Zeitung Heute : „Ein Drehkreuz für Europa“

Koreas Botschafter Choi Jung-il sieht große Chancen für die Zukunft

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Herr Botschafter Choi, Sie sind jetzt seit zwei Monaten in Deutschland. Was ist Ihnen hier besonders aufgefallen?

Ich wusste, dass die Deutschen ein sehr sparsames und praktisches Volk sind. Jedes Mal, wenn ich deutsche Kollegen oder Gäste besuche, habe ich vor Ort herausgefunden, dass sie tagsüber nie das Licht brennen lassen.

Was hat Korea von der deutschen Wiedervereinigung gelernt?

Es gibt zwei Lektionen, die wir lernen können, einmal im Prozess der Wiedervereinigung und danach. Die erste Lektion war die Ostpolitik der westdeutschen Regierung. Westdeutschland hat stets durch die Ostpolitik den Austausch und die Zusammenarbeit mit der DDR verstärkt, sodass der Schutz der Unterschiede der Systeme die Identität bewahrt hat. So betreiben wir mit großer Geduld unsere Versöhnungs- und Kooperationspolitik mit Nordkorea, um Austausch und Zusammenarbeit zu verstärken.

Mit Erfolg?

Wie Sie wissen, haben wir vor einigen Tagen einen ersten Erfolg erlebt, als die Eisenbahnverbindung zwischen Nord und Süd erstmals seit dem Koreakrieg wieder aufgenommen wurde. Die zweite Lektion betrifft die Zeit nach der Wiedervereinigung. Die sogenannten Kosten der Wiedervereinigung sind viel größer, als man sich das vorher vorgestellt hat. Das war doch eine große Last für die deutsche Wirtschaft. Trotz der Politik des Austauschs und der Zusammenarbeit gab es viele Probleme bei der sozialen Integration der Deutschen in beiden Teilen des Landes. Daraus entstanden auch viele Konflikte. Mit einem Wort, wir haben von der deutschen Wiedervereinigung viel gelernt und wir betrachten sie als Vorbild für Korea.

Wodurch unterscheidet sich die Problematik der Vereinigung in Deutschland und Korea?

Wir haben den Koreakrieg von 1950 bis 1953 erlebt. Die Ostdeutschen hatten zumindest eine Phase der Demokratie Anfang des 20. Jahrhunderts gekannt, während die Nordkoreaner fast keine Chance hatten, Erfahrungen mit dem System der freien Marktwirtschaft und der Demokratie zu sammeln. Sie kamen von der Joseon-Dynastie über die japanische Kolonialisierung direkt in den Kommunismus. Um diese Unterschiede zu überbrücken, müssen wir den Austausch und die Zusammenarbeit mit Nordkorea verstärken, unsere Identität bewahren und wirtschaftlich weiter kooperieren.

Sie haben die beiden Züge erwähnt. War das eine einmalige Aktion oder wird es eine dauerhafte Bahnverbindung geben?

Das war zunächst eine einmalige Testfahrt. Aber es war die erste Bahnfahrt nach 56 Jahren. Ich hoffe sehr, dass diese Bahnverbindung in Zukunft regelmäßig fährt und ich gehe auch davon aus.

Welche Hoffnungen verbinden Sie mit dem Industriekomplex Gaeseong im Norden? Ist das Wandel durch Annäherung?

Der Industriekomplex Gaeseong ist für uns von großer Bedeutung, weil zum ersten Mal Südkoreaner ihre Produktionsanlagen im Norden errichtet haben. Dieses Projekt wird eine Grundlage aufbauen, auf der wir die wirtschaftliche Zusammenarbeit in Zukunft intensivieren werden. Diese Industrieanlage liegt unmittelbar hinter der Entmilitarisierten Zone und wird daher einen großen Beitrag zur Reduzierung der Spannungen auf der koreanischen Halbinsel leisten.

Man schaut in Europa immer öfter nach China, nach Japan, neuerdings auch nach Indien. Wo bleibt Korea? Ärgert Sie das?

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hat Korea unter der Kolonialisierung und absoluter Armut verbracht. Korea ist auf der Weltkarte noch nicht so lange bekannt. Aber Korea verfügt über nicht weniger Kulturdenkmäler als China oder Japan. Wir sind fast das einzige Land in Asien, das die Demokratisierung und wirtschaftliche Entwicklung erfolgreich abgeschlossen hat. Ich gehe daher davon aus, dass das Interesse an Korea im 21. Jahrhundert immer größer werden wird. In diesem Sinne bemühen wir uns um den verstärkten Austausch und Zusammenarbeit mit allen Ländern, vor allem mit Deutschland, auf den Gebieten Kunst, Kultur und Wissenschaft. Außerdem versuchen wir große internationale Ereignisse wie die Olympischen Winterspiele 2014 nach Peongchang und die Expo 2012 nach Yeosu zu holen. Wir haben außerdem die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit Europa angefangen. Wenn diese Gespräche abgeschlossen sind, wird Korea ein Drehkreuz für Europa in Ostasien werden.

Ist die Europäische Union auch ein Vorbild für Asien?

Die EU ist ein Vorbild für die ganze Welt. Die Lage Asiens ist aber doch ein wenig anders als in Europa. Die industriellen Strukturen sind sehr unterschiedlich, ebenso die Kluft zwischen den einzelnen Wirtschaftsvolumina. Während die Europäer Gemeinsamkeiten wie Religion und Zivilgesellschaft besitzen, fehlen in Asien ähnliche Gemeinsamkeiten.

Wo werden Sie in Ihrer Arbeit in Deutschland Akzente setzen?

Deutschland hat die Phasen des Wirtschaftswunders und der Wiedervereinigung durchlebt und gemeistert und ist in dieser Hinsicht von besonderer Bedeutung für Korea. Die Beziehungen sind hervorragend. Trotzdem werde ich großen Wert darauf legen, den aktiven Austausch zwischen der deutschen und der koreanischen Bevölkerung zu fördern und zu vertiefen.

Das Gespräch führte Rolf Brockschmidt

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