Zeitung Heute : Ein Dienst für uns alle

Der Zivildienstbeauftragte Dieter Hackler muss sparen, aber schwarz sieht er nicht

Sten Martenson[Bonn]

Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein: Bundesbeauftragte für den Zivildienst sind Theologen. Es mag daran liegen, dass die beiden Amtsträger der letzten 20 Jahre von den christlichen Unionsparteien benannt wurden. Ihre Politiker mögen sich gedacht haben, dass überall dort, wo es um Gewissensfragen geht, Pfarrer eine kompetente Besetzung sind.

Dieter Hackler , wie sein Vorgänger Peter Hintze evangelischer Pfarrer, darf sich jedenfalls als richtiger Mann am richtigen Platz bestätigt fühlen: Er, der CDU-Mann, durfte über die politische Wende des Jahres 1998 im Amt bleiben. Die roten Ministerinnen Christine Bergmann und nun Renate Schmidt schätzen ganz offenkundig die Arbeit des ihnen unterstellten Zivildienstbeauftragten mit dem schwarzen Parteibuch. Dieter Hackler weist gerne darauf hin, dass er stets nur Ministerinnen „gedient“ habe – auch vor 1998.

Von seinem Schreibtisch überblickt Hackler Wiesen, Felder und Bäume am grünen Stadtrand Bonns. Ihm, der schon lange Jahre mit seiner sechsköpfigen Familie in Bonn zu Hause ist, hat der Umzug der Bundesregierung nach Berlin keine Einbußen an Lebensqualität beschert – er blieb dem 50-Jährigen schlicht erspart. Da das Bundesamt für den Zivildienst seinen Sitz in Köln hat, und das Bundesverteidigungsministerium nur sein Spitzenpersonal in Berlin Quartier beziehen ließ, kann auch der Bundesbeauftragte weiterhin am Rhein arbeiten.

In der Bonner Kreuzkirche hat Hackler früher auf der Kanzel gestanden – gleich neben der Hofgartenwiese, wo die großen Friedensdemonstrationen stattfanden. Der Wechsel ins Familienministerium habe ihn weit weniger Freiheit gekostet, als er zunächst befürchtet hatte, sagt er. Hackler ist ein vorsichtiger Mensch, der schöne, wohl abgewogene Worte über den Sinn des Zivildienstes findet und nur ungern darüber spricht, dass sein Amt auch Probleme zu bewältigen hat. Seine Sprache ist geprägt von Hoffnung und Zuversicht, aber die Zahlen aus seinem Amtsbereich klingen bedenklich: „Das Haushaltsjahr 2003 ist ein schwieriges“, ringt er sich dann doch noch durch zu sagen. 100 Millionen Euro muss er allein in diesem Jahr einsparen. Und zu allem Übel waren auch schon 120000 Zivildienstleistende eingezogen als dieser Sparbefehl erging. Gespart werden konnte nur noch danach. Das Ergebnis ist, dass zum 15. Juli 2003 nur noch 64 000 Zivildienstplätze besetzt waren. Wenn man weiß, dass in der Republik insgesamt eigentlich 188000 Plätze auf Zivildienstleistende warten, kann man schon von Zeichen einer Krise sprechen. Aber Hackler ist immerhin zuversichtlich, dass der Haushalt 2004 „für uns kein Ungemach mit sich bringt“.

Schwierig ist es auch geworden, die Fahne der Wehrgerechtigkeit hoch zu halten. In der Vergangenheit mussten 96 bis 98 Prozent der anerkannten Wehrdienstverweigerer damit rechnen, ihren Zivildienst auch ableisten zu müssen. Im Moment, so sagt Hackler, betrage die Ausschöpfungsquote um die 90 Prozent. Das klingt noch recht ordentlich, doch man muss wissen, dass die Politik, die, wie es im Beamtendeutsch heißt, „Heranziehungsregelungen im Bereich des Zivildienstes“ revidiert hat.

Wer in Tauglichkeitsgruppe drei gemustert wurde – und schon, wer nur ein Brille trägt, landet in dieser, wird nicht mehr zum Zivildienst einberufen. Auch wer verheiratet ist oder älter als 23 Jahre, darf getrost andere Lebenspläne schmieden. Der Zivildienst verlangt nicht mehr nach ihm.

Über allem schwebt drohend die Frage, was es für die Gesellschaft bedeutet, wenn der Zivildienst immer weiter zusammenschrumpft oder gar ganz verschwindet, weil sich die Politik gegen die Wehrpflicht und für eine Berufsarmee entscheidet. Aber der Zivildienstbeauftragte ist überzeugt: „Am Zivildienst hängt nicht unser soziales System.“ Diese Zuversicht orientiert sich an den Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, wenn ein Zivildienstplatz eingerichtet und anerkannt werden soll: Er muss dem Allgemeinwohl dienen, und es soll kein regulärer Arbeitsplatz dadurch gefährdet werden. Das klingt dann allerdings doch ein wenig nach grauer Theorie. Denn überall dort, wo Zivildienstleistende eingesetzt sind, werden schließlich Mitarbeiter entlastet. Immer weniger Zivildienstleistende wären für viele soziale Einrichtungen, für Krankenhäuser ebenso wie für Kinder- und Altenheime, und selbst für Vogelschutzstationen im Wattenmeer kaum zu verkraften. Es ist zwar richtig, wenn Dieter Hackler versichert: „Der Zivildienst ist kein Jobkiller“ und hinzufügt: „Er ist aber ein stellvertretender Dienst für uns alle.“ Fällt er aber weg, ist weit und breit kein Ersatz in Sicht. Die Folgen wären verheerend.

Der besondere Stellenwert des Zivildienstes in der Gesellschaft drückt sich auch darin aus, dass die Zeiten, da man abfällig über Verweigerer und Drückeberger herzog, längst passé sind. Wenn heute fast liebevoll von „Zivis“ die Rede sei, ob nun in der jüngeren oder älteren Generation, schwinge selbstverständlicher Respekt mit. Was den Pfarrer Hackler aber auch fasziniert, ist die Beobachtung, welche Spuren der zurzeit noch zehn Monate währende Dienst bei den jungen Männern hinterlässt. „Zivildienst ist Lerndienst“, sagt Hackler. Und er ergänzt: „Zum ersten Mal in ihrem Leben werden die jungen Männer mit beruflichen Strukturen konfrontiert. Sie müssen zuverlässig und pünktlich sein.“ Zwar habe ihn vor Jahren eine Umfrage des Psychologischen Dienstes der Universität Hamburg irritiert, in der es hieß, dass ein Drittel der Zivis mit ihrer Dienstzeit „nicht zufrieden“ gewesen seien. Bei genauer Lektüre habe sich aber herausgestellt, dass die zwei anderen Drittel jeweils „sehr zufrieden“ und „zufrieden“ waren.

Heute beobachtet der Zivildienstbeauftragte, dass unter den jungen Männern der Drang zur Kritik nicht mehr sehr ausgeprägt ist. Das war zu Beginn der 90er Jahre noch anders. „Heute haben wir eine liebe, junge Generation“, konstatiert Dieter Hackler. Das klingt nach einer bloßen Feststellung. Dass es ihm vielleicht lieber wäre, wenn sie aufmüpfiger wäre, mag man daraus schließen, dass er sich über das „System Mama“ mokiert. Wenn es bei den Zivis an ihren Arbeitsplätzen irgendwo hake, riefen sie nicht selbst bei seiner Bonner Dienststelle an, sagt Hackler. Nein, dann sind die Mütter an der Strippe.

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