Zeitung Heute : Ein bröckelnder Fels in der Brandung

Das Tagungsgeschehen war für die Hotels der Region auch in der Konjunkturflaute ein sicheres Standbein – bislang jedenfalls

Roland Koch

TAGUNGSHOTELS IN BERLIN UND BRANDENBURG

Von Roland Koch

Auch die schönste Tagung hat einmal ein Ende. Und wenn sich Herzspezialisten, Computerfachleute oder Marketingstrategen nach einem lehrreichen Tag im Hotelzimmer wiederfinden, haben sie meist noch ein paar Feierabend-Stunden vor sich. Das ist dann die Zeit, in der sie in der Tagungsstadt umherziehen und in Theatern, Kneipen und Geschäften die Konjunktur ankurbeln.

Das ist auch für Berlin ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Allein im vergangenen Jahr wurden hier 100 000 Veranstaltungen mit mehr als sechs Millionen Teilnehmern durchgeführt – die Hotellandschaft und das Rahmenprogramm der Hauptstadt stehen bei Tagungsgästen hoch im Kurs. Doch jetzt schlagen einige Tourismus-Experten Alarm. Konjunkturkrise und Kriegsfolgen sollen auch an diesem Standbein der Branche nagen.

Allein die Tourismusbranche konnte diesen stabilen Wirtschaftszweig gut gebrauchen. Sie hatte in den vergangenen eineinhalb Jahren mit kräftigem Gegenwind zu kämpfen. Infolge der Anschläge vom 11. September und der anhaltenden Konjunkturkrise mussten die Hoteliers einen deutlichen Besucherrückgang hinnehmen (siehe Kasten). Und jetzt könnten die Auswirkungen des Irak-Krieges zu weiteren Umsatzeinbußen führen. „Im Tagungsbereich haben wir erste Stornierungen aus den USA“, sagt Hanns Peter Nerger, der Geschäftsführer der Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM). Ob das nur Einzelerscheinungen sind oder der Beginn einer Stornierungswelle lasse sich noch nicht sagen. Insbesondere, wenn sich der Krieg länger hinziehe, seien die wirtschaftlichen Folgen unübersehbar.

Karl Weißenborn, der Geschäftsführer des Berliner Hotel- und Gaststättenverbandes, schätzt die Umsatzentwicklung für April und Mai derzeit als nicht vorhersehbar ein. Für ihn ist das Hauptproblem allerdings mehr die Binnenkonjunktur. „Unsere Branche trifft es als erste, wenn die Konjunktur nachlässt, und als letzte, wenn sie anzieht“, meint er. „Beim Übernachten und Ausgehen wird als erstes gespart.“

Wichtige wirtschaftliche Impulse

Rund 70 000 Veranstaltungen mit mehr als drei Millionen Teilnehmern fanden im vergangenen Jahr allein in den 144 Berliner Tagungshotels statt. Dazu kamen 16 000 Zusammenkünfte mit 2,3 Millionen Gästen in so genannten außergewöhnlichen Locations. Die sechs Kongresszentren und Hallen verbuchten nochmals 700 000 Teilnehmer bei 10 000 Veranstaltungen. Das soll, so die BTM allein in den Tagungshotels, den Kongresszentren und anderen Locations 17 000 Arbeitsplätze gesichert haben. Durch die Veranstaltungsteilnehmer seien im Jahr 2002 mehr als 800 Millionen Euro Umsatz gemacht worden. „Das Tagungs- und Kongressgeschäft ist ein außerordentlich wichtiger Impulsgeber für die gesamte Berliner Wirtschaft“, sagt Nerger.

Dass Berlin zu den beliebtesten Tagungs- und Kongresszielen Europas gehört, führen die Hauptstadt-Vermarkter nicht nur darauf zurück, dass es hier ein aufregendes Nachtleben gibt. Ihre gemeinsam mit der ghh consult GmbH Wiesbaden erhobenen Daten bringen eine Reihe weiterer Standortvorteile an den Tag. Neben der modernen Hotellandschaft, der guten Infrastruktur und der guten Erreichbarkeit von anderen Städten aus, punkten auch die ausgefallenen Standorte, die Berlin zu bieten hat. Für viele Theater, für die Universitäten oder Ausstellungshäuser wie den Martin-Gropius-Bau, schaffen solche Veranstaltungen nette Nebeneinkünfte.

Berlin kann sich auch bei den Zimmerpreisen im Vergleich mit anderen europäischen Metropolen wie London, Paris, Mailand, Rom oder Wien gut behaupten: Ein Zimmer kostet in der Spree-Metropole durchschnittlich 98 Euro. In London sind es beispielsweise 173 Euro, in Paris sogar 183 Euro. Nerger führt das Berliner Preisniveau darauf zurück, dass sich in den vergangenen zehn Jahren die Bettenkapazität in der Hauptstadt mehr als verdoppelt hat. „Das führt zu einem signifikanten Preiskampf.“

Was den Kunden freut, erweist sich derweil für die Hoteliers als zunehmendes Risiko. „Es wird immer schwieriger, eine hohe Bettenbelegung und betrieblich notwendige Umsätze zu erzielen“, meint Nerger. Doch Berlin wird für immer mehr Hotelketten zur Prestige-Adresse. Investoren lassen sich vom Preisverfall nicht abschrecken. Weitere Hotels sind in Planung. Schon im Jahr 2004 könnten, wenn alle Projekte realisiert werden, 75 000 Betten zur Verfügung stehen. Derzeit sind es knapp 67 000.

Ähnlich sieht es im Umland aus. Brandenburg hat eine Reihe attraktiver Tagungsorte, und das Tagen in erholsamer Atmosphäre ist nach wie vor beliebt. Auch bei den Tourismus-Vermarktern Brandenburgs verzeichnet man zwar gegenüber 2001 einen leichten Rückgang der Hotelübernachtungen auf 8,5 Millionen. „Das ist aber im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass die Bundesgartenschau vor zwei Jahren für ein außerordentliches Umsatzplus gesorgt hat“, sagt der Pressesprecher Christian Tänzler. Trotz des etwas schlechteren Ergebnisses in 2002 sehe die Tendenz im Land positiv aus. Damit dürfte Tänzler derzeit zu den wenigen Optimisten gehören.

Weitere Infos im Internet:

www.meet-in-berlin.de

www.tagungsfuehrer-brandenburg.de

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