Zeitung Heute : Ein bisschen Frieden

Männer und Frauen können keine Freunde sein – Israelis und Palästinenser erst recht nicht. Oder? Robi Damelin und Adel Misk haben durch die jeweils gegnerische Seite Sohn und Vater verloren. Wie sie sich heute begegnen.

Freia Peters

David starb vorletztes Jahr im Sommer. Er war 28 Jahre alt. Der Philosophiedozent hatte frei bekommen, für den Reservedienst bei der Armee. Wie jedes Jahr. Und dann schickten sie ihn in ein Tal auf der Westbank. Es war die perfekte Falle. Von einem der umliegenden Hügel aus erschoss an diesem Sommertag ein palästinensischer Scharfschütze neun Soldaten und David. Als sie ihn aufhoben, fanden sie in seiner Brusttasche ein Kärtchen, darauf ein paar Zeilen. Eine Art Moralkodex für Soldaten hatte David aufgeschrieben – vor seiner Abreise. Niemals wolle er Menschen schlechter behandeln, nur weil sie einer anderen Nation angehörten oder an einen anderen Gott glaubten.

„David hat immer gesagt, dass die Besatzung das Land ruiniert“, sagt Davids Mutter Robi Damelin und zieht an einer Marlboro Menthol. Ihre Stimme ist kratzig, Frau Damelin ist stark erkältet. „Er wollte den Reservedienst nicht leisten“, sagt sie. „Er tat es doch, weil er meinte, als Soldat an Kontrollpunkten am besten zeigen zu können, dass es auch Israelis gibt, die die Palästinenser verstehen und gut behandeln.“ Robi Damelin sitzt auf einem roten Ledersessel in ihrem Wohnzimmer im Norden Tel Avivs, die Füße herangezogen, und guckt auf einen Fotorahmen mit Bildern von David. David mit Freundin, mit Bruder. Grüne Augen hatte er, dunkles Haar. Ein attraktiver Mann. „Mit Davids Tod fertig zu werden, das ist wie lebenslänglich“, sagt sie. „Es wird nicht besser. Es gibt ein Leben davor und eines danach.“

Frau Dabelin kennt den Mörder ihres Sohnes nicht. Sie will auch nicht wissen, ob man ihn verhaftet hat. „Was ändert das?“ Sie schaut gleichgültig, betäubt immer noch ein bisschen. So schaut sie oft, wenn sie sich unbeobachtet fühlt. Aber es gibt da etwas, das die Resignation aus den Augen verscheuchen kann, was ihren Lebenswillen anspringen lässt. Denn Robi Damelin hat sich eine Aufgabe geschaffen nach Davids Tod. Hat etwas gesucht, das sie am Leben erhält. Sich Davids Tod einfach zu ergeben, hätte für sie bedeutet, die politischen Umstände zu akzeptieren, die dazu führten – es wäre ein doppelter Verlust gewesen. Robi Damelin, die Energische, die zwei Kinder alleine großgezogen hat, ist aber keine, die einfach akzeptiert. Und so ging sie, einige Monate nach der Beerdigung, zu „Parent’s Circle“. Zu einer Organisation, in der sich 500 israelische und palästinensische Familien zusammengeschlossen haben, die Angehörige durch die jeweils andere Seite verloren haben. Die sich trotzdem kennen lernen, einander verstehen wollen.

Frau Damelin gehört zur Linken Israels, stammt aus einer liberal gesinnten Familie. Sie ist damit groß geworden, sich für die Rechte Unterdrückter einzusetzen. Ihre Eltern waren aus Südafrika nach Israel gekommen und hatten schon in ihrer ersten Heimat gegen ein Unterdrückungsregime gekämpft, gegen die Apartheid. „Ich hatte immer Mitgefühl mit den Palästinensern, die in den besetzten Gebieten unter menschenunwürdigen Umständen leben“, sagt sie. „Ich sage auch jetzt noch die gleichen Dinge wie vorher, nur hören mir jetzt mehr Menschen zu.“ Vielleicht hat der Tod ihres Sohnes ihre Haltung noch gestärkt.

Also hat sich Robi Damelin zu Hause ein richtiges Büro eingerichtet, in Davids Zimmer, und wurde zu eine der engagiertesten Rednerinnen der Organisation. Gerade erst ist sie aus London zurückgekommen, wo sie vor dem britischen Unterhaus eine Rede gehalten hat – darüber, dass es sehr wohl Palästinenser gebe, die den Frieden wollen. Frau Damelin weiß das aus dem „Parent’s Circle“. Sie hat den Feind zum Freund gemacht und ihn in ihr Haus gelassen. Er ist Arzt und heißt Adel Misk. Er ist Palästinenser. Und er ist ihr engster Vertrauter geworden.

Ost-Jerusalem, ein Café nahe des Damaskus-Tors. Das klebrige Zuckergebäck mag Adel Misk nicht. Er will Kaffee, schenkt sich ein aus der kleinen Goldkaraffe, rührt drei Löffel Zucker hinein, hinter den Mauern der Altstadt lärmen die Händler. Herr Misk ist hier geboren, in Jerusalem, mit seiner Frau und vier Kindern wohnt er nur ein paar Straßen weiter. Er greift in die Innentasche seiner Jacke und zeigt ein Foto: sechs fröhliche Grinsegesichter vor einem blauen Samtvorhang. Auch Adel Misk lächelt da, ein bisschen scheu. Man sieht es nur an den Augen, die etwas kleiner werden, und an den Lachfältchen, denn um die Mundwinkel herum verschwindet alles unter einem buschigen Schnurrbart. Zehn Jahre ist es her, dass sein Vater starb, es fällt ihm immer noch schwer, darüber zu sprechen. „Es ist bis jetzt ein Schock“, sagt er.

Gegen Ende der ersten Intifada war ein israelisches Taxi durch Ost-Jerusalem gefahren, und zwei kleine Jungs hatten einen Stein darauf geworfen. Da bremste der Fahrer, ein Israeli, stieg aus, zog eine Waffe und schoss. Die Kinder waren längst über alle Berge. Die Kugeln trafen Adel Misks Vater, trafen Ga’ama Misk, der gerade seine Haustür aufschloss. Sieben Kugeln saßen in seinem Körper. Adel selbst operierte ihn noch, im Krankenhaus. Doch Ga’ama Misk starb.

Der Sohn kennt den Mörder seines Vaters. „Ich habe ihn vor Gericht gesehen. Ich sehe ihn auch heute manchmal“, sagt er. „Er fährt immer noch im gleichen Revier Taxi.“ Zu vier Jahren Haft war der Mann verurteilt worden. Eineinhalb Jahre davon verbrachte er im Gefängnis, den Rest zu Hause. „Es ist lustig“, sagt Herr Misk und lacht verbittert. „Ein Palästinenser hätte lebenslänglich bekommen. Sein Haus wäre zerstört worden.“ Herr Misk senkt den Blick, als schäme er sich. „Ich hatte Rachegefühle", sagt er. Er fand, die Richter seien befangen gewesen, hätten den Mörder – einer von ihnen, als Israeli und Jude – absichtlich nachsichtig bestraft. Adel Misk wollte dem Mann am liebsten den Hals umdrehen. Doch es gibt eben Menschen, die können nicht richtig hassen. Vielleicht liegt es daran, dass da ein Gerüst ist, das ihn hielt, ihn auffing vor dem Sturz in die haltlose Rache. Vielleicht war es Bildung oder auch Charakterstärke – Gewissen könnte man es ebenfalls nennen.

Nach einem solchen Verlust einfach zu verharren, ist unerträglich. Man muss irgendwohin, sich bewegen, den Ängsten und Erinnerungen entkommen. Die meisten in Israel entscheiden sich für „voneinander weg“. Adel Misk und Robi Damelin haben sich für „aufeinander zu“ entschieden. Seit dem Mord an seinem Vater behandelt Herr Misk als Neurologe nicht nur in seiner Klinik und in denen von Ramallah, sondern auch die Opfer von Selbstmordattentätern in West-Jerusalem. Im jüdischen Teil.

Trotzdem. Als Adel Robi zum ersten Mal traf, bei einem Treffen von „Parent’s Circle“, hatte er, ein wenig genervt, noch gedacht: „Typisch israelisch.“ Forsch, die Frau. Laut. Hängt andauernd am Handy. Geschieden. Und mit 60 Jahren noch in Latzhosen! Aber dann reisten sie zusammen nach New York. Vor Abgesandten verschiedener Organisation mussten sie ihre Geschichte erzählen. Es war nicht leicht. Und Adel sagt, er sah Robis Damelins „zerbrechliche Seite“, er begriff, wie sehr sich ihr Schmerz gleicht. „Ich habe plötzlich verstanden, wer sie war“, sagt er. Eine Mutter, die ihren Sohn verloren hat. Die nicht will, dass vielen anderen Müttern immer und immer wieder das gleiche passiert. Da hat Adel Misk aufgehört, sie als Israelin zu sehen. Denn aus nächster Nähe ist Feindschaft viel schwerer auszuhalten.

Sich zu treffen, wird jedoch immer komplizierter, vor allem für Adel Misk, der vom arabischen Ost-Jerusalem aus ins jüdische Tel Aviv muss. Die meisten Palästinenser kommen nicht mehr, seit die zweite Intifada eskaliert ist, Straßensperren, Kontrollpunkte, willkürliche Leibesvisitationen machen jede Reise zueinander zum Hindernislauf. Und dann wird es immer schwerer, den Freunden oder der Familie zu erklären, warum man sich wünscht, „den anderen“ näher zu kommen. Robi Damelins Sohn zum Beispiel mag diese Freundschaft nicht verstehen. Und Adel Misks Verwandte sind überzeugte Palästinenser. Die Misks, die jordanische Pässe besitzen, könnten als Jerusalemer Bürger die israelische Staatsbürgerschaft bekommen. Aber das wollen sie nicht. „Wir haben unsere eigene Identität“, sagt Misk.

Am Nachmittag betritt er die Lobby des American Colony-Hotels, wo er mit der Freundin verabredet ist. Die beiden wollen eine gemeinsame Reise nach Genf vorbereiten und dort für Verständigung werben. Frau Damelin sitzt in der Halle und telefoniert, wie so oft. Adel Misk lächelt breit, als er sie sieht. Mit ein paar schnellen Schritten ist er bei Robi, die sich mit der rechten Hand das Telefon ans Ohr drückt. Die linke Hand hält sie ihm hin, lächelnd, er nimmt sie und küsst hingebungsvoll die Innenseite ihrer Hand. Dann schaltet Robi Damelin ihr Telefon aus und gibt Adel Misk einen freundschaftlichen Kuss auf den Mund.

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