Zeitung Heute : Ein Fach für sich

Egal, ob in den Nachrichten, den Zeitungen oder an den Stammtischen – die weltweite Finanzkrise ist das beherrschende Thema. Aber welche Rolle spielt die Ökonomie im Unterricht an Deutschlands Schulen?

Martin Gropp

Auf der Rheininsel Nonnenwerth südlich von Bonn steht ein Gymnasium, das lange Zeit vor allem für eines bekannt war: für die Ordensschwestern, die die Schule vor mehr als 150 Jahren gegründet hatten. Die Religiosität der Schwestern hat das Gymnasium Nonnenwerth geprägt. So stark, dass Schüler anderer Schulen es heute noch „Nonnenbunker“ nennen. Seit einigen Jahren ist das Inselgymnasium auf dem Weg, der religiösen Prägung eine wirtschaftliche hinzuzufügen.

2002 war es Nonnenwerther Neuntklässlern erstmals möglich, zwischen der freiwillig zu belegenden dritten Fremdsprache und einer Arbeitsgemeinschaft Wirtschaft zu wählen. Seitdem ist das Interesse am Wirtschaftskurs stetig gestiegen. „Inzwischen führe ich Bewerbungsgespräche“, sagt Lehrerin Astrid Heilmann-Cappel. Zuletzt wollten 80 Schüler in die AG, um sich in der neunten Klasse Allgemeinbildung über das Finanzielle anzueignen. Und um sich vorzubereiten: Im zweiten AG-Jahr gründen die Schüler eine Firma, geben an Eltern und Verwandte für zehn Euro pro Stück Aktien aus und werden zu Chef, Personalern oder Vertriebsmanagern. Ora et labora – das ist im Gymnasium Nonnenwerth nicht nur ein frommer Wunsch. „Die soziale Marktwirtschaft basiert doch auf der christlichen Soziallehre“, sagt die Lehrerin Heilmann-Cappel.

Die Wirtschafts-AG des Inselgymnasiums ist nur eines von vielen Rezepten, wie in Deutschland Schülern finanzielle Bildung serviert wird. Wie so oft in Bildungsfragen hat das Rezeptbuch 16 unterschiedliche Kapitel, weil jedes Bundesland anders mit dem Thema Wirtschaft in der Schule umgeht. Zu allem Überfluss kommen auch noch Unterschiede zwischen den einzelnen Schulformen und hinsichtlich der unterrichteten Stundenzahl hinzu. So hat Bayern das Fach Wirtschaft und Recht in der Mittelstufe der Gymnasien etabliert, in Haupt- und Realschulen gibt es dagegen die sogenannte Arbeitslehre. In Niedersachsen haben Schüler aller Schulformen vier Jahre lang das Fach Wirtschaft – außer die Gymnasiasten, denn bei denen heißt das Fach PolitikWirtschaft. Und Baden-Württembergs Gymnasien bieten ein Neigungsfach Wirtschaft an. So groß ist die föderale Vielfalt, dass selbst die Forscher des Instituts für Ökonomische Bildung (IÖB) in Oldenburg keine Zahlen haben, wie viele Schüler überhaupt im Unterricht mit ökonomischen Fragestellungen konfrontiert werden. Der Leiter des IÖB, der Wirtschaftspädagoge Hans Kaminski, fordert deshalb schon seit langem bundesweit ein Unterrichtsfach Wirtschaft. Durch die Finanzkrise ist diese Forderung aktueller denn je. „Die Wirtschaft gehört zur menschlichen Existenz, deshalb muss es allen Schülern möglich sein, ökonomisches Wissen zu erhalten“, sagt Kaminski. Die momentan herrschende Fächervielfalt betrachtet er mit gemischten Gefühlen: „Das ist ein sehr buntes Bild, aber es bleibt unscharf.“ Nach Kaminskis Ansicht brauche es bundesweit geregelte Standards für ein solches Unterrichtsfach, auch damit Lehrer so ausgebildet werden, dass sie das Fach angemessen unterrichten können: „Erst wenn man ein eigenständiges Fach Wirtschaft hat, gibt es auch die passende Lehrerausbildung.“

Bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist man prinzipiell auch für eine größere Rolle ökonomischer Bildungsinhalte im Unterricht. Allerdings sollen sie fächerübergreifend oder in Projektform vermittelt werden. „In der Schule hat man eben nur eine bestimmte Stundenzahl zur Verfügung“, sagt Marianne Demmer aus dem GEWVorstand. „Für die Einführung eines Fachs Wirtschaft müsste etwas anderes wegfallen.“ Außerunterrichtlichen Aktivitäten wie einer Wirtschafts-AG steht die GEW skeptisch gegenüber. Es käme dabei darauf an, mit welcher Zielrichtung dort gearbeitet wird, erklärt Demmer. „Es ist gut, wenn Unternehmergeist geweckt wird“, sagt Demmer. „Aber so, dass dadurch nicht gefördert wird, leichtfertig Risiken einzugehen.“ IÖB-Geschäftsführer Hans Kaminski weiß um die Widerstände auf Lehrerseite. Doch ist er sicher, dass es irgendwann ein bundesweit geregeltes Schulfach Wirtschaft geben wird – „auch wenn es wohl noch einige Jahren dauern wird.“

Die großen nicht-schulischen Bildungseinrichtungen, die Volkshochschulen also, sind da beweglicher als die Schulen – und haben zum Teil bereits auf die Finanzkrise reagiert. Zwar ist es auch dort so, dass der Bundesverband der Volkshochschulen keine Vorgaben für einheitliche Kurse zur finanziellen Allgemeinbildung gibt. Aber die ersten Volkshochschulen bieten spezielle Kurse an. So lädt die Volkshochschule in Olching bei München heute Abend zum Kurs „Brot und Spiele - Schadlos durch die Wirtschaftskrise“ und gibt dort Tipps zur Vermögenssicherung. Und die Volkshochschule Kempten im Allgäu bietet Anfang Dezember den Kurs „Strategische Finanzplanung in Krisenzeiten“ an.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben