Zeitung Heute : Ein bisschen Ferkelskram

Gewalt bei der Bundeswehr: Haben die vermehrten Auslandseinsätze die Truppe brutaler gemacht?

Axel Vornbäumen

Vergangenen Freitag war Winfried Nachtwei in Coesfeld. Nachtwei ist Verteidigungsexperte der Grünen. Coesfeld liegt im Münsterland. Seit vor einigen Wochen bekannt wurde, was im Juni dieses Jahres dort in der Freiherr-vom- Stein-Kaserne mit Rekruten der Bundeswehr geschah, hat es das kleine Städtchen zu einer zweifelhaften Berühmtheit gebracht. In der Kaserne wurden Soldaten misshandelt, wurden bei fingierten Geiselnahmen gefesselt, mit Wasser bespritzt und mit Stromstößen traktiert. Verteidigungsminister Peter Struck, mit Armeereform in Zeiten des Sparzwangs, mit Standortschließungen sowie der Debatte über Sinn und Unsinn der Wehrpflicht eigentlich bestens beschäftigt, hat seitdem unversehens einen handfesten Skandal am Hals. Nicht nur notorischen Militärskeptikern gilt Coesfeld mittlerweile als Synonym für ungebremste Verrohungstendenzen in der Gesellschaft, die schon gar nicht vor dem Militär halt machen. Schärfere Kritiker verorten, reichlich zugespitzt, Coesfeld auf der Skala der Schande sogar kurz hinter Abu Ghraib, dem Foltergefängnis der Amerikaner im Irak. Das Ansehen der Bundeswehr, so der gemeinsame Nenner, ist erheblich ramponiert.

Man möchte meinen, das alles ist Stoff genug für angeregte Bürgerversammlungen. Doch als Winfried Nachtwei an besagtem Freitag in Coesfeld zum Themenabend bat, da kamen nur die üblichen Verdächtigen. 15, vielleicht 20 grüne Parteigänger wollten ihren Verteidigungsexperten hören, mehr nicht. Staatsbürger in Uniform? Fehlanzeige. „Das erstmalige Angebot“, so der enttäuschte Grüne, „sich am Ort des Geschehens auszutauschen und nicht nur passiv der hektischen Mediendiskussion zu folgen, wurde leider kaum wahrgenommen.“ Die Nachrichtenkarawane, so hat es den Anschein, ist längst weitergezogen. Selbst im Ministerium gibt es Stimmen, die das für bedenklich halten.

So ist es auch diesmal wieder wie immer. Kurz und heftig rollt die jüngste Enthüllungswelle über Verfehlungen hinter deutschen Kasernentoren durch die Gazetten. An ihren Rändern spült sie allerlei Unrat hoch, der sich über die Jahre hinweg auf trübem Grund abgelagert hat. „Menschenverachtendes Verhalten“, „sinnlose Quälerei“ macht etwa der jüngste Bericht des Ministeriums an den Verteidigungsausschuss in diversen Fällen aus. Mal mussten Soldaten, wie an der Schule für Feldjäger und Stabsdienst der Bundeswehr in Sonthofen, Tiere nachmachen oder sich Obszönitäten ins Ohr flüstern lassen. Mal probierten, offenbar freiwillig, Soldaten in Doberlug-Kirchhain ein Hundeelektrohalsband an sich aus. Mal schikanierte ein Unteroffizier in Varel seine Untergebenen mit Schlägen in den Bauch und in die Genitalien oder zielte mit der geladenen Waffe auf sie. Und häufiger als gedacht und mit offenkundigem Spaß am Abenteuer und einer gehörigen Portion Hemdsärmeligkeit wurden „Geiselnahmen“ geübt – stets nach dem Motto: ferne Länder, raue Sitten. In einem Fall machte der soldatische Übungseifer nicht einmal vor einer „Scheinhinrichtung“ halt.

Das alles zeichnet ein deprimierendes Bild – doch fast noch deprimierender ist, dass selbst die mit Kontrollbefugnissen ausgestatteten Mitglieder des Verteidigungsausschusses keinen so rechten Begriff davon haben, wie es um den Wertehaushalt der „Parlamentsarmee“ Bundeswehr bestellt ist. Coesfeld und Co. – ist das schon der komplette Eisberg oder doch nur seine Spitze? Man ist unsicher geworden, auch im Ministerium. Als Struck von den Vorgängen in Coesfeld erfahren habe, heißt es, da sei er schon „mit vielen Zweifeln rumgelaufen“. An diesem Mittwoch wirkt der Minister vor dem Verteidigungsausschuss des Bundestags dann doch erleichtert, dass sich die Zuschriften an den Wehrbeauftragten im Nachgang zu Coesfeld in Grenzen gehalten haben. Insgesamt 25 Eingaben hat es gegeben, im Ministerium hatte man mit mehr gerechnet, weil es nach spektakulären Vorkommnissen in der Regel eine „gesteigerte Sensibilität im Meldeverhalten“ gebe.

Zwar schließt beispielsweise Heeresinspekteur Hans-Otto Budde kategorisch aus, dass „Ferkelskram“ im Alltag der Truppe gang und gäbe sei. Doch auch Kettenraucher Budde musste sich erst mal eine anzünden, als er davon erfuhr, wie kräftig in Coesfeld das hehre Prinzip der Inneren Führung mit Füßen getreten wurde. Was den General ärgert ist vor allem, dass die nun bekannt gewordenen Misshandlungen letztlich nur zufällig ans Licht kamen; viele der schikanierten Soldaten schwiegen, sei es aus Angst, sei es aus Gleichgültigkeit, sei es aus einer merkwürdigen Gier nach Grenzerfahrungen. Manche in Coesfeld wollten sich durch eine Beschwerde schlichtweg nicht um die Möglichkeit bringen, auf Auslandseinsatz mitgenommen zu werden. Im Ministerium selbst war man einigermaßen entsetzt, als man die Vielzahl von Fotos sah, die die „Geiselnahme“ in der Freiherr-vom-Stein-Kaserne offenkundig dokumentieren sollten. „Das zeigt auch“, sagt einer, „dass die kein Verständnis dafür hatten, was für eine Scheiße sie da angerichtet haben.“

Nun soll nachgebessert werden. Verteidigungsminister Struck hat seinen Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan mittlerweile angewiesen, verschärft darüber nachzudenken, wie „einsatznahe Ausbildung“ mit den Grundsätzen der Inneren Führung „in Einklang gebracht werden kann“.

Es könnte ein Megathema für die Bundeswehr werden. Und: Es gibt fürwahr einfachere Aufgaben. Denn dass sich der Geist der Truppe bei Bedarf auf Knopfdruck verändern lässt – daran glaubt im Ernst keiner. Wie es aber wirklich in der Truppe aussieht, wie stark eine durch immer größere Erfahrung von Auslandseinsätzen geprägte Armee sich verändert – das weiß so genau niemand. Man habe, gibt der Abgeordnete Nachtwei unumwunden zu, von außen eben „wenig Einblick in den Alltag dieser Großorganisation. Beim Ausbildungsalltag, in der Kantine, auf der Stube sind wir nicht dabei“. Langfristige Einstellungs- und Verhaltensänderungen seien durch Gespräche und Besuche kaum erkennbar. „Es wird einem nun bewusst“, sagt Nachtwei, „dass man sich manchmal was vormacht.“

Die Selbsterkenntnis der Parlamentarier färbt mittlerweile sogar auf das Ministerium ab. „Wir sind“, gibt einer aus dem Bendlerblock zu, „schon relativ weit weg von der Truppe.“ Die Kritik aus Berlin schließt das Gros der Offiziere in der Fläche gleich mit ein. Viele Offiziere und Generale, heißt es, „vergessen ihre Pflicht zur Dienstaufsicht“. Auch die Ansprache an den einfachen Soldaten sei zu wenig direkt.

Braut sich da was zusammen? Bis vor kurzem noch galt das Verhalten deutscher Soldaten auf multinationalen Auslandseinsätzen als über die Maßen vorbildlich. Kein Standort, an dem sich die Bundeswehr nicht beliebt gemacht hätte, ob in Afghanistan, auf dem Balkan oder am Horn von Afrika.

Nun erst beginnt in der Bundeswehr, recht zaghaft noch, die Debatte, ob die vermehrten Auslandseinsätze subkutan eine gestiegene Gewaltbereitschaft in die Truppe getragen haben. Heeresinspekteur Budde würde so weit nicht gehen wollen. Der General, selbst mal Fallschirmjäger, führt an, dass es auf Einsätzen schon nach den Gesetzen militärischer Logik ein wenig martialischer zugehe – „ein bisschen Balzgehabe gehört dazu“. Budde glaubt sogar an die persönlichkeitsbildende Wirkung von Auslandseinsätzen: „Die Männer, die wiederkommen, sind erwachsener geworden.“

Andere sind da nicht ganz so sicher. Dass sich nur körpersprachlich bei jenen Soldaten etwas verändert, die, beispielsweise, Streife in Kabul gelaufen sind, daran wollen Fachleute im Ministerium nicht mehr glauben. Immerhin kämen da Soldaten in die Heimat zurück, die das Gefühl von „Macht und Stärke“ mitbrächten. „Ich habe die Befürchtung“, sagt einer, der den Laden schon länger kennt, „dass die auch anders denken.“

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