Zeitung Heute : Ein Bräutigam vor dem Herrn

Er ist 29 und wird in wenigen Tagen katholischer Priester sein – ein Leben lang

Kirsten Wenzel

Einfach den Mund halten, bewährtes geistliches Hausmittel gegen Nervosität. Während auf dem Deutschen Katholikentag auch über seinen zukünftigen Beruf diskutiert wurde, „betrachtet“ Matthias Goy eine ganze Woche still die Heilige Schrift, betreibt hinter den Mauern des Klosters Huysburg Gewissensforschung. Ignatianische Exerzitien, geistliche Beruhigungsmittel in der starken Dosis, wie sie schon der Heilige Ignatius von Loyola empfahl: stundenlang beten, eine heilige Messe feiern, wieder beten. Denn dem 29-Jährigen aus Rheinsberg steht am Ende der Woche Großes bevor.

Am Sonnabend wird Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky in der St.-Hedwigs-Kathedrale für Berlin und Brandenburg drei neue Priester weihen. Alle Geistlichen werden an diesem Morgen Weiß tragen, die Farbe der Reinheit und des Lichtes. Eine Priesterweihe ist ein Festtag, schön wie eine Hochzeit für die Kirche – und für die Kandidaten. Viele von ihnen schicken goldgeprägte Einladungskarten an Freunde und Verwandte, wie Brautleute machen sie einen Schritt in eine lebenslange Bindung. Nur dass der Priester, wenn er sich der Kirche verspricht, auch schmerzlich – Kritiker meinen, über das menschliche Vermögen hinaus – Verzicht geloben muss: auf Familie, Partnerschaft, Sexualität überhaupt.

Am Sonnabend nach der Predigt wird der Erzbischof Matthias Goy fragen: „Versprichst du mir und meinen Nachfolgern Ehrfurcht und Gehorsam?“ Und der wird antworten: „Ich verspreche es.“ Später wird der Kandidat in der Albe, dem weißen Untergewand, vor dem Altar ausgestreckt auf dem Boden liegen. Mit der Stirn auf dem Granitboden, als Zeichen der Bereitschaft, sich von Gott in Dienst nehmen zu lassen, während vom Chor die „Allerheiligenlitanei“ erklingt. Der letzte Moment um nachzudenken. Aber er hat sich ja oft genug gefragt: Werde ich glücklich damit, oder ist es nur eine fixe Idee?

Ganz frei sein für die Kirche, er weiß ja, wie das in den Ohren seiner Zeitgenossen klingt. Es ist normaler, wenn einer den Job hinschmeißt und mit dem Wohnmobil durch Indien fährt. Er weiß, auch wenn er wie Millionen andere zu jeder „Star-Wars“-Premiere geht, eine Sammlung mit Science-Fiction-Filmen in seinem Studienzimmer hortet, und am liebsten Jeans, „Zivilistenhemd“ und eine dezente schwarze Weste trägt: Gesellschaftlich gesehen ist er ein Außenseiter. Steht am Rande selbst des heute so bunt blühenden pluralistischen Universums der Lebensformen. Nicht wegen der Arbeit, die er als Pfarrer einmal tun wird: die ist vielfältig und interessant wie kaum in einem anderen Beruf. Sondern wegen bestimmter Glaubenssätze und immer wieder wegen des Zölibats. Doch wie soll er sich dazu erklären? Es gehört dazu. Punkt. Es ist schwierig. Punkt. Ob er sie aushalten wird, diese „Zumutung aus dem Endlichen“, ein Leben lang? Aber was soll er dazu noch – selbst wenn er am Sinn des Zölibats zweifelte, er könnte es nicht öffentlich aussprechen.

Er wird also niederknien und die Stirn senken. Der Erzbischof wird schweigend die Hände auf den Oberkopf von Matthias Goy legen: der Moment der Weihe. Diese Minute Körperkontakt wird ihn zum Priester machen. Danach wird er das Messgewand anziehen, die Stola um den Hals legen, wird von den anderen Priestern durch Handauflegen ins Presbyterium aufgenommen. Der Bischof wird die Hände des Kandidaten mit Chrisam, duftendem Olivenöl, salben und ihm unter der himmelhohen Lichtkuppel der Kathedrale Kelch und Hostienschale überreichen.

Beim Feiern der Heiligen Messe, beim Spenden des ersten Segens, erst an Erz- und Weihbischof, dann an die Gemeinde, werden seine Gedanken vielleicht schon einmal nach Rheinsberg fliegen. Dort, wo sich eine winzige Gemeinde in fast urchristlicher Intimität in einer weißen Baracke trifft, ursprünglich ein Geräteschuppen. In Rheinsbergs waren ein paar junge Familien schon zu DDR-Zeiten eng befreundet, die Kinder wuchsen wie Geschwister auf. Dort, in dem Leichtbauhaus ohne jede Pracht, hat sich ihm die Idee vom Glück in der Kirche, der engen spirituellen Gemeinschaft eingeprägt.

Nach Rheinsberg wird er am Sonntag fahren, um die erste eigene Messe zu halten: die Primiz. Für ihn der größte Moment, weil er zum ersten Mal das Hochgebet bei der Eucharistie sprechen wird. Die Worte, denen der katholische Glaube die Verwandlung von Brot und Wein in die Gegenwärtigkeit des Leibes Christi zuspricht. „Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Leib, der für Euch hingegeben wird.“ Bei diesen Worten, lehrt die katholische Kirche, ist der Priester nicht mehr nur der Priester und Matthias Goy nicht mehr nur Matthias Goy. Er ist „in persona christi“, irgendwie also Christus selbst.

Kritiker schütteln hier wieder den Kopf. Der Kandidat aber ist neugierig, natürlich auf ehrfürchtige Art. Wie sich das wohl anfühlt? Ein Kollege hat ihm gezeigt, wie sich die Arme effektvoll öffnen lassen, ein anderer hat ihn das Singen gelehrt. Doch an diesen speziellen Moment kann man sich nicht herantrainieren. Den Augenblick, wenn er, „selbst zur Relaisstation eines 2000 Jahre alten Energiefeldes“ werden soll. Im Film, sagt er, ist so was leicht, da gibt es Spezialeffekte, da flimmert ein Licht und man sagt: ahh! Doch in der Wirklichkeit bleibt das Geheimnis des Glaubens eben ein Geheimnis.

Der Segen eines neugeweihten Priesters heißt es im gläubigen Volk, hat besondere Qualität. Dass Matthias Goy ihm die Hände auf den Kopf legt, wird sich deshalb keiner der Katholiken in Rheinsberg entgehen lassen. Danach darf der neue Priester mit Freunden und der Familie Würstchen essen, Sekt trinken, später vielleicht tanzen. Einen Moment Luft holen, bevor es am Montag wieder aufregend wird. Denn wohin ihn sein Bischof senden wird und was er dort zu tun hat, das erfährt er erst, wenn die Zeit gekommen ist.

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