Zeitung Heute : Ein Duellauf Raten

Nur einer wird gewinnen: Westerwelle versus Möllemann

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Von Antje Sirleschtov und

Jürgen Zurheide, Düsseldorf

Zwei Wochen können eine verdammt lange Zeit sein. Sie können aber auch wie im Flug vergehen, wenn man Mehrheiten zu organisieren hat. Das weiß Jürgen W. Möllemann. Und das spürt auch Guido Westerwelle. Der Parteichef der FDP wollte es dennoch wagen. Auf einem Sonderparteitag am 7. Oktober soll die Parteibasis in Nordrhein-Westfalen darüber abstimmen, ob Möllemann ihr Landesvorsitzender bleiben wird.

In seinem Heimatverband hatten sich führende Liberale in wechselnden Runden auf die neue Lage vorbereitet, zu einem einmütigen Ergebnis waren sie nicht gekommen. „Dem haben wir alles zu verdanken“, hört man auf den Fluren der liberalen Fraktion immer wieder, denn in der Tat sitzt die FDP nur wegen Möllemann mit 24 Abgeordneten im Landtag. Der Münsteraner weiß das genau. Am Telefon kann er deshalb erhebliche Schärfe in seine Stimme legen, wenn er mit jemandem spricht, der seine Vaterschaft am Erfolgsprojekt in NRW zu vergessen droht.

„Ich möchte weiter hier Wahlkampf machen, 2004 für Europa, die Kommunalwahl, und dann möchte ich in den Landtagswahlkampf ziehen“, gab Möllemann gestern als seine politischen Ziele aus. Für den Fall, dass Zweifel angemeldet werden, ob das mit ihm noch gelingen könnte, fügt er schnell hinzu: „Ich habe im Bundestagswahlkampf 202 öffentliche Auftritte und 75 Fallschirmabsprünge gehabt, das war doch höchst erfolgreich.“ Wenig später blickt er auf den kleinen Zettel vor sich. Er hat die Prozentzahl aufgeschrieben, mit der ihn 977890 Menschen in Nordrhein-Westfalen gewählt haben: „Wir liegen mit 9,3 Prozent vorne und liegen neben Rheinland-Pfalz ganz oben, ohne uns hätte die FDP bundesweit nur 6,7 Prozent bekommen“. An dieser Stelle werden die anwesenden Liberalen still, der eine oder andere vermeidet den Blickkontakt mit seinem Vorsitzenden.

Vor allem Andreas Pinkwart wird einsilbig, wenn man ihn auf diese Zahlen anspricht. Er redet dann zwar davon, dass Möllemann den Wahlkampf schließlich nicht allein geführt habe und das Ergebnis einer Teamleistung entspringe, aber wirklich überzeugend wirkt der Mann nicht. Bisher ist er Möllemanns Stellvertreter in der Landespartei. Einer breiten Öffentlichkeit ist der Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Siegen nicht bekannt. Pinkwart will gegen Möllemann antreten und den Vorsitzenden aus dem Amt drängen. Weil Möllemann das am späten Montagabend vor der entscheidenden Vorstandssitzung zugetragen worden war, griff er zu einem Schachzug, der noch dadurch erleichtert wurde, dass Guido Westerwelle mit erheblicher Verspätung eintraf. Möllemann stellte von sich aus die Vertrauensfrage und schlug den Sonderparteitag vor. „Da können wir dann ja klären, wer für diesen Landesverband spricht“, sagte Möllemann kurz vor Mitternacht den Journalisten, seine Miene signalisierte, dass er nicht eine Sekunde daran zweifelt, als Gewinner hervorzugehen.

In der Berliner FDP-Zentrale heißt die Parole: „Wir werden kämpfen“. Denn schließlich steht viel mehr als die Partei-Führung in Düsseldorf auf dem Spiel. Das ahnt hier jeder. Kaum war Westerwelle aus Düsseldorf zurückgekehrt, fragten sich die ersten Präsidiumsmitglieder in Berlin, ob es klug war, dass Westerwelle nach NRW gefahren ist.

Seinem Ansehen als FDP-Chef hat es zweifellos genutzt, den Widersacher Möllemann gleich nach der Wahlschlappe aus dem Amt des Vize-Vorsitzenden zu drängen. Ob es dem Amt des Bundes-Parteichefs auch nutzt, wenn der sich in einer Kampfabstimmung mit dem Vorsitzenden eines Landesverbandes misst? Wer soll hinterher die Scherben aufsammeln? Und wer soll die von den Wählern abgestraften Freidemokraten zusammenhalten, wenn Westerwelle am 7.Oktober gegen Möllemann verliert?

„Dann hat der Chef ein Problem“, sehen Westerwelles Berater ein. Und machen sich Mut. „Wir können das gar nicht verlieren.“ Westerwelle sei schließlich „angesehenes Mitglied im Landesverband NRW“. Und der gewaltige Wahlerfolg des Verbandes sei zu nicht geringen Teilen ihm zuzuordnen. Das werde der Parteitag „schon zu würdigen wissen“. Einige dutzend Telefonate zwischen Berlin und ausgewählten Kreisverbänden würden die Parteifreunde in NRW in den kommenden Tagen schon überzeugen.

Und dann gibt es noch die Wahl des Fraktionsvorstandes im Bundestag. Das Amt von Klaus Kinkel muss besetzt werden. Schon wird darüber nachgedacht, wer dafür geeignet wäre. Vielleicht Ulrike Flach? Die kommt aus Mülheim an der Ruhr, gehört der Landesgruppe NRW an. Befördert man Flach in Berlin, könnte das die Westerwelle-Anhänger in Nordrhein-Westfalen zusätzlich ermutigen, am 7. Oktober gegen Möllemann zu stimmen. Und siehe da: Flach ist nicht abgeneigt. Sie habe im Wahlkampf eine „sehr gute Arbeit geleistet“, verdiene „durchaus“ nun eine Belohnung, meldet sich ihr Umfeld zu Wort.

Wenn es allein um die Frage Möllemann oder Pinkwart ginge, könnten sich die Liberalen die Abstimmung und den Aufwand eines Parteitages ersparen. „Da läge Möllemann klar vorne“, sagt einer aus der Parteiführung. Die Dinge sind allerdings komplizierter, weil Pinkwart nicht auf eigene Rechnung antritt.

Da wird die Sache spannend: Es wird nicht wenige geben, die für Westerwelle – und damit Pinkwart – stimmen, weil sie auf den Jüngeren setzen. „Westerwelle ist unsere Zukunft“, heißt es. Andererseits könnten sich die Delegierten von Westerwelle missbraucht fühlen und deshalb für Möllemann votieren. Und Möllemann wäre nicht Möllemann, wenn er seinen Sieg nicht schon jetzt mit der Geschmeidigkeit einer Schlange vorbereiten würde. Und zwar so, dass Westerwelle auf jeden Fall beschädigt ist. Erstens: Mitgefühl vermitteln. „Ja, auch ich habe Fehler gemacht, der Flyer war einer“, gibt Möllemann demütig zu. Zweitens: den Gegner bloßstellen. „Dilettantisch, die Plakate“, kritisiert er den Wahlkampf von Westerwelles Bundeszentrale. „Papierfetzen“. Und drittens: Appell an die Seele der Parteimitglieder im Landesverband. „Wir alle in der Fraktion würden einhellig begrüßen, wenn Dr. Guido Westerwelle und ich weiter Hand in Hand arbeiten würden.“ Denn, wer es gut meine mit der Partei, „bringt nicht die beiden stärksten Politiker der FDP gegeneinander auf.“

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