Zeitung Heute : Ein bisschen Spaß muss sein!

Von Esther Kogelboom

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Vor kurzem war ich auf einer Party in einer Neuköllner Eckkneipe. Wirklich! Gefeiert wurde ein 30. Geburtstag – hinter vergilbten Gardinen. Als Überraschung für den Jubilar hatten dessen Freunde einen Alleinunterhalter engagiert. Kurz nach Mitternacht erschien er, umflort von großem Jubel, im Kapitänskostüm und schmetterte Hans-Albers-Lieder.

Ein Freund verabschiedete sich relativ bald mit den Worten: „Ich komme mit dem Ironieniveau dieser Veranstaltung nicht klar.“ Alle anderen bildeten eine Polonaise und tanzten wild durch die Kneipe. Es handelte sich um junge Architekten, die tagsüber eher Sichtbeton-Minimalisten sind. Nur im Schutz der Dunkelheit streifen sie ihre schwarzen Pullover ab und rasten dort aus, wo man sie am wenigsten vermutet. Auch Sichtbeton-Minimalisten brauchen offenbar ab und zu ein verschnörkeltes Ventil.

Sichtbeton-Minimalisten sind relativ einfach zu durchschauen, aber natürlich nicht uninteressant. Mit der Spaßgesellschaft, die es vor etwa einer Dekade mal gab, haben ihre Verhaltensweisen jedoch nichts mehr zu tun. Sie sind auch kein Teil des langsam verebbenden Trends zur Regression. Ich glaube, sie sind die Vorhut einer ganz neuen Bewegung. Man darf bereits heute gespannt sein auf die Städte und Parks der Zukunft.

Viel rätselhafter ist dagegen, wie es in der Seele des Alleinunterhalters aussah. Dachte der Mann womöglich: „Die lachen nicht mit mir, sondern über mich.“ Biss die Zähne zusammen, kalkulierte im Geiste bereits sein Honorar? Oder hat er seinen Auftritt genossen, weil er als Profi nur eines will – den Applaus einer entfesselten, begeisterten Menge um jeden Preis? Ich habe mich nicht getraut, ihn zu fragen. Er tat mir leid.

Fest steht: Der Alleinunterhalter unterhält allein, so wie der Alleinerziehende allein erzieht und der Alleinverdiener allein verdient. Alles Konzepte, die von einer gewissen Grundtraurigkeit geprägt sind.

Irgendwann zeigte der Alleinunterhalter heftige Anzeichen von Müdigkeit. Seine Augen waren klein geworden, und sein Kapitänsjackett war auch nicht mehr weiß. Er bahnte sich den Weg durch Luftschlangenberge, verfing sich in Girlandennetzen, befreite sich schwerfällig, schaltete die Jukebox ein, bestellte ein Glas Wodka. Aus der Jukebox schepperte „Ein bisschen Spaß muss sein“. Stimmung machen, unterhalten, das konnte man aus jeder Furche seines zerknautschten Gesichts ablesen, ist ein hartes Geschäft.

Manche Entertainer werden natürlich auch automatisch geliebt, so wie zum Beispiel diese Kölner Karnevalsbands, die jedes Jahr für ein Wochenende aus der muffigen Gruft ihrer Schlechtigkeit steigen. Oder Thomas Gottschalk. Das sind Ausnahmen. Manchmal gehen sie auch langsam vor die Hunde, so wie Robbie Williams oder Britney Spears. Ich finde, man müsste dem Alleinunterhalter vom Kiez nebenan dringend mehr Aufmerksamkeit schenken.

Später war ich aus Zerstreuungsgründen noch im Cookies, das ist wahrscheinlich der größte Kontrast zur Neuköllner Eckkneipe, den es gibt. Die Musik war ziemlich langweilig, alles hörte sich gleich an, und auch die Leute ähnelten einander auf unheimliche Weise. Meine Freundin bestellte einen Watermelon Man. „Früher“, sagte sie, „hat ein Watermelon Man im Cookies fünf Mark gekostet.“ Heute kostet er sieben Euro.

Auch ein Vorteil der Eckkneipe, dass es dort keinen Watermelon Man gibt. Dafür aber Sparclubs. Vielleicht haben die Sichtbeton-Minimalisten ja doch recht. Ich ging im Alleingang nach Hause.

Unsere Kolumnistin, 31, bekommt regelmäßig gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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