Zeitung Heute : Ein Däne und sein Dämon

Er wuchs unter nudistischen Kommunisten auf, er kostete eine Freiheit, von der er sich nie wieder ganz erholt hat. Jetzt therapiert der Regisseur Lars von Trier sich selbst: mit „Antichrist“, einem Film, der selbst Bewunderer ratlos macht. Begegnung mit einem Besessenen

Kerstin Decker[Kopenhagen]
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Drei Augen sehen mehr als zwei. Lars von Trier und sein Arbeitsinstrument. Foto: laiflaif

Hier gleich um die Ecke müsste es sein. Bloß welche Ecke? Es ist vormittags um elf in einem Vorort von Kopenhagen. Niemand ist auf der Straße, den man fragen könnte. Es regnet. Und der Regisseur des „Antichrist“ wartet. Der Teufel ist pünktlich, grundsätzlich. Meist, sagt man, kommt er zu früh. Bestimmt hasst Lars von Trier Verspätungen.

Er ist der große Unzeitgemäße, der große Dämonologe des Gegenwartskinos, spätestens seit „Breaking the Waves“ von 1996. Sein Thema immer wieder: die Frau als Hure, als Heilige. Aber nun, meinen manche, hat er übertrieben, hat mit seinem neuesten Film einen uralten Verdacht genährt: Ist die weibliche Sexualität „böse“? Am Anfang ein Paar, das miteinander schläft, dem die Wirklichkeit so weit entschwindet, dass es den kleinen Sohn in der Tür nicht bemerkt. Und der sieht nicht nur die anwesend-abwesenden Eltern im Bett, sondern auch die Schneeflocken draußen, möchte eine von ihnen sein. Der kleine Junge öffnet das Kinderzimmerfenster und …

Wie überlebt man – unschuldig schuldig geworden – den Tod seines Kindes? Das Paar (Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe) zieht sich in eine Berghütte zurück, in einen Wald, so menschenleer wie dieser Vorort von Kopenhagen vormittags um elf.

Ein einsames Auto naht. „Filmbyen? Eine Straße bei mir um die Ecke? Nie gehört“, erklärt der freundliche Däne am Steuer, der einzige Mensch weit und breit. „Wer wohnt da?“

Lars von Trier. Der Regisseur des ‚Antichrist’.

„Aah“, sagt der aufgehaltene Heimkehrer und blickt auf sein Navi. „Ich fahre Sie hin!“ Der Zweifel, ob man wirklich zu einem wildfremden Mann ins Auto steigen sollte, währt nur den Bruchteil einer Sekunde. Aus „Antichrist“ weiß man: Männer sind in Wirklichkeit Therapeuten, hilfreich und gut. Frauen sind viel gefährlicher: Charlotte Gainsbourg schraubt Willem Dafoe irgendwann eine halbe Werkzeugbank ans Bein. Und außerdem, der letzte Zweifel verfliegt, ist dies hier Dänemark. Also völlig harmlos.

Vielleicht musste sich die sozialdemokratische Weltanschauung einmal ein Land unter allen Ländern aussuchen, und da hat sie nach Norden gezeigt und gesagt: Dänemark! Das Bekenntnis lautet hier: Es gibt nichts Böses unter der Sonne – und wenn doch, haben wir nur versäumt, es abzuschaffen. Man sieht das auch an Lars von Triers Eltern. Er ist der Sohn einer kommunistischen Nudistenfamilie, das Kind Lars durfte tun, was es wollte. Die Natur ist gut, also auch die des Kindes, glaubte von Triers Mutter, eine Vorkämpferin der dänischen Frauenbewegung. Ihr Sohn hat sich von so viel Freiheit nie erholt. Schon als Kind litt er an Depressionen, sie lassen ihn nicht los.

Wir biegen nach Filmbyen ein. Die Klinkersteinhallen rechts waren Kasernen der US-Army, bevor Lars von Trier sie mit Freunden zu Filmstudios machte. Dahinter ist die Ostsee. Das Auto hält mit scharfer Bremsung: 11 Uhr! Pünktlich wie der Teufel!

Innen freundliche Cafeteria-Atmosphäre, gedämpfte Geschäftigkeit. Nur über einer Tür steht in großen blutenden Buchstaben: „Chaos reigns“, das Chaos regiert. Diesen Satz sagt im „Antichrist“ ein Fuchs. Noch erstaunlicher als ein Fuchs, der spricht, ist vielleicht, dass Lars von Trier spricht, und zwar mit Journalisten. Er macht das nicht gern. Ein Regisseur, der seine Filme erklärt, ist lächerlich. Und wenn er schon die größten Schauspieler an den Rand des Nervenzusammenbruchs treiben konnte – Nicole Kidman („Dogville“) soll ihn einmal drei Stunden lang angeschrieen haben; Björk („Dancer in the Dark“) sprach am Ende kein Wort mehr mit ihm –, wie wird er es dann erst mit Journalisten halten?

Dann aber tritt aus der Tür mit dem Namensschild „Antichrist“ nicht der Herr der Finsternis, sondern ein zum Rundlichen neigender, schlecht rasierter Herr mittleren Alters, in grünkariertem, überm Bauch ein wenig spannenden Freizeithemd. Am liebsten möchte man ihm eine Gießkanne in die Hand drücken. Und dann sagt er auch noch einen ganz und gar undämonischen Satz, geradezu einen Anti-von-Trier-Satz: „Es geht mir so gut!“ Wer zur Depression neigt, fühlt den Ausnahmezustand stärker. Lars von Trier ist raus aus der Hölle. Der „Antichrist“ hat ihm dabei geholfen. Wohl nicht nur darum nennt er ihn seinen wichtigsten Film.

Der Regisseur lässt sich in ein großes weißes Sofa fallen, an jeder Seite ein dekoratives grünes Kissen. Hölleninterieur sieht anders aus, aber „grün“ ist das richtige Stichwort. Bevor er den Film drehte, sagt von Trier, habe er im Fernsehen eine Dokumentation über den „europäischen Urwald“ gesehen. „Das war nicht der Wald der Romantiker, das war kein Ort der Sicherheit, des Geborgenseins. Ein Wald ist in Wirklichkeit Mord und Totschlag. Der Wald ist das Maximum von Schmerz. Der Wald ist Horror!“, schließt von Trier mit weicher Stimme. Man könnte nun einwenden: „Aber das wusste doch schon Rotkäppchen!“ Doch vielleicht wäre das vorlaut. Fragen wir besser mit Hegel: Vielleicht ist die Natur gar nicht gut oder böse? Ist sie nicht eher eine blind zeugende, blind zerstörende Macht? Ist der Urwald ein Urweib, der Schoß der Natur?

Lars von Trier und seine Assistentin sehen sich fragend an. Der Blick des Regisseurs wird luziferisch: „Was? Der Urwald ist das Urweib? Und das hat Hegel gesagt? Also, ich sehe das so: Wenn Gott Wälder schafft, in denen Tiere auf Leben und Tod miteinander kämpfen müssen, dann ist seine Schöpfung nicht gut.“

Aber Herr von Trier! Sie sind Katholik!

Der Regisseur wiegt zweifelnd den Kopf, vielleicht ist er vor bald 15 Jahren vor allem Katholik geworden, um seine Kommunisten-Eltern zu ärgern. „Ach“, überlegt der Regisseur, „ich glaube nicht, dass ich noch Katholik bin. Und wenn, bin ich ein schlechter. Vor allem bin ich jemand, der jede Schnecke auf der Straße aufhebt und sie zurück auf den Rasen trägt. Ich passe bloß auf, dass meine Kinder das nicht sehen.“

Warum?

„Weil das Schneckenretten nicht gerade die natürliche Autorität eines Vaters hebt. Übrigens machen meine Kinder dasselbe. Sie wollen auch nicht, dass man sie bei einer so sentimentalen Tätigkeit überrascht.“ Kurze Pause. Nachdenklich, leiser: „Und dabei fressen die Schnecken meine Tomaten.“

Lautet das ewige Rätsel des Daseins etwa: Warum retten wir unsere Feinde?

Es gibt noch einen anderen Beginn des „Antichrist“-Projekts. Lars von Trier saß in seiner Privathölle (Depressionen sind Ausdehnungskrisen des Selbst), er glaubte folgerichtig, dass er nie wieder einen Film machen würde (Filmemacherei ist maximale Ausdehnung des Selbst) und hatte ein paar erste Wald-ist-Horror-Notizen zu Papier gebracht, als er eine E-Mail von Willem Dafoe bekam, sinngemäß: „Hast du was für mich? Bin ab Herbst frei!“ Lars von Trier dachte an die Hauptrolle im „Antichrist“, seine Frau dachte an Dafoe und sagte: „Das macht er sowieso nicht!“ Von Trier schrieb an Dafoe: „Meine Frau sagt, das machst du sowieso nicht!“ Dafoe: „Was mache ich sowieso nicht?“ Und Willem Dafoe erfuhr, was zu tun war: viel Sex, aber bitte keinen Nudisten-Sex, keinen Sex-ist-gut-und-gesund-und-das-natürlichste-der-Welt-Sex. Und Dafoe sagte: Großartig, mache ich! Die Schauspielerinnen hingegen, an die der Regisseur zuerst dachte – er nennt keine Namen –, wurden von ihren Agenten abgehalten: „Mach das bloß nicht! Das ist ja furchtbar! Das schadet dem Image!“ Bloß Charlotte Gainsbourg kam gar nicht erst auf diese Idee.

Die erste Szene in „Antichrist“ ist von beinahe diabolischer Präzision, Kälte, Grausamkeit und Schönheit: der Tod des Kindes. Die Frau scheint auch nach Monaten kaum in der Lage, diesen Verlust zu überleben. Und ihr Mann, ein Therapeut, rettet sich in ein Projekt, das seinen Schmerz bannt: in die Heilung seiner Frau.

Herr von Trier – ist „Antichrist“ vielleicht gar keine Verdächtigung der weiblichen Sexualität? Ist es in Wahrheit ein Anti-Therapeuten-Film?

Um den Mund des Regisseurs schlängelt sich ein böses Lächeln. Die Schlange der Erkenntnis – vielleicht ist sie in Wahrheit ein Lächeln? Lars von Trier lernte den Berufsstand der Therapeuten schon als Kind kennen. Mit zwölf besuchte er ein „Tagesheilungszentrum“, dass er später als „Irrenanstalt“ bezeichnete. Wer depressiv ist, ist weitgehend wehrlos den Weltbildern der Therapeuten ausgeliefert mit ihren aufgeräumten, freudschen oder nachfreudschen Drei-Etagen-Häusern des Bewusstseins.

Und verteidigt die Frau im Film nicht die Würde des Schmerzes gegen ihren Therapeutenmann? Der Regisseur nickt: „Kennen Sie die kognitive Therapie? Was er mit ihr da im Film macht, heißt so, es ist aber eine sehr primitive Form.“ Und Lars von Trier beginnt, aus dem Leben zu erzählen, das er vielleicht am besten kennt: seinem Leben mit den Therapeuten. Nein, er verurteilt sie nicht. Er geht jede Woche hin, und sie geben ihr Bestes und können ihm doch nicht helfen. Die Pillen auch nicht. Er weiß, dass die furchtbare Lähmung wiederkommen wird. „Ich muss damit leben“, sagt er.

Jeder seiner Filme ist ein Einspruch gegen die nackten Wahrheiten der Eltern: gegen die nackte Wahrheit des Kommunismus, gegen die nackte Wahrheit des Nudismus. Aber ebenso gegen unser Normalweltbild, gegen das entzauberte Dasein also, das immer auf den gleichen Nenner hinausläuft: Das opferlose Sein ist möglich. Die Therapeuten sind nur seine ersten oder letzten Botschafter.

Bloß in einem glaubt Lars von Trier seiner Mutter bis heute. Dass Frauen ehrlicher, echter und leidensfähiger sind als Männer. Sie sind es auch in diesem Film, selbst wenn der Oberflächenblick ihn für frauenfeindlich halten könnte. Dabei erzählt er nur die Urgeschichte: vom Mann, der den Schmerz umwandelt in methodisches Sein, der das ursprüngliche Miteinander opfert, und sei es aus Notwehr.

Wahrscheinlich hat Lars von Trier viel weniger erlebt als der durchschnittliche Westeuropäer. Zwar hat er einen großen Amerika-Zyklus gedreht, dabei war er nie in Amerika. Er las aber als Kind Comics und ist überzeugt, das Land gut zu kennen. Überprüfen wird er das wohl nie können, weil schon die Vorstellung, ein Flugzeug zu besteigen, ihn traumatisiert. Schiffe und Autos sind nicht viel besser. Alles, was sich um einen schließt.

Für „Antichrist“ unternahm Lars von Trier eine für seine Verhältnisse sehr weite Reise – bis nach Nordrhein-Westfalen. Dort lag der Drehort. Der Regisseur lacht: „Es ist billiger, in einem nordrhein-westfälischen Wald zu drehen als in einem dänischen.“

Als Lars von Trier ein Musical drehen wollte, kam „Dancer in the Dark“ heraus. Wenn er einen Horrorfilm machen will, entsteht „Antichrist“ – mit der Werkbank an Dafoes Bein als Reverenz ans Genre. Er mag die kleinen Übertretungen. Zu Lars von Triers Sehnsucht nach Regeln gehört die Lust an ihrer Übertretung. Er ist gewissermaßen ein luziferischer Charakter. Und niemand wird ihn dazu bringen, die Schlussszene mit Scheiterhaufen und Verklärung zu erklären. Und habe er das eben richtig verstanden, man hätte den Fuchs auch weglassen können? Er höre das nicht zum ersten Mal und sage jedem: Nicht ohne meinen Fuchs! „Wissen Sie, wie viele Menschen bei ‚Breaking the Waves’ zu mir gesagt haben: Die Glocken müssen raus? Und ich sagte: Alles, aber nicht die Glocken!“ Gott ist, wer über die Schnitte der Welt entscheidet.

„Breaking the Waves“ beschrieb den bedingungslosen Liebesopfergang einer Frau für ihren Mann, und am Ende öffnet sich dort der Himmel und ein großes Geläut beginnt. Wahrscheinlich sandte Lars von Trier diesen Klang seinen Eltern in ihren leeren Himmel nach. Genau wie jetzt die Botschaft des Fuchses. Nein, die Vernunft regiert nicht. Höchstens Kalküle herrschen, unzählige, sich überkreuzende Kalküle: das Chaos.

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