Zeitung Heute : „Ein fabelhaftes Terrain“

Halbzeit beim Umbau – das neue Berlin ist Wirklichkeit geworden

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Foto: picture-alliance/ ZB

Als damaliger Chef von „Partner für Berlin“ haben Sie, Herr Hassemer, den Begriff „das neue Berlin“ in die Welt gesetzt. War das nur ein Marketingslogan? Oder tatsächlich so etwas wie die Zielangabe für den Wandel, in dem sich die Stadt befand?

Es sollte signalisieren, dass die Aufgabe der Stadt in der Herausforderung bestand, auf den Potenzialen des Alten etwas Neues zu errichten, sich im wiedervereinten Berlin neu zusammenzufinden. Diese Botschaft war nach außen gerichtet, aber sie sollte auch in die Stadt hineinwirken, die Berliner aufrütteln. Es war damals noch nicht klar, wohin alle die Veränderungen laufen würden. In dieser Situation stand die Formel „das neue Berlin“ für die Aufforderung, sich um die neuen Stärken zu kümmern, und das Verbot, sich auf vermeintlichen alten Stärken auszuruhen.

Was hat sich in diesem Sinne als Stärke Berlins erwiesen?

Aus meiner Sicht war es in erster Linie die Hauptstadt, für die die Entscheidung gefallen war, die aber noch nicht in den Lebenskanülen der Stadt angekommen war. Nebenbei: Auch heute kann man ja zweifeln, ob das der Fall ist. Man fragte sich damals noch: Werden sich die Politiker überhaupt hier zu Hause fühlen? Es hätte ja auch sein können, dass die Politik sich vor der Zumutung Berlins mental in die Regionen der Republik zurückziehen würde. Nun, die Politik ist umgezogen, sozusagen mit Mann und Maus, die gesellschaftlichen Repräsentanten, die Verbände. Zum Zweiten ist Berlin ein unglaublicher Anziehungspunkt für junge Leute geworden, die die Stadt als anregendes Ambiente empfinden. Diese Energie hat die Stadt entwickelt, und die Jungen haben ihre Energien in die Stadt gebracht. Allerdings ist es uns bislang nicht gelungen – daran ist leider nicht zu rütteln –, aus diesen Ressourcen verlässliche wirtschaftliche Substanz zu gewinnen.

Berlin als Ort der Politiker, der jungen Leute und der Pensionäre, oft gut situierter, die ja auch in erstaunlicher Zahl in die Stadt gekommen sind. Doch dazwischen ist wenig, ist die Stadt noch schwach auf der Brust ...

Berlin ist nicht schwach! Das gilt nur in Bezug auf die konkreten, harten wirtschaftlichen Entwicklungen Doch hier agieren inzwischen die politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsträger, die über Deutschland bestimmen, die auch international die Position Deutschlands definieren! Außerdem ist die Stadt ein Aktivposten des Kulturellen im weiteren Sinne, also von Kunst und Wissenschaft. Und: Sie hat einen von allen Seiten bestaunten gewaltigen Umbau hinter sich gebracht, ist wirklich ein neues Berlin geworden …

Als Sie diesen Slogan erfanden, war die Stadt eine große Baustelle, und Sie veranstalteten „Schaustellen“, teils um den Blick auf diesen Zustand zu lenken, teils um von ihm abzulenken … Inzwischen ist das nur noch Erinnerung. Wo ist dieser Wandel für Sie vor allem Ereignis geworden?

In dem ganzen Politikbetrieb, der im neuen Regierungsviertel wirklich in exzellenter Form behaust ist. Links und rechts der Spree, rund um den Reichstag, zum Beginn der Linden – das alles neu, aber spürbar auf der Schiene Berliner und deutscher Tradition. Da ist die Geschichte der Stadt, die Geschichte Deutschlands aufgenommen. Man muss sich auch vor Augen halten, wie sehr die gesamte Innenstadt erneuert worden ist. Es ist gelungen, der Stadt wieder eine Mitte zu geben. Dazu gehört, dass man Neues so implantiert hat, dass es nicht zum Fremdkörper wurde, sondern dass wirklich die Stadt wiedererstanden ist – sei es der Potsdamer Platz, sei es im alten Zentrum bis zur FriedrichWerderschen Kirche oder auch an dezentralen Stellen Berlins.

Kaum kann man sich noch vorstellen, dass die Friedrichstraße nach Geschäftsschluss wie ausgestorben wirkte …

… und heute ist dieses Zentrum bis hin zur Spreeinsel selbst an trübsten Wochenenden überlaufen. Und das, obwohl der Leipziger Platz noch zum großen Teil Fassade ist und noch nicht als das Gelenkstück der Innenstadt funktioniert, das er ist. Wir haben bei diesem Stadtumbau erst etwa 70 Prozent dessen erreicht, was wir noch erreichen müssen. Wir sind nicht am Ziel – es ist Halbzeit! Allerdings haben wir die Umbauphase zu Beginn der 90er Jahre genutzt, um die Stadt auch funktional zu modernisieren. In ihrer Grundstruktur bietet die Stadt heute für alle möglichen Entwicklungen deshalb ein fabelhaftes Terrain.

Und was ist mit dem Umland, das ja zu einer Stadt gehört? Unmittelbar nach der Wende hat man ja geglaubt, zwischen Brandenburg und Frankfurt/Oder säße da eine riesige Regionalstadt sozusagen in den Startlöchern. Davon ist längst keine Rede mehr. Und Berlin schrumpft.

Das typisch westdeutsche Ausfransen der Stadt ist ausgeblieben. Es erweist sich jetzt als eine der großen Stärken von Stadt und Umland, dass Berlin eine konzentrierte Stadt ist. Das hat vielleicht etwas mit der Mauer zu tun, vielleicht auch damit, dass eben die Bäume nicht in den Himmel gewachsen sind. Doch das Kraftzentrum, das die Stadt ist – wobei übrigens Potsdam ein eigenes Kraftzentrum ist, und das Umland in seiner Weise auch –, hat seine Gestalt gewonnen. Wir sind da auf dem richtigen Weg, aber auch nur auf dem Weg.

Doch eine Reihe von Siedlungsvorhaben, die auch zu Ihren Lieblingsprojekten gehörten – etwa die Wasserstadt Oberspree, die Rummelsburger Bucht –, sind auf diesem Wege – sagen wir – stecken geblieben.

Diese beiden Projekte sind beides hochqualitative Partien in Stadtinnenlage. Jede Stadt wäre gut beraten, sich solcher bevorzugten Lagen anzunehmen und sie nicht einfach vor sich hinwuchern zu lassen. Die Entwicklung Berlins ist aber nicht mit der Intensität vor sich gegangen, die man sich erhofft hatte. Aber hätten wir nicht vor fünf oder zehn Jahren in vergleichbarem Tonfall von Adlershof gesprochen? Heute steht der Standort im Südosten schon für eine Erfolgsgeschichte! Und nehmen Sie die gesamte Spreeregion und den Stadtrandbereich in Richtung Schönefeld. Diese Region, die zudem noch eine von Berlin und Brandenburg gemeinsame ist, wird sich in den nächsten zehn Jahren sprunghaft entwickeln. Die Vollendung der Stadtautobahn nach Schönefeld hat dieses Stück Zukunft ja schon in den Gesichtskreis der Berliner gerückt.

Apropos Berlin und Brandenburg: Völlig auf der Strecke geblieben ist die Fusion, die eigentlich für ausgemacht galt. Inzwischen ist das Projekt heillos in eine Sackgasse geraten. Und der Speckgürtel um Berlin entwickelt sich munter weiter, ohne dass eine übergreifende Strukturpolitik sichergestellt wäre …

Ja, daran ist nichts zu beschönigen. Die Fusion wäre eine gewichtige Stärkung der Region gewesen. Aber die Reaktion auf dieses Scheitern zeigt auch eine ganz besondere Hilflosigkeit der Politik – wenn man nämlich immer nur dieses Nicht-Gelingen rekapituliert, ohne nun andere Strategien für eine gedeihliche Entwicklung von Berlin und Brandenburg in der gemeinsamen Zukunft zum Thema zu machen und zu entwickeln. Und die heißt für mich eindeutig: die Region Berlin-Brandenburg als gemeinsame Modellregion zu verstehen und zu organisieren. Zwei Kraftzentren, zwei Zuständigkeitszentren – das macht die Sache ein bisschen komplizierter, aber es ist organisierbar. Wir kennen solche Modellregionen in Deutschland, die sogar aus drei Bundesländern bestehen – und zwar Bundesländer, deren Selbstbewusstsein und deren Alleinstellungsbedürfnis sehr viel ausgeprägter sind als bei diesen kleinen, historisch doch jungen Bundesländern Berlin und Brandenburg.

Nur ist nirgendwo zu sehen, dass man sich in dieser Richtung bewegt!

Die Sache ist eigentlich noch schlimmer. Jeder der Entscheider, mit dem Sie sprechen, versichert Ihnen, dass er eine solche Entwicklung wolle. Aber Sie werden kaum jemanden finden, der bereit ist, sie wirklich in Angriff zu nehmen. Für mich ist hier das Hinterherhinken der Politik hinter den realen Problemen besonders eklatant. Diese Region braucht ein gemeinsames Management. Sie braucht ein gemeinsames Vorangehen und auch eine gemeinsame Identität, mit der sie nach innen arbeiten und außen in Erscheinung treten kann. Stattdessen wird offenbar sogar die Zusammenarbeit der Wirtschaftsförderungen nicht besser, sondern eher schlechter.

Gilt nicht für Berlin insgesamt, dass die Politik den Entwicklungen, die eingetreten sind, hinterherhinkt?

Schlimmer ist noch, dass dies zu sehr das Bild von Berlin prägt. Wenn Paris für seine Qualitäten mit der Brillanz seiner Stadtregierung werben wollte, hätte es schon verloren. Und London versucht gar nicht erst, sich über seine politische Verfassung darzustellen. Berlin definiert sich nach wie vor zu stark über das Politische, über das Parteipolitische. Aber weder die Parteien, regierend oder nicht, und auch nicht das Abgeordnetenhaus sind ausreichend in der Lage, vor der Öffentlichkeit darzustellen, was die Stadt bedeutet. Zum neuen Berlin, zu den neuen Möglichkeiten der Stadt, muss es gehören, die gesellschaftliche, die bürgerschaftliche Kraft in der Stadt zur Geltung zu bringen und für die Stadt sprechen zu lassen.

Also die Zivilgesellschaft? Doch die hat ihre Wurzeln längst nicht mehr nur in Berlin selbst, sondern rekrutiert sich aus der ganzen Bundesrepublik. Bald die Hälfte aller Berliner von heute sind ja erst nach der Wende zugezogen.

Das halte ich für einen der wichtigsten Vorzüge des „neuen Berlin“. Aber auch hier: Gerade diese Neu-Berliner, die überall ihre Rolle spielen, sind in der Berliner Politik noch kaum auszumachen. Nicht zuletzt in den Bezirksversammlungen und im Abgeordnetenhaus ist ihr Anteil gering. Das neue Berlin wird noch weitgehend vom alten Berlin repräsentiert und regiert. Ich will diesen Befund gar nicht gegen die Politiker kehren; die haben es schon schwer genug – das sage ich, wie Sie wissen, aus Erfahrung. Nur müssen wir erkennen, dass unsere aktuellen und anhaltenden Schwächen auch damit zu tun haben, dass wir uns gerade in der Stadtpolitik am wenigsten gegenüber den – ganz anderen – Umständen von vor 1989 erneuert haben. Die Kräfte für Berlin zu mobilisieren und zu motivieren, die seitdem hierhergekommen sind beziehungsweise sich seither hier gebildet haben: Das ist uns bisher in der Stadt viel zu wenig gelungen. Und das schlägt sich nieder in der realen Leistungsfähigkeit Berlins.

Sie haben, Herr Hassemer, den Wandel der Stadt an herausragender Stelle erlebt – erst als Senator für Stadtentwicklung, dann als inspirierender Geist von „Partner für Berlin“. Was sind die stärksten Erfahrungen, die für Sie – ganz persönlich – übrig geblieben sind?

Das alles, was nach 1989 möglich wurde, war für mich ganz persönlich ein enthusiasmierendes Erlebnis. Zuerst diese ungeheure Breite und gleichzeitige Diffenziertheit des Berliner Könnens und der Möglichkeiten dieser Stadt, die sich da auftaten! Es war tatsächlich nach dem Fall der Mauer ein Markt der Möglichkeiten, und zwar nicht nur ideell, sondern tatsächlich. Es war grandios, auf was ich ganz konkret in der Stadtlandschaft als Stadtentwicklungssenator gestoßen bin, als ich mithelfen durfte, das Ganze in Bewegung zu bringen. Die ganze Vielfalt dieser Stadt mit ihrem historischen Gewicht, ihrem Mythos, ihren innerstädtischen Unterschieden, in dieser Mischung aus wirtschaftlichen Arealen, Wohngebieten, Grünzonen und innerstädtischen urbanen Bereichen! Und dann die Erfahrung in der Welt, dass wir dort mit unserer Stadt und ihrem Schicksal und seiner „erwarteten“ Zukunft schon viel mehr angekommen waren, als wir es selbst realisiert hatten. Die Erwartungen und das Interesse in Bezug auf Berlin waren so groß, dass wir uns immer wieder fragten: Mensch, wie können wir dem entsprechen?

Sie meinen: So gut sind wir nun auch wieder nicht?

Um es in der Marketingssprache zu sagen: Das Produkt Berlin, das neue Berlin hat in der Welt schon ein so fabelhaftes Standing, dass wir noch 20 Jahre brauchen werden, um es wirklich herzustellen. Das ist eine unerhörte Stärke, ein Vertrauensvorschuss dieser Stadt, die gegenüber den wirklichen Metropolen ja wirklich eher ein kleiner Ort ist!

Die Fragen stellte Hermann Rudolph.

Volker Hassemer ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung „Zukunft Berlin“. Zuvor war er Senator für Kultur und Stadtentwicklung

(1981-89, 1991-96). Bis 2002 leitete er „Partner für Berlin“.

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