Zeitung Heute : Ein Callcenter mit Mission

Studierende arbeiten in einem HU-eigenen Telefonlabor – für streng wissenschaftliche Befragungen

Robert Kempe

Zwölf Kabinen, jede ist ausgerüstet mit Computer, Telefon und Headset – auf den ersten Blick ein ungewöhnlicher Raum für eine Universität. Im zweiten Obergeschoss des Institutsgebäudes der Sozialwissenschaftler befindet sich ein Telefonlabor. Täglich ab 17 Uhr führen Studierende hier telefonische Umfragen durch. Neben institutseigenen Forschungsprojekten gehören auch staatliche Behörden, Wissenschaftsinstitute und Forschungszentren zu den Auftraggebern.

Vor gut fünf Jahren wurde das Telefonlabor aufgebaut, um die Studierenden mit der telefonischen Umfrageforschung vertraut zu machen. Die Methodenlehre ist in den Sozialwissenschaften ein zentraler Punkt der Ausbildung. Die Studierenden können hier ihre Kenntnisse aus den Pflichtseminaren anwenden. „Wir machen wissenschaftliche Forschung, keine Marktforschung“, betont Bernd Wegener, Professor für Empirische Sozialforschung. Meinungsumfragen für Marketingzwecke oder Werbung erteilt er eine klare Absage. Die Studierenden haben es bei ihren Interviews also nicht mit dem Verkauf von „gewinnsicheren“ Losen oder Umfragen zu ihrem Weingeschmack zu tun, sondern mit Fragen, die für Wissenschaft und Gesellschaft relevant sind.

So führte das Institut für die Berliner Senatsverwaltung Umfragen zu arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen durch oder befragt zurzeit Bürger für das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen zum Spendenverhalten. Für das Staatsministerium in Potsdam realisierten die Sozialwissenschaftler eine Erhebung darüber, inwieweit die Fördermöglichkeiten der Europäischen Union in der Bevölkerung Brandenburgs bekannt sind.

Auch umfassendere Studien werden im Telefonlabor betreut: Für das Deutsche Jugendinstitut in München werden seit über vier Jahren rund 4000 Hauptschulabgänger zu ihrem Berufseinstieg und ihren Bildungsverläufen befragt. Mit dieser Studie soll das Wissen in der Politik über die Bildungs- und Ausbildungswege von Jugendlichen mit Hauptschulbildung bereichert werden. „Das ist eine Panelstudie mit sehr komplexen Fragebögen. Eine Aufgabe dieser Art würde ein kommerzielles Institut aufgrund der langen Entwicklungsarbeit nicht machen“, sagt Markus Schrenker.

Schrenker ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und forscht unter anderem zum sozialen Gerechtigkeitsempfinden – ein Forschungsschwerpunkt des Lehrbereichs. Seit 1991 untersuchen Sozialwissenschaftler der HU im Rahmen des „International Social Justice Project“ Gerechtigkeitsvorstellungen von Menschen. Im vergangenen Jahr ergab sich die Möglichkeit für eine Zusatzuntersuchung. Im Auftrag der Zeitschrift „Geo“ wurden 1019 repräsentativ ausgewählte Bürger zu ihrem Gerechtigkeitsempfinden interviewt. So sollten die Befragten die Verteilung von Einkommen und Vermögen in der deutschen Gesellschaft urteilen oder die Chancen eines Einzelnen auf Bildung und sozialen Aufstieg einschätzen.

Ein Ergebnis der Auswertung der Umfrage: Ein Großteil der Deutschen sieht den Staat in der Verantwortung, soziale Gerechtigkeit herzustellen. Weiterhin hielt eine große Mehrheit die Besitzverhältnisse in Deutschland für ungerecht während jedoch das eigene Einkommen, Bildung und Erbteile als gerecht bewertet wurden. Die Ergebnisse wurden in der Jubiläumsausgabe von „Geo“, die dem Thema „Gerechtigkeit“ ein ganzes Heft widmete, publiziert. Die Studie ist auch ein Beispiel dafür, wie externe Aufträge Impulse für die eigene Forschung geben. „Man kann im Rahmen eines solchen Projekts neue Fragen entwickeln und auf Funktionalität testen“, sagt Schrenker.

Telefonische Datenerhebungen sind in der Wissenschaft zunehmend wichtiger geworden – auch weil sie besonders kostengünstig sind. Bevor Studierende als Telefoninterviewer eingesetzt werden, werden sie von Profis geschult. Auch Alfhild Böhringer arbeitet neben ihrem Studium der Sozialwissenschaften als Interviewerin am Institut. „Es sind professionelle Umfragen mit einer hohen Qualität“, sagt die 22-Jährige. „In meinem Bekanntenkreis habe ich schon einiges über die Arbeitszustände in kommerziellen Umfrageinstituten gehört. Hier im Telefonlabor haben wir bessere Bedingungen und eine viel angenehmere Arbeitsatmosphäre.“

Durch die externen Aufträge ist das Telefonlabor in den Abendstunden regelmäßig besetzt – und manchmal sogar an den Wochenenden. Auch für das nächste Jahr gibt es schon reichlich Anfragen von Interessenten. „Wir machen keine Reklame, sind aber billiger als kommerzielle Umfrageinstitute, denn wir erzielen keinen Profit“, sagt Bernd Wegener.

Von dem Geld, das durch die externen Studien eingenommen wird, werden die studentischen Interviewer und Hilfskräfte, Telefonkosten, teure Softwarelizenzen und Material bezahlt. Die Universität erhält zehn Prozent der Auftragssumme für Nebenkosten wie Strom und Verwaltung. Eine gute Bilanz also für ds ungewöhnliche Callcenter – und es gibt sogar schon Erweiterungspläne.

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