Zeitung Heute : Ein Fall für Fischer: Mord in der Maggie-Thatcher-Ära

Andrea Fischer

Sicher, es gibt Gelegenheits-Krimileser. Die nehmen einen Kriminalroman zur Hand, wenn er ihnen als besonders anspruchsvoll gepriesen wird oder aus Not, weil gerade nichts anderes da ist. Aber die meisten Krimileser sind Abhängige. Sie brauchen immer mehr von ihrem Stoff. So lesen sie im Laufe der Jahre Hunderte von Krimis. Fußballfans müssen sich immer wieder die blöde Frage gefallen lassen, was denn so Tolles dabei sei, wenn 22 Männer hinter einem Ball herrennen. Der Krimifan wird gefragt, wie man denn noch beim 486. Krimi etwas dabei findet, wenn wieder ein Detektiv hinter dem Mörder her ist.

Vom Verbrechen zur Aufklärung - der Kriminalroman unterliegt ähnlich strengen formalen Anforderungen wie ein Sonett. Variationen über das Verbrechen und den Zeitpunkt seines Vorkommens im Roman sind eher banal. Die meisten Autoren wollen ihre Unverwechselbarkeit über ihre Helden herstellen. Je älter das Genre Kriminalroman, umso schwerer wird es, da noch eine neue und zugleich überzeugende Figur zu finden. Auch weibliche Detektive sind längst nichts Neues mehr. Hohe Kunst aber ist es, die Form zu sprengen. Das ist der britischen Autorin Joolz Denby mit ihrem Debüt"Im Herzen die Dunkelheit" (Rororo, Reinbek, 310 Seiten, 16,90 DM) gelungen. Nach nicht ganz zehn Seiten kristallisiert sich das Verbrechen, der Verbrecher und seine Beziehung zur Erzählerin heraus. Dann wird die Geschichte rückwärts erzählt und - ein Wunder - bleibt dabei atemberaubend spannend.

Zwei Freundinnen in Bradford, Nordengland. Jamie ist Stand-up Comedian in schäbigen Bars, ihre Freundin Tiger Lily ihre, na ja, Managerin. Die beiden leben zusammen mit dem indischstämmigen Transvestiten Mojo in einer chaotischen und sehr innigen Wohngemeinschaft. Jamie hat eine fatale Schwäche für ekelhafte Männer als Liebhaber. Ihre Freunde akzeptieren deshalb auch Sean, selbst als die Affäre für alle Seiten unerträglich wird. Dann beginnt eine Serie von Frauenmorden, die Bradford an die Grenzen seiner Wohlanständigkeit und seiner multikulturellen Toleranz bringen.

Tiger Lily erzählt die Geschichte aus ihrer Perspektive, in einer coolen Alltagssprache. Während sie immer tiefer in das Drama zwischen Jamie und Sean eintaucht, macht sie uns Leser zu Detektiven. Wir ahnen früher als sie, wer Sean ist und möchten sie mit der Nase draufstoßen. Tiger Lily zieht uns tief in die Geschichte hinein. Wir kennen das: Zur Liebe einer Freundin zu stehen statt sie mit allen Mitteln von dem fiesen Kerl wegzuholen. Wir teilen ihren Zorn, dass bei den Mordopfern zwischen "anständigen" und "unanständigen" Mädchen unterschieden wird. Wir beobachten, wie eine agitatorische Boulevardpresse allen Nicht-Weißen das Leben zur Hölle macht, als ein Schwarzer der Täter zu sein scheint. Die suggestive Kraft des Romans ist so stark, dass wir sogar beim Showdown vergessen, dass wir das Ende ja eigentlich kennen. Am Schluss haben wir etwas gelernt über die Psyche des Verbrechers, wir verstehen ihn, auch wenn wir ihm nicht vergeben wollen.

Joolz Denby hat nicht nur die Studie eines Sexualmörders geschrieben, sondern auch ein Sittenbild der späten Thatcher-Zeit gezeichnet. So liebt man den politischen Kriminalroman: nicht belehrend oder gar agitierend, sondern scharf beobachtend. Für Denby ist es ihr erster Kriminalroman, bekannt ist sie in Großbritannien bislang als Lyrikerin und PerformanceKünstlerin. Ein zweiter Roman ist bereits auf Deutsch erschienen ("Das Tor des Schmerzes"), auf einen dritten dürfen wir hoffen.

Nichts gegen das intellektuelle Vergnügen, die die vorgegebene Formen des Kriminalromans variieren. Aber auch die Lyrik ist beim Sonett nicht stehengeblieben.

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