Zeitung Heute : Ein Dorf macht die Augen zu

Zwischen Bäumen leuchtet ein Pferd. Die Menschen sind weg, sogar die Toten, geflohen vor dem Großflughafen Schönefeld – ins neue Diepensee. Aber drei Häuser sind noch bewohnt

Kerstin Decker[Diepensee]

Der Bagger frisst das Gutshaus, aber die Türöffnung ist noch da. Am Ende der Straße unter den Bäumen liegt der Friedhof. Im Schaukasten lädt ein Gemeindebrief zum Gottesdienst im November ein, und die Diepenseer Trauerhalle soll ein neues Dach haben. Aber weder Trauerhalle noch Dach sind zu sehen. Der Gemeindebrief ist wellig. Die Einladung galt im November vor einem Jahr. Auf diesem Friedhof ist niemand mehr. Die Diepenseer Toten sind umgezogen.

Waren sie zu schnell? Erst in zwei Jahren wird das Bundesverwaltungsgericht entscheiden, ob der Großflughafen Schönefeld wirklich gebaut werden darf. Im Augenblick befindet man sich noch in der Phase der Klagenbündelung. Aus 3600 Einzelklagen gegen den Flughafen sind soeben 50 Einzel-Großklagen geworden. Und in Potsdam hatten unlängst Politiker eine bemerkenswerte Idee: Könnte man den Riesenflughafen vielleicht in Sperenberg …? Sperenberg. Schon mal gehört.

Den Diepenseer Toten sind Standortfragen jetzt sehr egal. Sie sind weg, schon seit April. Die richtige Totenruhe war das ohnehin nicht, mit den ständigen Himmelfahrten nebenan. Und nun auch noch Easy Jet! Schönefeld ist schon jetzt, ohne Ausbau, der Boomflughafen Deutschlands. Nein, die Diepenseer Toten kehren nicht zurück. Der neue Großterminal soll mitten auf ihrem Friedhof stehen. Bis eben kamen hierher nur ein paar Diepenseer mit Gießkannen, es gibt ja ohnehin nur 350 Diepenseer. In sechs Jahren sollen 20 Millionen jährlich über den Platz laufen, der bis eben ihnen, den Toten, gehörte. Es können auch 40 Millionen werden. Eben waren hier Särge unter der Erde, in sechs Jahren soll es ein ICE-Bahnhof sein.

40 Millionen Menschen, hier? Im Augenblick ist nicht einer da. Der Himmel sieht aus, als wolle er jeden Augenblick auf das Dorf herunterfallen. Die Fenster der leeren Häuser sind mit Pappen vernagelt. Sogar die Autos fahren langsamer im toten Dorf. Das ist die Pietät gegenüber Sterbenden. Nur an einem Mast hängt noch eine blaue Leine mit Klammern dran, als käme gleich jemand mit einem Korb voller Wäsche. Bis Ende des Jahres sollte der letzte Diepenseer weg sein. Jetzt ist Ende des Jahres. Zwischen den Bäumen leuchtet ein Pferd, überlebensgroß, es steht auf einem Dach und ist neonbestrahlt. Das Dach gehört einem Blockhaus, und darin sitzen zwei Männer.

Inmitten von Sätteln, Sporen, Gamaschen, Elektrozaunzubehör sitzen sie, als wäre nichts normaler als das. Vielleicht kommt noch jemand, der einen Westernsattel braucht? Bis 20 Uhr ist Heiko Saßenbergs „Horse Comfort“ geöffnet. Auch tote Dörfer haben Öffnungszeiten. Heiko Saßenberg hat Sättel wie Kunstwerke, der Kunde könnte sie gleich ausprobieren. Die Pferde warten hinterm Haus. Aber da ist kein Kunde. „Wollten wir nicht was essen?“ – Saßenbergs Frau steht in der Tür und schaut fragend. Der Landesmeister in Offen Reining, Working Cowhorse und Amateur Western Riding schaut fragend zurück.

Diese Westerntypen sind kompliziert. Notfalls gehen sie mit ihrer Ranch unter, man kennt das. Dass mit seinem Dorf etwas nicht stimmt, hat Heiko Saßenberg Anfang des Jahres gemerkt, als er für seine beiden Hunde Hundesteuer bezahlen wollte. Geht nicht. Diepensee gibt es gar nicht mehr. Amtlich gestorben am 29. Februar. Vielleicht würde das Finanzamt das genauso sehen? Die ersten Diepenseer haben Weihnachten schon in den neuen Häusern gefeiert. Nächste Woche zieht auch Heiko Saßenbergs Nachbar um. Nach „Diepensee“ bei Königs Wusterhausen. Der Nachbar ist sein Freund. Er hat Pferde wie er; er wird ihm fehlen.

Am Tag, als Damals-noch-Landesvater Manfred Stolpe Sperenberg aufgab, fühlten sich die Diepenseer verraten. Aber dann, 1999, stimmten sie für den „Diepensee-Vertrag“, den Umsiedlungsvertrag – mit fast realsozialistischem Ergebnis, mit weit über 90 Prozent. Endlich Klarheit. Und wer ein altes großes Haus mit Land hatte, würde ein neues großes Haus mit Land haben. Und mancher, der kein Land hatte, würde trotzdem eins haben. Und ein Haus oder eine Haushälfte. „Sozialverträgliche Umsiedlung“ nennt das der Vertrag. 80 Millionen Euro für den Umzug eines ganzen Dorfes.

In einer Woche ist Saßenberg hier der letzte Mohikaner. Eben haben sie alle Obstbäume und Hecken abgehauen. Damit die Bagger besser an die Häuser kommen. Es klingt wie Krieg, sagt Saßenberg. Es geht ihm auf die Nerven. Wie wirklich ist man in einem amtlich gestorbenen Dorf mit zwei nicht existenten Hunden? Aber Heiko Saßenberg wartet gar nicht auf den Entscheidungskampf, Mann gegen Flughafen. Er geht auch nie wie Gary Cooper um zwölf Uhr mittags durch sein menschenleeres Dorf. Ich habe einfach noch nichts Besseres gefunden, sagt er. Etwas, wo alles stimmt, Land für die Pferde, Haus, alles. Und seine Kunden müssen ihn finden können. In Neu-Diepensee, glaubt er, findet ihn keiner.

Und wenn der Großflughafen doch nicht kommt? Saßenberg lächelt, vielleicht würde er bleiben, allein in der Prärie. Du könntest das Dorf „Saßenberg“ nennen, überlegt Saßenbergs Freund. Saßenbergs Frau nickt und sagt, dass man vorher unbedingt noch essen sollte.

„Saßenberg“. Kein schlechter Name für ein Dorf. Aber „Birkoben“ ginge auch. Heiko Saßenberg wohnt am Ende des Dorfes, Erwin Birkoben am Anfang. Dort wo noch ein paar Apfelbäume stehen, deren Äpfel kein Mensch mehr erntet. Dann fängt eine hohe Hecke an. Die Hecke gehört Erwin Birkoben. Über die Hecke schaut ein Schild: „Zimmervermietung mit Dusche, WC, Küche sowie betonierte Stellflächen mit Lagerhallen.“ Hat nicht jeder. Birkoben öffnet nicht, vielleicht ist er kurz weg, aber im Prinzip ist er da. Und so soll das auch bleiben. Erwin Birkoben ist über 70 und aus Ostpreußen. Einmal im Leben vertrieben ist genug, findet Birkoben. Hinter seiner Hecke im Garten starten die Flugzeuge. Aber dass unter seiner Hecke ICE-Gleise liegen und an Stelle seiner Pension ein Mega-Parkhaus dasteht – wer soll sich daran gewöhnen? Er nicht mehr.

In der Mitte des Geisterdorfes brennt noch ein drittes Licht. Es gehört zu einem schönen Haus, schön und ziemlich neu. Kein Wunder, dass da noch jemand ist. Die Klingel funktioniert. „Lindner“ steht am Schild. Der öffnende Mann wirkt sichtlich erleichtert. Er mag es nicht, wenn man im Dunkeln an seiner Tür klingelt. Man weiß ja nie, gerade in nicht existenten Dörfern. Nachts kommen hier die Geier, sagt der Mann im schönsten Haus des Dorfes. Im Übrigen sei er nicht Herr Lindner, sondern nur der Archäologe und vorübergehend hier eingezogen. Tagsüber gräbt er. Denn Diepensee gibt es schließlich schon länger. Über 600 Jahre. Vielleicht ist neben dem Dorfteich das Diepensee von Dreizehnhundertnochwas. Und darunter ein bronzezeitliches Diepensee? Die Augen des Archäologen leuchten. Auf dem Rückweg, ist von der Gutshaustür nichts mehr zu sehen. Morgen, wenn der Bagger sich umdreht, ist der „Club 2000“ dran, ein Backsteinhaus aus dem 19. Jahrhundert. Das neue Diepenseer Gemeindezentrum, zehn Kilometer weiter, sieht ein bisschen aus wie die Akademie der Künste: Glas bis zum Boden und Klinker. Die Diepenseer haben sich viele Orte angeschaut, als sie ein neues Zuhause suchten. Auf einer Wiese bei Königs Wusterhausen wussten sie: Hier ist es. Jetzt steht ein ganzer Musterhaus-Katalog auf der Wiese. Es gibt die neusachlichen Diepenseer der strengen Form, aber auch das Turmmodell ist verbreitet. Die Straßennamen haben die Dörfler mitgenommen. „Rotberger Straße“, nur dass die Rotberger Straße nun nicht mehr nach Rotberg führt und Saßenbergs „Horse Comfort“ ist auch nicht da. Die Karl-Marx-Straße und die Goethe-Straße haben die Dörfler gleich dagelassen. Die neuen Alleebäume verlieren ihr erstes Laub im neuen Diepensee, die im alten Diepensee zehn Kilometer weiter verlieren ihr letztes.

Ein Aufsteller kündigt eine Obstbaumwiese mit Rundwanderweg sowie die Begrünung öffentlicher Anlagen mit Pfaffenhütchen, Maulbeere, Walnuss, Blutpflaume und Weichselkirsche an. Die Frage „War es sehr schwer, wegzugehen?“ klingt plötzlich dumm. Im Winter werden sich die Diepenseer die alten Diepenseer Geschichten erzählen. Wie die DDR-Regierungskonvois auf dem Weg zum Flughafen immer wieder im Dorf stecken blieben, weil die Bauern mit ihren Mistfuhren die Straße verstopften. Bis die DDR eine neue Flughafenzufahrt baute.

An einem flachen Klinkerhaus steht der Name „Lindner“. Ein Riesengartenzwerg hält Wache. Ein dicker Mann tritt heraus. Das ist also Lindner. Und ist es nicht. Er ist ein anderer Lindner. Die sind nicht mitgekommen, die sind nach Berlin gezogen, sagt der Zweit-Lindner und hält in Hausherrenpose die Arme vor der Brust verschränkt. Eine Statue der Zufriedenheit. Nichts könnte ihn ins alte Dorf zurückbringen. Und wenn sie Schönefeld ganz schließen würden. Über ihm dröhnt ein Flugzeug, gestartet direkt neben seinem alten Haus. Es ist schon ziemlich hoch hier – im neuen Diepensee.

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