Zeitung Heute : Ein Darlehen, das Kredit kostet

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Von Josef-Otto Freudenreich

Die Altvorderen sind sauer auf ihren Jungstar. Einen Politiksurfer nennt Rezzo Schlauch den 36-jährigen Abgeordneten Cem Özdemir, von dem er früher gerne erzählt hat, er sei sein Ziehsohn. Immer schön oben auf der Welle und schnell raus aus dem Tal. Das hat der barocke Fraktionschef stets ein bisschen bewundert. Heute sagt Schlauch, er sei nicht „Cems Kindergärtner“ und im übrigen „stinkig“, weil der „Jungsche“ nicht auf ihn gehört hat. Damals, Anfang 2000, als ihm Özdemir von dem Hunzinger-Kredit erzählt hat. „Geh’ zur Kreissparkasse“, hat ihm Schlauch geraten – mit bekanntem Erfolg. Jetzt haben die Grünen eine Affäre an der Backe, die nicht nur ihrem innenpolitischen Sprecher schadet, sondern der ganzen Partei. Aha, auch die Grünen halten die Hand auf.

Von Joschka Fischer weiß Freund Rezzo, dass der noch viel stinkiger ist. Die Jungen sind ihm zu fix, zu glatt nach oben gekommen, sie treiben sich zu viel in Discos herum, anstatt sich zu prügeln. Und das hat der Smartie aus Schwaben gestern von Streetfighter Joschka in Berlin um die Ohren bekommen: kein Jammern und kein Klagen, und wenn das noch einmal passiert, dann war’s das.

Entsprechend bußfertig gibt sich Özdemir vor der Fraktion. Großer Fehler, nicht zu entschuldigen, Kredit komplett zurückgezahlt, 5200 Euro an das Berliner Rehabilitationszentrum für Folteropfer überwiesen. So viel Selbstkasteiung war noch nie, doch der Abgeordnete Cem Özdemir weiß, dass er nur so die Kurve kriegt. Wenn er jetzt nicht sichtbar leidet, ist es um ihn geschehen.

Es ist eine bittere Erfahrung für ihn, den einst Hochgejazzten, zu erkennen, dass Aufstieg und Absturz Brüder sein können. Von seiner Mutter Nahil wollen die Journalisten nicht mehr wissen, wie es war, als der kleine Cem mit Pfeil und Bogen gespielt hat. Sie fragen, ob der Sohn Schulden gehabt hat, und der baden-württembergische Landesvorsitzende der Grünen, Andreas Braun, muss erläutern, warum er noch keine Schufa-Auskunft über den Delinquenten eingeholt hat. Geschmackvoll ist das nicht, aber Bestandteil dieser Mediengesellschaft, die Cem Özdemir groß gemacht hat. Früher, bis zum teuersten Kredit seines Lebens, sind die Journalisten mit ihm nach Istanbul gefahren, um zu beschreiben, wie er sich bis morgens um vier durch die Discos tanzt.

Man darf annehmen, dass Özdemir bis heute nicht wirklich begreift, was da passiert ist. Warum gerade er, der doch nichts Böses getan hat? Wer ist denn dieser Moritz Hunzinger, der auf einmal zur Persona non grata geworden ist? Norbert Blüm, Martin Bangemann, Roland Koch, Matthias Wissmann – alle schreiben ihre Bücher doch bei ihm. Was also soll schlimm daran sein, wenn er zu Hunzingers Podiumsdiskussionen kommt? Wenn er bei dessen Parlamentarischen Abenden sitzt, bei denen doch alle hocken? Der Möllemann, die Süssmuth, der Kinkel und der Biedenkopf und die Herren von den Heidelberger Druckmaschinen, von Hoechst, von Thyssen und Toyota. Der Lobbyist Moritz Hunzinger tut es, weil er mit diesen „vertraulichen und vertrauten“ Treffen Entscheidungsprozesse „in Gang bringen“ will. Rüstungsgeschäfte gehören auch dazu. Cem Özdemir, der sonst so Clevere, sagt, der „Kontext“ des Herrn Hunzinger sei ihm damals nicht bekannt gewesen.

Reise auf dem Traumschiff

Was soll mit Johannes Altincioglu sein, der ihm den Kredit vermittelt hat? Er sei ein Bekannter, sagt Özdemir, ein Mitarbeiter von Hunzinger. Das kommt harmlos unverbindlich daher, ist aber nicht so. Die beiden sind befreundet, der 35-jährige Deutsch-Türke Altincioglu aus Heilbronn und der Spagatschwabe Özdemir aus Bad Urach. Und Altincioglu, der früher in der Kommunikationsabteilung von Mercedes-Benz und als Sprecher von Sachsen-Anhalts stellvertretendem Ministerpräsidenten Wolfgang Rauls (FDP) gewirkt hat, ist der zweite Mann in der Hunzinger AG. Seit 1997 gehört er der Geschäftsleitung an, das Darlehen floss 1999.

Ein ehemaliger Angestellter Özdemirs erinnert sich genau, wie sich Altincioglu einmal gemeldet und Freund Cem gefragt hat: „Kannst du mir den Joschka besorgen?“ Der Hunzinger-Manager hatte die Fernsehsendung „Talk im Turm“ mit Promis zu bestücken. Sein Chef Moritz Hunzinger wiederum meldete sich, wenn er Referenten zum Thema doppelte Staatsbürgerschaft brauchte. „Mit dem Kredit“, sagt Özdemirs ehemaliger Mitarbeiter, „stand die Tür immer offen. Zu einem Abgeordneten, der auch mal Staatssekretär werden könnte.“ Insofern sei es eine Investition in die Zukunft gewesen.

Das wäre sie gewesen, die erste Liga in Berlin. Welch eine Karriere! Vor zehn Jahren noch Sozialpädagogikstudent an der Fachhochschule Reutlingen, heute Popstar der Politik, der Migrationsmonopolist, der Bannerträger der Menschenrechte, der die Niederungen des Alltags längst hinter sich gelassen hat. Dieses Bild ist tausendfach gezeichnet, so wirkungsmächtig, dass der Schneidersohn einfach daran glauben muss. Und sollte er es für eine Sekunde vergessen, muss er nur in sein Vorzimmer im Berliner Jakob-Kaiser-Haus schauen. Dort stehen zwei Regale mit Ordnern, in denen er die Artikel über sich sammeln lässt.

Das Problem ist freilich, dass es für dieses Traumschiff keinen Führerschein gibt. Niemand hat Özdemir beigebracht, wie aus einem Studenten ein Volksvertreter wird, der dem Volk nahe bleibt. Die Reisen im gepanzerten BMW, die Bodyguards, die Freizeit, die keine ist, weil sie nur unter Seinesgleichen und mit gewollter Medienbegleitung stattfindet – all das trübt den Blick für die Wirklichkeit. Und erzeugt ein Ego, dem selbstverständlich ist, dass die Lufthansa ein vegetarisches Essen für ihn bereithält. Wehe, seine Mitarbeiter vergessen, dies der Airline mitzuteilen. Wenn er aber vergisst, einem Geburtstagskind in seinem Büro einen Blumenstrauß zu schenken, was ihm regelmäßig unterläuft, dann ist das natürlich weniger schlimm. Es steigert nur die Fluktuation in seinem Office, in dem die Papierberge abends höher sind als morgens. Viele Türken suchen bei ihm Hilfe, die er ihnen gewährt, so gut er kann.

Es sind so einfache Dinge, die junge Abgeordnete wie Özdemir nicht können. Büromanagement, Personalführung, alles unbekanntes Land. Was sie beherrschen, ist der Auftritt als Lifestylepolitiker, der den Regeln von „Christiansen“ folgt. Wie wäre es denn gewesen, wenn Ziehvater Rezzo Schlauch einen Grundkurs in praktischer Vernunft angeboten hätte? „Schwierig bei den Jungschen“, sagt der Fraktionsvorsitzende, „wenn sie nach dem Motto sozialisiert sind: Was kostet die Welt?“ Was hätte er mehr tun sollen, fragt er, als Özdemir vor seiner Strellson-Connection zu warnen? Auch wenn der Schweizer Herrenausstatter politisch voll korrekt ist, weil die Inhaber, die beiden ehemaligen Boss-Brüder Holy, voll auf Linie liegen: Die Baumwolle für die Anzüge stammt aus ökologischem Anbau, Kindersklaven werden nicht ausgebeutet, und die Philosophie stimmt auch: „In Strellson steckt immer ein kluger Kopf.“ Schlauch hätte zur Einkaufstour in die Schweiz mitkommen sollen, hat aber abgelehnt. Er kaufe bei Breuninger daheim in Stuttgart, betont der Anwalt, „do kriegsch nix g’schenkt“.

Plötzlich kommt das Finanzamt

Und so ist der Junge aus der Näherei, der früher in zerrissenen Jeans herumgelaufen ist, allein geblieben: als Hauptdarsteller auf Werbeplakaten, auf denen er guckt wie James Dean. Der Strellson-Parlamentarier gegen den Brioni-Kanzler. Das Honorar hat Özdemir selbstverständlich gespendet.

In dieser Welt ist das, was den schlichten Bürger bekümmert, nicht mehr so wichtig. Was ist schon eine Steuererklärung gegen eine Seite in der „Zeit“? Doch plötzlich kommt das Finanzamt und will von seinem monatlichen 10000-Euro-Einkommen etwas abhaben. Und Cem steht da wie der Bub vor dem Weihnachtsbaum, an dem die Lichter ausgehen. Nie hat er sich um Geld gekümmert, das haben doch immer andere für ihn erledigt. Die Freundinnen oder die Eltern. Viel hat er weggegeben, für seinen Ludwigsburger Kreisverband, für das Zentrum für Folteropfer, für den Tierschutzverein Peta, für einen Friedensaktivisten in Frankreich. Jetzt brauchte er Hilfe. Aber von wem? Von der Kreissparkasse? Nein, es musste Moritz Hunzinger sein, der Logik eines Privilegierten folgend, der vergessen hat, wer ihm die Privilegien ermöglicht: der Wähler, der bei seiner Bank damals neun statt fünfeinhalb Prozent Zinsen gezahlt hätte.

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