Zeitung Heute : Ein Drama verfolgen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

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Man gibt sich ja nur ungern als Banause zu erkennen. Aber, nach elf Jahren Elternschaft verteilt auf zwei Kinder sind wir dem kulturellen Großstadtleben doch ein wenig entrückt. Ein Besuch in Kino, Oper, Theater, das will ja organisiert sein, mit Babysitter und allem drum und dran. Das ist schon eine Hürde, da reicht es dann eben manchmal nur zu einem kurzen Besuch in der nächsten Videothek.

Und auch das sei hier mal gestanden, manchmal strengt sie schon an, die Elternpflicht. Wenn bei zwei Kindern der mittlerweile 17. Kindergeburtstag auf dem Programm steht , wenn alles schon mal da gewesen ist, Topfschlagen und Blindekuh, Reise nach Jerusalem und Schokoladenwettessen, dann sind auch wir so weit, dann kaufen wir uns frei. Und außerdem, dachten wir zumindest, vermitteln wir wenigstens den Kindern etwas von der Kultur, der wir uns nach Jahren der Abstinenz irgendwie immer noch verbunden fühlen. Also haben wir unsere Tochter und acht ihrer Freunde ins Theater eingeladen. „Sonne, Mond und Dreierlei“ hieß das Stück für Menschen ab vier.

Drinnen hob sich der Vorhang und das Drama nahm seinen Lauf. Geflüstert haben sie die ganze Zeit. Nein, nicht die Kinder, mir vollkommen fremde Mütter in der Reihe vor mir. Und dann sind die Kinder gekommen, nein, nicht die unsrigen, Gott, war ich stolz, deren Kinder sind gekommen. Wollten auf den Schoß, auf den Arm, wollten was zu knabbern, was zu trinken, wieder was zu knabbern. Und manchmal wollten sie sich auch nur ein bisschen unterhalten. Wie die Großen.

Jetzt hatten auch unsere plötzlich Durst, und Hunger natürlich auch. „Nachher“, habe ich gezischt. Sonst blieb ich vollkommen ruhig. Unter Eltern ist man nämlich prinzipiell zurückhaltend. Weil man das ja selber kennt, wie das ist, wenn die Kleinen in aller Öffentlichkeit nicht so machen wie man es gerne hätte. Und wildfremde Menschen gucken böse, während man sich abmüht, die Situation möglichst unauffällig in den Griff zu kriegen. Ich habe also gar nichts gesagt und nur ein ganz kleines bisschen böse geguckt. „Sind doch trotz allem noch Kinder“, meinte die Mutter vor mir und lächelte versöhnlich.

Ja und, dachte ich da so bei mir, was soll denn mal aus denen werden, später, wenn sie groß sind und allein ins Kino gehen. Auf die Nerven werden sie mir gehen, oder meinen Kindern. Chips werden sie essen, die ganze Zeit. Und miteinander flüstern, an den schönsten Stellen. Vielleicht haben sie sogar ein Handy dabei. Und bestimmt werden sie während der Vorstellung aufstehen, um sich ein Eis zu kaufen. Da ist es mir dann so rausgerutscht, „Ruhe“, rief ich, vielleicht ein wenig schärfer als beabsichtigt. „Wie bitte“, sagte da die fremde Mutter auch ein wenig lauter, „wie reden Sie denn mit mir.“ Und auf der Bühne stockte das Stück.

Wie ist es denn gewesen, sind wir hinterher gefragt worden. „Och“, antwortete ich, „den Kindern hat es gut gefallen." Und das Stück? Ja, das Stück, da konnte ich mich leider gar nicht dran erinnern, kein bisschen. Mittendrin muss mir der Faden gerissen sein. „Anspruchsvoll“, habe ich also gesagt, „schon recht anspruchsvoll.“ Andreas Austilat

Theater Lichterfelde, Drakestraße 49. Wechselndes Programm, www.theater-Lichterfelde.de , Telefon 84 31 46 46 .

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