Zeitung Heute : Ein Chaostag

Reden zwecklos – die Polizei wird zum Ziel randalierender Jugendlicher

Matthias Schlegel

Bei stundenlangen Ausschreitungen nach einer Vatertags-Feier sind in Dresden mindestens 90 Menschen verletzt worden. War die Polzei den Angriffen der 1000 Randalierer nicht gewachsen?

Die Bilanz dieses Vatertages an den Dresdner Elbwiesen ist erschreckend: Bei Massenschlägereien, Zerstörungen und Auseinandersetzungen mit der Polizei wurden 41 Beamte und 50 Randalierer verletzt. Mehrere Autos brannten, andere wurden demoliert. Imbissstände wurden verwüstet, am nahe gelegene Finanzministerium Scheiben eingeschlagen, eine Überwachungskamera zerstört. Auf 100000 Euro beziffert die Polizei fürs Erste den Sachschaden.

Was war passiert? Hundert Beamte mehr als üblich tun an diesem Herrentag in der Polizeidirektion Dresden Dienst. Noch zu wenige, wie sich herausstellen wird. Gegen halb sechs abends werden die Einsatzkräfte an die Elbwiesen gerufen. Sie wollen die üblichen Schlägereien schlichten – und werden umgehend selbst Ziel der Angriffe von mittlerweile 200 bis 300 Störern. Dieser Umstand und die Agressivität der Randalierer hätten die Sicherheitskräfte völlig überrascht, sagt Polizeisprecher Thomas Herbst. Mit Flaschen, Steinen und Feuerwerkskörpern gehen die stark alkoholisierten Jugendlichen gegen die anrückenden Beamten vor. Immer mehr Randalierer sammeln sich, gegen Mitternacht sind es 1000. Die Polizei setzt nach und nach weitere 100 Leute ein, die sie sich aus anderen Direktionen „ausborgt“. Doch erst nach Mitternacht können sie die Szene beruhigen.

Polizeisprecher Herbst schließt einen politischen Hintergrund aus: Es habe sich nicht um links- oder rechtsradikale Jugendliche gehandelt. Es habe keine einschlägigen Parolen oder Symbole gegeben. Es seien „nur feierwütige Jugendliche“ gewesen. Gleichwohl sagt er, dass Dresden einen zunehmenden „Krawalltourismus“ verzeichne. Mit dem Stadtteilfest der „Bunten Republik Neustadt“ hat die Elbmetropole in manchem Jahr sehr unliebsame Erfahrungen gemacht. Für dieses Ereignis ist die Polizei freilich präpariert. Mehr noch: Häufig musste sie sich in der Vergangenheit schon den Vorwurf einer unangemessenen Überwachung des Festes gefallen lassen. „Wir stehen nun einmal vor diesem Dilemma: Entweder wirft man uns vor, wir würden überziehen, oder, wie vergangene Nacht, wir seien zu schwach“, sagt der Polizeisprecher.

Dass es für die Einsatzleitungen an solch einem Tag, an dem es viele mögliche Kristallisationspunkte von Ausschreitungen gibt, schwierig ist, die Prioritäten vorab zu erkennen, gibt auch Andreas Steinecke zu, der sächsische Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft. Er ist vor allem beunruhigt über die „extrem gestiegene Gewaltbereitschaft“ unter Jugendlichen. Da sei viel sozialer Sprengstoff drin: „Es gibt eben immer mehr Jugendliche, die untätig zu Hause rumsitzen. Da baut sich Frust auf.“

Die zahlreichen Verletzungen auf Seiten der Polizisten legen die Vermutung nahe, dass sie falsch vorgegangen oder für den Einsatz ungenügend ausgerüstet waren. Herbst widerspricht: Die Polizisten seien immer zu mehreren gegen die Krawallmacher eingeschritten. Jeder habe eine Schutzweste und einen Helm getragen und hätte ein Schutzschild benutzen können. Doch mit dem Schild begäben sich die Einsatzkräfte in eine reine Verteidigungsposition und könnten nicht mehr aktiv werden, um der Randalierer Herr zu werden und den einen oder anderen festzunehmen. Das aber war ein Ziel des Einsatzes. Die 50 verletzten Randalierer seien im Übrigen nicht durch Polizeigewalt, sondern durch interne Prügeleien, Alkohol und herumliegende Scherben zu Schaden gekommen. Experten, die sich mit Deeskalationsstrategien auskennen, waren nicht im Einsatz. „Mit den Krawallmachern konnte man nicht reden“, rechtfertigt das der Polizeisprecher.

Mit den politisch motivierten Randalen der 80er-Jahre-Hausbesetzerszene in der Hamburger Hafenstraße oder den Straßenschlachten Autonomer am 1. Mai in Berlin sind die Dresdner Ereignisse kaum zu vergleichen. Hier habe man es nicht mit bekannten und insofern berechenbaren Milieus zu tun gehabt, sagt Herbst. Ungeachtet dessen werde in den kommenden Jahren ein Krisenpunkt mehr in den Einsatzplänen der Dresdner Polizei stehen: Die Ereignisse des Himmelfahrtstages des Jahres 2005 sollen intensiv „nachbereitet“ werden.

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