Zeitung Heute : Ein Fahrschein für zwei Länder

Im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg ist das Fahren mit Bahnen und Bussen einfach. Komplizierte Regeln gibt es nicht

Klaus Kurpjuweit

Einer für alle. In Berlin und Brandenburg ist das Fahren mit Bahnen und Bussen besonders einfach. In der gesamten Region können die Fahrgäste mit einem einzigen Ticket alle Angebote des Nahverkehrs nutzen – ob in Berlin, in Potsdam, in Cottbus oder in der Prignitz. Auch mehrfaches Umsteigen mit nur einem Fahrschein ist möglich.

Bereits seit 1999 haben sich die meisten Verkehrsunternehmen in der Region zum Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) zusammengeschlossen. Inzwischen ist das Angebot flächendeckend; 44 Unternehmen bieten einheitliche Fahrpreise an. Vorbei sind die Zeiten, in denen ein Fahrgast für eine Fahrt mehrere Tickets kaufen musste, die am Ende zusammen auch noch teurer waren als der Einheitsfahrschein heute. Rund fünf Millionen Fahrgäste nutzen das Angebot im VBB täglich, das sich bis nach Polen erstreckt, etwa nach Küstrin und Stettin.

Dabei war die Ausgangssituation schwierig. Auf der einen Seite dominiert Berlin mit einer hohen Bevölkerungsdichte und einem historisch gewachsenen dichten Nahverkehrsnetz, das nach der Wende wieder vereinigt worden ist. Auf der anderen Seite befindet sich das dicht besiedelte Umland, dem sich nach außen hin zunehmend dünner besiedelte Gebiete anschließen. Und alle mussten vom VBB unter einen Hut gebracht werden.

Noch hakt es hin und wieder. So sind die Angebote zwischen Berlin und angrenzenden Kommunen nicht überall perfekt aufeinander abgestimmt, was die Fahrtzeiten erheblich verlängern kann. Und nach wie vor beharren Verkehrsbetriebe oder Politiker auf eigene Regelungen. Dies führt unter anderem dazu, dass das Sozialticket, das nur für den Berliner Raum gilt, in den meisten Bussen von Brandenburger Unternehmen, die auf ihrer Linie durch die Stadt fahren, nicht anerkannt wird.

Berlin selbst hatte schon vor dem Start des Verbundes ein einfaches Tarifsystem. Die große Stadt ist in nur zwei Tarifbereiche aufgeteilt: A und B. Hinzu kommt das Umland mit dem Bereich C. So ist es verhältnismäßig einfach, den „richtigen“ Fahrschein zu kaufen. Das Problem anderer Städte, die ein kompliziertes Wabensystem mit unzähligen verschiedenen Tarifen besitzen, kennt man an Spree und Havel nicht.

Das Berliner System hat den Vorteil, dass auch lange Fahrten über mehr als 50 Kilometer verhältnismäßig wenig kosten. Mit dem ABC-Fahrschein kann man für 2,60 Euro von Erkner bis Potsdam fahren. In München dagegen kostet eine ähnlich lange Fahrt, etwa vom Hauptbahnhof zum Flughafen, 8,80 Euro. Versuche, lange Fahrten auch im Berliner Raum teurer zu machen, hat es zwar auch gegeben, doch bisher sind sie alle gescheitert.

Umgekehrt sind beim Berliner Fast- Einheitspreis kurze Fahrten relativ teuer. Reicht es nicht für die Kurzstrecke, die 1,20 Euro kostet, muss ein Einzelfahrschein für mindestens 2,10 Euro gelöst werden. Und selbst wer nur im Tarifgebiet A unterwegs ist, das den Bereich innerhalb des S-Bahn- Ringes umfasst, muss einen AB-Fahrschein für das gesamte Stadtgebiet kaufen. Fahrscheine nur für die Bereiche A oder B gibt es nicht.

Eine exakte Abrechnung, basierend auf den zurückgelegten Kilometern, ist zwar das Ziel der BVG, doch davon sind die Planer noch weit entfernt. Ein elektronisches Ticket lässt auf sich warten. Dabei müssen nicht nur technische und finanzielle Probleme gelöst werden, sondern auch datenschutzrechtliche. Um die Fahrt exakt abrechnen zu können, müssten die Unternehmen zumindest vorübergehend alle Fahrtdaten der Kunden speichern, aus denen dann ein „gläserner Fahrgast“ würde. Und das sehen nicht alle so gern.

Deshalb wird es den „Berliner Tarif“ auch in den nächsten Jahren weiter geben. Andere Verkehrsverbünde haben das Prinzip inzwischen übernommen. Mit dem einfachen Tarif – und einem attraktiven Fahrplan – versucht der VBB, weitere Fahrgäste für den Nahverkehr zu gewinnen. Dazu müssen vor allem Autofahrer zum Umsteigen bewegt werden. Die hohen Benzinpreise sind ein zusätzliches Lockmittel. Allerdings will auch die BVG die Preise erhöhen.

Einen Überblick zum gesamten Angebot des Verkehrsverbundes gibt es heute am Bahnhof Friedrichstraße mit dem „Tag für die Fahrgäste“. Informationen erhalten alle Kunden – die vorhandenen und die neuen.

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