Zeitung Heute : Ein Eimer Tafelfarbe muss erstmal reichen Wie in Afghanistan versucht wird, wieder Bildung zu vermitteln

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Der Winter in Afghanistan ist hart. Die Hilfskonvois rollen bereits, vor wenigen Wochen startete UNICEF einen Transport nach Nordafghanistan, mit über 100 Tonnen Nahrung, Kleidung, Decken, Medikamente und Zelte. Am meisten leiden, wie so oft im Krieg, die Kinder: Ihnen mangelt es am Nötigsten, sie haben keine Unterkunft, sind unterernährt, oftmals krank. Genauso wie Vitamine und Antibiotika brauchen sie aber vor allem eines: eine Perspektive. Daher hat der Konvoi noch eine weitere Ladung dabei, 90 Tonnen Grundnahrungsmittel anderer Art: Hefte, Stifte, Schulbücher. Nach mehr als fünf Jahren geraubter Lebenszeit hungern die Kinder nicht nur nach Essen, sondern auch nach Wissen. Es wird geschätzt, dass lediglich vier Prozent der Mädchen lesen und schreiben können, nur wenige haben die verbotenen Privatschulen besucht.

Der Aufbau eines funktionierenden Schulsystems ist eine der drängendsten Aufgaben im „neuen“ Afghanistan. Das wissen auch die zahlreichen Hilfsorganisationen wie die afghanische Fraueninitiative RAWA sowie die deutsche Bundesregierung: „Sabak" - zurück in die Schule - das ist ihr Motto. Es war auch das Stichwort für die Runde aus Pädagogen, Landeskennern und IT-Experten, die am Wochenende in der Technischen Universität Berlin diskutierten. Ihre Frage: Kann das Internet eine Bildungschance im kriegsverwüsteten Afghanistan sein?

Die Informatikerin Heidi Schelhowe von der Universität Bremen bremst hochfliegende Träume: Sämtliche Kommunikationssysteme wurden von den Taliban gekappt, Elektrizität ist rar, die Internetnutzung setzt Kenntnisse voraus. Doch in wenigen Jahren, meint die Bremerin, könne man einen Großteil der Ausbildung über das Internet leisten und so die Menschen auf dem Lande erreichen. „Teacher Emergency Packages“ sollen Soforthilfe leisten und den Kindern Grundkenntnisse beibringen: Lesen, Schreiben, Rechnen. Diese „Schule in der Kiste“, wie UNICEF sie nennt, besteht aus einem Eimer Tafelfarbe, Kreide, Kugelschreibern, Landkarte und Schulheften. Ein Handbuch lehrt die Lehrer ohne Examen das Nötigste. Momentan laufen Winterschul-Programme, wie das in Kabul, bei dem 10000 Mädchen unterrichtet werden. „Sie hocken inmitten von Ruinen und Einschusslöchern am Boden und frieren, aber sie sind unglaublich wissbegierig.“ – beschreibt der kürzlich aus Kabul zurü ckgekehrte Journalist Monajimzadeh Mahmud. Juliane von Mittelstaedt

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