Zeitung Heute : Ein bisschen Canossa Erst mal nach Straßburg:

Cem Özdemirs Comeback

Benno Stieber[Ehingen]

Frühstart: Cem Özdemir steht schon am Rednerpult in der Ehinger Stadthalle und will gerade zu sprechen anfangen, da wird er vom Parteitagspräsidium noch einmal nach unten gescheucht. Streng geht es bei den Grünen zu: streng nach Alphabet. Deshalb dürfen erst seine beiden Mitbewerber sprechen. Mit einem scheuen Lächeln trollt sich Özdemir wieder auf seinen Platz. Es ist die Vorausscheidung der grünen baden-württembergischen Kandidaten für das EU-Parlament. Für Cem Özdemir ist es der erste Auftritt auf der politischen Bühne seit einem Jahr.

Elf Monate ist es her, dass Özdemir vor die Bundespressekonferenz in Berlin trat und seinen Rücktritt erklärte. Wegen eines Kredits, den er vom PR-Tausendsassa Moritz Hunzinger angenommen hatte, und vor allem wegen der so genannten Bonusmeilen-Affäre. Bis dahin galt er als eines der politischen Talente in Berlin. Mit 15 bei den Grünen, mit 23 im Landesvorstand der Partei in Baden-Württemberg, mit 28 schon Bundestagsabgeordneter. In der neuen Legislaturperiode hätte er gute Chancen auf einen Posten als Staatssekretär gehabt. Özdemir war ein Medienliebling. Er, der anatolische Schwabe, galt als ein Musterbeispiel für Integration. Er genoss es, in der Öffentlichkeit zu stehen. Özdemir besprach Hörbücher auf Schwäbisch, ließ sich drei verschiedene Autogrammkarten drucken und machte Modefotos für einen Schweizer Herrenausstatter. All das war auf einen Schlag vorbei. Özdemir sah grau und erschöpft aus, damals.

Jetzt, elf Monate später, muss er sich wieder hinten anstellen. Und das scheint ihm im Augenblick gar nicht so unrecht zu sein. In den drei Tagen des Landesparteitags war Cem Özdemir vor allem damit beschäftigt, nicht weiter aufzufallen. Keine Interviews im Vorfeld, nichts soll an die Medieninszenierungen von früher erinnern. Am Tag seiner Kandidatur sitzt er in Hemd, Cordhosen und Turnschuhen wie festgeschraubt auf seinem Delegiertenplatz. Oft ist sein Gesicht hinter den Fäusten vergraben, dann blättert er wieder nervös in seinem Manuskript. Als er endlich ans Rednerpult darf, weicht diese Nervosität sofort einer professionellen Anspannung. Özdemir ist ernst, findet aber gleich den richtigen Ton: Ein bisschen Canossa muss schon sein.

Dann versucht er, der Kritik von beiden Seiten zu begegnen. Denen, die ihm noch immer nicht verzeihen mögen, und jenen, die seinen Rücktritt als mangelnde Krisenfestigkeit interpretiert haben. Es sei richtig gewesen zurückzutreten, sagt er, um den Grünen im Bundestagswahlkampf keine Last zu sein. Man dürfe aber seine achtjährige Arbeit als Bundestagsabgeordneter nicht auf die beiden Fehler reduzieren. Und dann hat er noch einen Seitenhieb für seinen früheren Fraktionschef Rezzo Schlauch parat, der seine Bonusmeilen-Affäre einfach ausgesessen hat. Es könne nicht sein, sagt Cem Özdemir, dass ausgerechnet er, der die Konsequenzen gezogen habe, sich immer wieder rechtfertigen müsse. Dafür gibt es Applaus von den Parteifreunden, die Schlauch wohl zusätzlich übel nehmen, dass er sich kaum länger als eine Stunde in Ehingen hatte blicken lassen.

Es waren offenbar andere als Schlauch, die in Berlin halfen, Özdemirs Comeback vorzubereiten. Renate Künast zum Beispiel. Während Özdemir in den letzten Monaten mit einem Stipendium in Washington über die Minderheiten im politischen System der USA forschte, habe sie ihn dort besucht und in seinen Europaplänen bestärkt, ist zu hören. Politische Talente in Özdemirs Alter sind bei den Grünen schließlich rar.

Dabei wirkt Özdemir durchaus nicht so, als hätte er es nicht noch eine Weile in Washington ausgehalten. Aber für einen Polit-Rentner ist er mit 37 Jahren doch noch etwas zu jung. Also versucht er es jetzt fürs Erste mit dem Straßburger Parlament. Und sollte er das insgeheim für ein Rückfahrticket ins große Politikgeschäft halten, so lässt er sich das an diesem Tag zumindest nicht anmerken. Mit starken Gesten redet er über die Bedingungen für einen EU-Beitritt der Türkei und Europas künftige Rolle in der Welt. Am Ende wählen ihn die Südwestgrünen mit fast zwei Dritteln der Stimmen.

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