Zeitung Heute : Ein ernster Fall

Jetzt hat die Vogelgrippe auch Deutschland erreicht – doch die Herkunft des Virus ist unklar. Wie groß ist die Gefahr für den Menschen?

Stefanie Besch[Wittow Rügen] Paul Janositz[Be]

Was unternehmen die Behörden auf der Insel Rügen gegen die Vogelgrippe?

Nach dem Fund der zwei an der Vogelgrippe verendeten Schwäne wurden im Norden von Rügen zwei Schutzzonen mit einem Umkreis von je drei Kilometern eingerichtet. Dort liegen acht Gemeinden, in denen sich keine gewerblichen Geflügelhalter befinden. Die privaten Tierhalter werden ab heute von Veterinärkräften der sieben Ordnungsämter aufgesucht, die alle Tierbestände untersuchen. Für elf weitere Gemeinden wurden über die Schutzzonen hinaus zwei jeweils zehn Quadratkilometer große Überwachungszonen eingerichtet, in denen verstärkte Kontrollen stattfinden. Von Bürgern wurden auf Rügen bisher rund 100 tote Schwäne gesichtet. Diese seien den Behörden gemeldet worden, sagte eine Sprecherin des Landratsamtes in Bergen.

Es hieß, infiziertes Geflügel sei nur während der Vogelflugsaison im März oder April zu erwarten. Warum ist das Virus jetzt doch in Deutschland aufgetaucht?

„Irgendwelche Vögel fliegen immer“, sagt Hans-Günther Bauer von der Vogelwarte Radolfzell des Max-Planck-Instituts für Ornithologie. Wenn irgendwo ein See zufriere, könnten sich hungrige Vögel in wärmere und damit nahrungsreichere Gegenden aufmachen. Außerdem handle es sich bei den jetzt tot aufgefundenen Höckerschwänen nicht um Zugvögel. Es kann sein, dass Höckerschwäne potenzielle Träger für das Virus sind. Möglicherweise haben sich die Schwäne bereits vor längerer Zeit infiziert. Die Krankheit sei aber nicht gleich ausgebrochen, vermutet Bauer. Erst als einzelne Vögel durch Hunger und Kälte stark geschwächt waren, konnten die Grippeviren triumphieren.

Ist es gefährlich, Geflügel aus dem Supermarkt zu essen?

Mit Sicherheit ungefährlich ist es, wenn die Produkte gekocht oder gebraten werden. Denn Hitze tötet das Virus ab.

Ist es gefährlich, sich in der Nähe von Zugvögeln im Freien aufzuhalten?

Infizierte Zugvögel sind noch nicht aufgetaucht. Doch es ist nicht ausgeschlossen, dass sich Wildvögel durch Kontakt mit erkranktem Geflügel anstecken. Deshalb sollte man von allen toten Tieren die Finger lassen, rät Bauer. Über die Luft sei Ansteckung nicht möglich.

Können sich auch Haustiere infizieren?

Katzen und Hundehalter brauchen nicht zu befürchten, dass ihre Tiere an der Vogelgrippe erkranken. „So wie es aussieht, besteht für sie keine Gefahr“, sagt Hans- Joachim Götz, Präsident des Bundesverbandes Praktizierender Tierärzte in Frankfurt. Katzen und Hunde sollten auf den gewohnten Freigang oder die regelmäßigen Gassigänge nicht verzichten müssen. Nach dem Verzehr infizierten Geflügelfleisches hat man das Virus zwar schon nachgewiesen. Doch Götz zufolge ohne krank machende Wirkung. Auch wurde weder eine Vermehrung des Virus in den Körpern noch eine Ausscheidung über Kot oder Speichel festgestellt. Letzteres wäre die Voraussetzung dafür, dass das Virus auf Menschen überspringt, die in engen Kontakt mit Tieren kommen.

Reicht die Stallhaltung aus, um die Ausbreitung der Vogelgrippe zu stoppen?

Diese Maßnahmen reichen aus, um den Kontakt von infiziertem Geflügel mit Wildvögeln zu verhindern. Deshalb gilt in Mecklenburg-Vorpommern ab sofort und bundesweit von Freitag an die Stallpflicht. Wer dagegen verstößt, riskiert Bußgelder in Höhe von bis zu 25 000 Euro. Steht kein Stall zur Verfügung, können sich Geflügelhalter auch mit dem Spannen von möglichst engmaschigen Netzen behelfen. Notställe können auch aus Brettern und Planen gebaut werden. Die Tiere sollten aber Möglichkeiten zum Scharren haben.

Was sind die Krankheitssymptome beim Menschen?

Eine Übertragung des Virus auf den Menschen ist nur bei sehr engem Kontakt mit Geflügel denkbar, wie es in Asien der Fall sein kann. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt sagte am Mittwoch: „Es gibt keine Gefährdung, es bleibt eine Tierseuche.“ Die ersten Symptome treten meist zwei bis fünf Tage nach der Infektion auf. Kennzeichnend sind schwere grippeähnliche Symptome wie hohes Fieber, Husten, Atemnot und Halsschmerzen. In etwa der Hälfte der Fälle kommt es auch zu Durchfall. Im weiteren Verlauf entwickelt sich meist eine Lungenentzündung, die dann zu einem Lungenversagen und schließlich zum Tod führen kann.

Ist es sinnvoll, sich das Medikament „Tamiflu“ zu kaufen?

Das Medikament kann die Vermehrung des Grippevirus im Körper hemmen. Der Krankheitsverlauf wird abgeschwächt. Die Ansteckung mit dem Virus ist aber äußerst unwahrscheinlich. Das Medikament ist in ausreichenden Mengen in Deutschland verfügbar, so dass es bei Bedarf in der Apotheke erhältlich ist. Privates Horten ist unnötig.

Das Robert-Koch-Institut hat eine Hotline zur Vogelgrippe eingerichtet: 01888/7543536

ChronikDie Vogelgrippe breitet sich zunehmend in Europa aus. Die bisherigen Fälle:

Juli 2005: Die Vogelgrippe tritt in fünf Regionen Sibiriens auf.

1. Oktober 2005: Das Virus wird in der Türkei entdeckt.

4. Oktober 2005: Rumänien bestätigt das Auftreten der Vogelgrippe.

26. Oktober 2005: In Kroatien werden Schwäne positiv auf H5N1 getestet.

24. Januar 2006: In Nordzypern wird bei Vögeln das Vogelgrippevirus nachgewiesen.

11. Februar 2006: Der Erreger der Vogelgrippe erreicht mit Griechenland und Italien die EU.

12. Februar 2006: Ein Virus der H5-Gruppe wird bei einem Schwan in Slowenien festgestellt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben