Zeitung Heute : Ein Engel an meiner Saite

ZEITFENSTER-FESTIVAL Die Geigerin Midori Seiler verbindet in „Angel’s Share“ Purcell und Fiddlemusik.

UWE FRIEDRICH



Noch weiß niemand, wie hoch der Engelsanteil an diesem Konzert sein wird. „Angel’s Share“, so nennen die Whiskybrenner die Menge, die während des Lagerns verdunstet, der also den Engeln gehört, und so heißt auch ein Konzert, in dem die Musik von Henry Purcell und John Dowland mit schottischen Fiddlekompositionen kombiniert wird, wie sie in Kneipen des elisabethanischen London erklangen. Etwas Schwund ist immer, das wissen auch Musiker, wenn sie sich kluge Gedanken machen, wie man ein Konzert ganz neu und ganz anders gestalten könnte. Für die Geigerin Midori Seiler ist bei diesem Projekt mit „Nico and the Navigators“ von vornherein klar, dass es nicht nur um die reine Klangschönheit geht. „Musik profitiert immer von anderen Elementen. Sobald der Musiker als Persönlichkeit auftritt, kommt eine neue Energie dazu. Die Musik wird verfremdet, und damit spielen wir. Das Visuelle verändert die Komposition. Hier werden wir tatsächlich Teil von Bildern. Normalerweise proben wir Musiker nur mit den Ohren. Hier kommen die Augen dazu.“

Die Kontraste zwischen der höfisch geprägten Musik einer Oberschicht und dem Unterhaltungsbedürfnis in den Pubs und Spelunken der pulsierenden Großstadt, aber auch das Verbindende zweier Musiktraditionen sollen ihren Ausdruck finden in diesem Konzert. Midori Seiler wahrt zunächst die Form, zeigt strenge Haltung. Später entdeckt sie die Gemeinsamkeiten mit der originellen Improvisationskunst der Fiddler. „Das ist zunächst die Liebe zum gleichen Instrument, dem man die Töne entlockt. Wenn zwei Menschen denselben Dritten lieben, gibt es auch eine Verbindung, obwohl sie aus diesem Begehren heraus ganz verschiedene Sachen machen.“

Schließlich waren auch die Fiddler der schottischen Volksmusik hochvirtuose Meister ihres Instruments, die ihre Spieltechnik über die Jahre vervollkommnet haben. Viele von ihnen konnten Noten lesen und haben ihre Kompositionen aufgeschrieben, offenbar bestanden Verbindungen zu professionellen Musikern an Fürstenhöfen und in Städten. Heute kommen Instrumentalisten der klassischen Musik hingegen kaum noch in die Verlegenheit, bei einer Hochzeit zum Tanz aufzuspielen. „Die Blechbläser unter meinen Kollegen kommen häufig aus der Volksmusikszene, bei Streichern kommt das fast nie vor. Wer ambitioniert Geige lernt, spezialisiert sich schon sehr früh und geht in eine ernsthafte Richtung. Das führte über die Jahrhunderte vielleicht auch zu einem Verlust an Spontaneität.“

Mit britischem Humor und viel Entdeckergeist will der Geiger Georg Kallweit etwas von dieser Spontaneität in das Festival „Zeitfenster“ zurückbringen. Was das Publikum schließlich sehen wird, weiß er im Moment ebenso wenig wie seine Mitstreiter der Band „Urban Strings“ oder Nico and the Navigators, die für die szenische Umsetzung zuständig sind. „Gemeinsam mit dem Veranstalter Folkert Uhde bin ich zu einem schottischen Fiddlerfestival gefahren und war ebenso begeistert wie er von der Idee, diese Musiktradition mit englischer Barockmusik zu verbinden. Es ist eine musikalische Reise, und im Laufe der Reise können die Zuschauer sich durchaus fragen, ob der Reisende auf der Bühne noch alle Tassen im Schrank hat. Aber nebenbei erzählt dieser merkwürdige Mensch auch viele weise und wahre Dinge.“

Die Akademie für Alte Musik Berlin, aus deren Umfeld die Musiker des Projekts „Angel’s Share“ stammen, experimentiert schon länger mit neuen Darreichungsformen des hergekommenen Konzertrituals. Der unmittelbare Gefühlsausdruck durch Musik ist immer das Ziel, nicht unbedingt das feinste Interpretationsdetail. Gemeinsam lustvoll musizieren, wie es in Ländern mit einer lebendigen Volksmusikszene noch heute praktiziert wird. Wenn das auch bei diesem Konzert im Radialsystem funktioniert, freut sich nicht nur Midori Seiler, dann jubeln ganz bestimmt auch die Engel.UWE FRIEDRICH

Radialsystem V: Premiere 28.4., 20 Uhr. Auch 1.5., 17 Uhr, 2.5., 21 Uhr und 3.5., 20 Uhr

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