Zeitung Heute : Ein „Brutkasten“ für neue Trends und Thesen

Das Dahlem Humanities Center an der Freien Universität Berlin vereint die geisteswissenschaftlichen Disziplinen

Stephan Töpper

Der Mensch ist mehr als sein weitgehend entschlüsselter genetischer Bauplan. Was ihn ausmacht, sind Sprache und Kommunikation, Philosophie und Religionen, Künste und Kulturen. Rund 100 Studienfächer zählen in Deutschland zu den geisteswissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit diesen Themen beschäftigen. Dazu gehören Germanistik, Amerikanistik, die Theaterwissenschaft, aber auch viele kleinere Fächer wie Byzantinistik, Japanologie und Altorientalistik. Diese Fächer, im englischen Sprachgebrauch unter dem Begriff Humanities zusammengefasst, sind hierzulande je nach Universität an unterschiedlichen Fachbereichen und Instituten verortet.

Die Freie Universität Berlin, die deutschlandweit über eine einzigartige Vielfalt geisteswissenschaftlicher Forschung verfügt, hat ein Zentrum gegründet, das diesen interdisziplinären Fächerkanon unter einem gemeinsamen Forschungsdach vereint: das Dahlem Humanities Center. Es bündelt die Kompetenzen der Fachbereiche Philosophie und Geisteswissenschaften sowie Geschichts- und Kulturwissenschaften. „Wie so vieles in der heutigen Welt sind Humanities Center eine amerikanische Erfindung, und wir haben bei unseren Planungen von den Ratschlägen unserer Kollegen in Princeton, Harvard, Stanford, Yale und Duke profitiert“, sagt Professor Joachim Küpper, Sprecher des Dahlem Humanities Center.

Vorrangiges Ziel des Zentrums sei es, die geisteswissenschaftliche Forschung der Freien Universität international noch besser sichtbar zu machen. Humanities Center gibt es an allen führenden Hochschulen der USA, in Lateinamerika, in China, Japan, Australien, Indien, Südafrika, in den Niederlanden und vielen weiteren Ländern der Erde. „Seit der Gründung haben wir eine geradezu überwältigende Anzahl von Anfragen nach Programmen und Projekten erhalten. Das führen wir darauf zurück, dass wir als Dahlem Humanities Center nun mit einem Label auftreten, das Interessierte auf der ganzen Welt spontan verstehen“, sagt Küpper.

Das geisteswissenschaftliche Themenspektrum ist weit. Es kennt weder zeitliche noch räumliche Grenzen. Denn das kulturelle Erbe der Menschheit reicht von der frühesten Vergangenheit über die Gegenwart bis in die nahe und ferne Zukunft. Es erstreckt sich um den gesamten Globus und macht vor keiner territorialen Grenze Halt. Der Forschungsrahmen des Dahlem Humanities Center ist entsprechend universal. Er reicht von kulturellen Transformationsprozessen bis zu den sprachlichen Grundlagen kultureller Aktivität.

Der Ausbau geisteswissenschaftlicher Forschung soll sich auch unmittelbar auf die Qualität der Lehre auswirken. Die Studierendenzahlen zeigen, dass Geisteswissenschaften in Deutschland eine hohe Anziehungskraft haben. Von den fast zwei Millionen Studierenden war 2005 rund jeder vierte, also fast eine halbe Million, in einem geisteswissenschaftlichen Fach eingeschrieben.

Viel Wert wird beim Dahlem Humanities Center auf eine enge Verzahnung von Wissenschaft und Praxis gelegt. „Das Zentrum soll zu einer Art Brutkasten für neue Trends, Thesen und Methoden geisteswissenschaftlicher Forschung werden“, erklärt Küpper. So wird unter dem Leitbegriff „Wissenschaft – Praxis“ ein intensiver Austausch mit Repräsentanten aus Kunst, Medien, Wirtschaft und Politik angeregt. Regelmäßig wollen sich Museumsdirektoren und Intendanten von Theatern und Opernhäusern mit Vertretern des Center treffen, um über gemeinsame Unternehmungen zu diskutieren.

Zur Eröffnung des Dahlem Humanities Center im Januar 2008 kam der französische Schriftsteller und Philosoph André Glucksmann an die Freie Universität und hielt vor rund 700 geladenen Gästen die erste Hegel-Lecture, die als Vorlesungsreihe fortgesetzt wird. Warum der Name Hegel-Lecture? „Hegel ist unter den Geisteswissenschaftlern, die im 19. Jahrhundert an der Berliner Universität gelehrt haben, vermutlich der international bekannteste, und es ist nicht absehbar, dass er so bald überboten würde“, erläutert Küpper. Vor allem aber steht im Mittelpunkt von Hegels philosophischem System der Begriff der Freiheit, welchen die Freie Universität als integralen Bestandteil in ihrem Namen trägt.

Für Joachim Küpper soll das Dahlem Humanities Center Modellcharakter entwickeln. Eine wichtige Rolle dabei spielt Berlin als Stadt, die gerade wegen ihrer kulturellen Vielfalt eine große internationale Anziehungskraft ausübt. Nachahmung wird also empfohlen. Und wer weiß, ob Küppers Vision wahr wird und das Dahlem Humanities Center einmal als Keimzelle eines Berlin Humanities Center gelten wird. Stephan Töpper

Mehr im Internet:

www.fu-berlin.de/dhc

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