Zeitung Heute : Ein durchschnittlicher Jahrgang

Neun Millionen Hektoliter werden 2012 erwartet – die Qualität hängt vom künftigen Wetter ab.

Jeder Winzer weiß: Kein Jahr ist wie das andere. Und wer im August Prognosen zur Qualität und Menge des aktuellen Jahrgangs wagt, der befindet sich auf dünnem Eis. Die deutschen Winzer, so scheint es, haben bislang noch Glück gehabt. Denn die erste Jahreshälfte, regnerisch und kühl vor allem in den Nächten, war zwar nicht optimal für die Entwicklung der Reben. Doch anderswo, beispielsweise in Burgund, kam es viel schlimmer – dort hat Hagel gleich mehrmals den Ertrag reduziert. In der Pfalz wurden erstmals Hubschrauber eingesetzt, um Mitte Mai den Spätfrost aus den Weinbergen zu treiben, offenbar erfolgreich. Austrieb und Rebblüte kamen fast überall in Deutschland zu völlig normalen Zeitpunkten.

Auf der Suche nach belastbaren Bauernregeln ist der rheinhessische Winzer Reiner Flick fündig geworden. „Schaltjahre sind Halbjahre“, sagt er und meint, in Schaltjahren sei eine Jahreshälfte so und die andere so, also sei jetzt mit einem grandiosen Herbst zu rechnen. Zu viel Sonne darf aber auch nicht dazwischenkommen, denn sonst droht der Rebe das Gleiche wie dem Menschen: Sonnenbrand.

Dieses Phänomen ist in Deutschland zuletzt im Extremjahr 2003 aufgetaucht – dann scheint die Sonne so stark, dass sie die dünnen Beerenhäute beschädigt, viele Trauben gehen in eine Art Notprogramm und lagern viele bittere Gerbstoffe ein. Am vergangenen Wochenende wurden beispielsweise in Bad Kreuznach Temperaturen von nahezu 40 Grad erreicht, die dieses Phänomen befürchten lassen; „wir steuern jetzt auf eine solche Welle zu“, sagte der Würzburger Fachberater Hermann Mengler Mitte August vor der Hitzeperiode. Die Pflanzen schützen sich vor der Sonne, indem sie zusätzliches Wasser fördern – das schaffen aber nur ältere Reben, die nicht auf sandigen, also trockenen Böden stehen. Aber so scheint es, dass in Teilen Frankens sogar in diesem bislang so nassen Jahr das Wasser wieder knapp wird.

Dennoch wird in Franken mit einem hohen Ertrag gerechnet, während beispielsweise die Pfälzer, die im Juli zweimal mit Hagel zu kämpfen hatten, eher ein leicht unterdurchschnittliches Ergebnis erwarten. Insgesamt, so schätzt Ernst Büscher vom Deutschen Wein-Institut, sei bundesweit mit einer Erntemenge von neun Millionen Hektolitern zu rechnen, was dem langjährigen Mittel entspricht und etwas weniger als 2011 wäre: „Die Weinberge stehen aktuell sehr gut im satten Grün da, die Trauben sind gesund, und die zu erwartenden Qualitäten wie auch die Mengenprognosen sind gut.“

In den letzten Jahren war immer wieder von einem „Jahrhundertjahrgang“ die Rede, diesmal nimmt niemand das Wort in den Mund. Recht säurebetont werden die Weine ausfallen, heißt es fast überall, das wird als sehr angenehm eingestuft angesichts des zu säurearmen Jahrgangs 2011, der quer durch die deutschen Lande sogar legal nachgesäuert werden durfte.

Der rheinhessische Winzer und Weinblogger Dirk Würtz erwartet für den laufenden Jahrgang „so eine Art Mittelding aus 2002 und 2004, solide, angenehm, klassisch, ruhig“. Er konstatierte Mitte August: „Von Weltklasse bis Kreisklasse ist alles vertreten.“ Für den Fall schlechten Wetters prognostiziert er aber „einen gewaltigen Eiertanz“, denn die Beeren seien sehr kompakt, was die Fäulnis fördere.

Die ersten Trauben sind aber bereits in Sicherheit. Denn am 15. August begann in Steinweiler in der Pfalz offiziell die Lese, allerdings nur für den Federweißen, von dem in Rheinland-Pfalz jährlich zwei bis drei Millionen Liter abgefüllt werden. Auch einige früh reifende Traubensorten geringer Bedeutung wie Ortega oder Siegerrebe sind in diesen Tagen reif geworden, doch dann ist erst einmal wieder Pause – eine gute Voraussetzung dafür, dass die VdP-Winzer zum traditionellen Termin Anfang September nach Berlin kommen können.

Schätzungsweise Mitte September geht es dann mit dem Müller-Thurgau weiter; Toprieslingreben beispielsweise für die Großen Gewächse bleiben, wenn das Wetter mitspielt, je nach Wagemut des Winzers sogar bis in den November hängen. Und ganz am Ende des Jahres beginnt dann wieder das Warten auf den ersten scharfen Nachtfrost. Denn ohne einen Eiswein ist die Kollektion eines ordentlichen deutschen Winzers nicht komplett. Bernd Matthies

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