Zeitung Heute : Ein Bush – oder schon ein Rumsfeld?

Matthias Thibaut

Tony Blair will gehen, wenn er zur Belastung wird: Die Europawahl ist dafür der Test

Der Wiederaufbau ist in Gefahr. Überall Heckenschützen. Selbstmörderische Aufrührer werfen Brandsätze. Die Koalition, die einmal die alten Machthaber mit Stumpf und Stiel ausmerzen wollte, zerfällt. Schon formiert sich der alte Feind von neuem. Aber trotz der Krisen will der große Führer, der Visionär, von Umkehr nichts wissen: Mit Tony Blair und der Labour-Partei steht es nicht besser als mit dem Irak.

Kein Tag, an dem nicht ein Parteifreund Blairs Rücktritt und den politischen Kurswechsel fordert. Rückzug aus dem Irak, Rückkehr zum Sozialismus, Abkehr von den Amerikanern. Der Wahlsieger von 1997 wollte Frau Thatchers Partei für immer aus der Politik vertreiben. Nun liegt Labour im größten Meinungstief seit 17 Jahren und die Tories wittern wieder Morgenluft. Um die Schmach zu vollenden, fand die „Mail on Sunday“ heraus, dass nur Gordon Brown, der Schatzkanzler, noch einmal eine klare Mehrheit für Labour gewinnen könne.

Die Prognosen für Blair sind düster. Aber düster waren sie auch vor zwei Jahren, als viele ihn schon abgeschrieben hatten. Mit jeder Folterenthüllung sinkt Blairs Zustimmungsquote weiter. Aber Labour weiß, dass sich die Irakprobleme nicht mehr aus der Welt schaffen lassen – schon gar nicht vor der nächsten Wahl. Labour muss mit der Irakmisere gewinnen. Aber auch mit Blair? Blair werde gehen, wenn er zur Belastung werde, signalisierten dessen Vertraute dem „Guardian“. Das klang nach Rumsfeld und sollte zeigen, dass Blairs Selbstvertrauen unerschüttert ist. Ein Test wird die Europawahl, die in Großbritannien mit Kommunalwahlen verbunden ist. Labour rechnet mit einer schweren Schlappe. Kommt es schlimmer, wäre im Juni der Moment für den Königssturz.

Labour weiß aber auch, dass die Tories das Glück verließ, als sie Thatcher aus dem Wege räumten. Und noch heute will die Mehrheit der unzufriedenen Briten noch lieber als die Tories: eine Labourregierung. Weshalb Blair die Wähler ständig an die thatcheristische Vergangenheit von Oppositionsführer Michael Howard erinnert.

Außerdem hat er einen Pakt mit Schatzkanzler Brown geschlossen: Noch nie hätten die beiden so harmonisch zusammengearbeitet, heißt es. Der Grund ist klar. Es geht nicht nur um Blairs Position – gefährdet ist die dominante Stellung Labours in der britischen Politik und das Reformprogramm, das durch den Irakkrieg aus dem Tritt gekommen ist, sich aber keineswegs erübrigt hat.

Blair und Brown wissen, dass ihr gemeinsames Projekt überlebt, solange sie zusammenarbeiten. Auch ein Premier Brown hätte, was den Irak angeht, keine große politische Alternative. Also: Augen zu und durch. Dass Blair zu überraschenden taktischen Manövern durchaus noch fähig ist, zeigte er mit dem EU-Referendum. Noch ist es zu früh, ihn abzuschreiben. Zumal mancher seiner Kollegen von Gerhard Schröder bis Silvio Berlusconi sich nach den Umfragewerten der Labour-Partei die Finger lecken würde.

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