaufstieg, der im Juni in Betrieb genommen wurde, ist die Bauweise: Als Raugerinne-Beckenpass passt er sich sehr gut in die natürlichen Gegebenheiten ein.

Jochen Ulrich, bei Energiedienst zuständig für ökologische Maßnahmen, erläutert die Vorteile gegenüber herkömmlichen Fischtreppen: „Bodennah wandernde Fische wie Groppen, Schmerlen und Aale sowie andere bodengebundene Lebewesen, zum Beispiel Krebse, können die Fischtreppe dank der reich mit Steinmaterial strukturierten Sohle gut überwinden.“

Viele Nischen im bewusst unregelmäßigen Steinaufbau dienen den Fischen als Versteck oder Lebensraum. Außerdem sind drei der insgesamt 44 Becken als Ruhebecken mit geringer Strömung eingerichtet, um den Fischen beim langen Aufstieg Erholung zu bieten. „Die Funktionstüchtigkeit wird nun unmittelbar nach Inbetriebnahme geprüft: Im Rahmen der koordinierten Fischzählung 2005/2006 am Hochrhein zählen die örtlichen Fischervereine über ein ganzes Jahr die aufgestiegenen Fische.

Weitere Schutz- und Ausgleichsmaßnahmen garantieren aber noch weitere ökologische Vorteile. So entstehen am Fischpass felsige Böschungen für Mauereidechsen und in der Rheinfelsenlandschaft „Gwild“ unterhalb des Stauwehrs eine Brutinsel.

Fledermauskästen am Stauwehr und Brutnischen im Bereich des naturnahen Fließgewässers unterstützen die heimische Fauna bei der Aufzucht ihres Nachwuchses. Insgesamt profitiert also die gesamte gewässerbegleitende Fauna von diesen Ausgleichsmaßahmen, Maßnahmen im Übrigen, die als Maßgabe in der erteilten Konzession aufgelistet waren und Maßnahmen, für deren Realisation Energiedienst alles in allem mit rund 11,6 Millionen Euro investiert.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!